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kam doch auf den ersten Eindruck an, den die Tochter des Apollonius bei der ersten Zusammenkunft auf dich machen sollte; und daher wurden auch (wie du dich erinnern wirst) alle Umstände so gewählt und verbunden, dass sie die verlangte wirkung tun mussten, und dass keiner hätte fehlen dürfen, ohne dieser etwas von ihrer Stärke zu benehmen. Alles musste mit deinen entusiastischen Ideen zusammen klingen, alles musste sie wahr machen und immer höher spannen, alles in deinen Augen ungewöhnlich und wunderbar sein und dir doch natürlich vorkommen, alles übereinstimmen deine Vernunft vollends zu betäuben, und deine bezauberte Seele mit ungewissen Erwartungen, neuen entzückenden Gefühlen, und dumpfer Ahndung der hohen Mysterien, die der Gegenstand deiner Wünsche waren, anzufüllen. Bei einem so arglosen, so unerfahrnen, so schwärmerischen Jüngling war wenig zu besorgen, dass er das Maschinenspiel, wodurch er gefangen werden sollte, so leicht entdekken würde: aber du wirst dich nun auch hintennach erinnern, wie sorgfältig alles darauf angelegt war, dir eine solche Entdeckung unmöglich zu machen. Unsere Nymphen und Amoretten, die gewandtesten Geschöpfe von der Welt, waren jedes zu seiner Rolle aufs beste abgerichtet. Die Beschaffenheit des Ortes, und die Art, wie die Gärten der Villa von dem geheiligten Hain und dem Bezirke, der die Felsenwohnung umgibt, abgesondert sind, liess dich nicht ahnden, dass eine solche Villa in der Nähe sei. Wiewohl der hintere teil des Tempels, der dem Anschein nach an einen Felsen angelehnt ist, unmittelbar mit derselben zusammenhängt, so war diese Verbindung doch durch die dichten Gebüsche und hohen Bäume, die den Tempel umgeben, so gut versteckt, dass sie ohne eine sehr genaue Untersuchung schwerlich entdeckt werden konnte; und sowohl damit du hierzu keine gelegenheit finden möchtest, als um die gute wirkung der Teophanien, womit wir dich beglücken wollten, zu befördern, wurde dir gleich anfangs zum Gesetz gemacht, dass der Tempel nur nach Sonnenuntergang besucht werden dürfe. Die Bildsäule der Göttin war schon lange zuvor nach dem Modell der schönen Mamilia verfertigt worden, und eine jede andere, wäre es auch die Knidische selbst gewesen, würde zu unserer Absicht nichts getaugt haben. Ohne Zweifel wäre diese Absicht eben so wenig erreicht worden, wenn sie dir bei Tageslicht und an einem andern Orte, als das Bild irgend einer schönen Römerin, gezeigt worden wäre. Aber nachdem die idee der Göttin in deiner Phantasie nun einmal mit diesem Bilde zusammengeschmolzen war, und Mamilia, sogar im Marmor, schon beim zweiten Besuche deine Sinne so stark beunruhiget hatte: so durften wir es wagen, sie dir mit ihren Grazien in eigener leibhafter person, wiewohl in Wolken und in einem übernatürlich scheinenden Lichte, erscheinen zu lassen, und konnten um so gewisser sein, dass die abgezielte Täuschung bei dir erfolgen, und dass dir selbst der Taumel deiner Sinne als eine natürliche Folge der vermeinten Teophanie erscheinen werde, da du, zu allem Ueberfluss, durch die zwischen uns vorgefallenen Unterredungen (deren du dich vermutlich noch besinnest) so trefflich zu dieser Scene vorbereitet warst. Denn du wirst nun leicht begreifen, warum ich zu eben der Zeit, da ich dich des Wohlgefallens der Göttin an der Reinheit deiner Empfindungen versicherte, mir so angelegen sein liess, dich zu überzeugen, dass es in ihrem Belieben stehe, durch welche Art von Einwirkung sie sich dir mitteilen wolle. – Spitzbübin! rief ich (wiewohl mit einer Umarmung, die ich ihrer reizend schalkhaften Miene nicht versagen konnte), ich erinnere mich noch deiner eigensten Worte: "ist die Liebe, die sie dir eingeflösst hat, nicht ihr eigenes Werk? Kann Liebe ohne Verlangen, Verlangen ohne Ausdruck sein? Die reinste LiebeVenus Urania kann keine andere erweckenveredelt und verfeinert die Sinne, erhöht und begeistert sie, aber vernichtet sie nicht." – Du hast ein treffliches Gedächtniss, versetzte sie lächelnd: vermutlich verstehst du nun auch, – nachdem wir dir den Schlüssel nicht nur zu dem was mit dir vorgenommen wurde, sondern auch zu dem was in dir vorging, gegeben habenwas ich damit meinte, als ich zu zweifeln schien, "ob du auch einer so rein und ganz sich hingebenden Liebe, wie die Göttin verlange, fähig seiest?" – Und gleichwohl, bei allen diesen Täuschungen, glaubtest du nicht, als dir Mamilia mit ihren drei Mädchen in der helldunkeln Wolke von gemalter Leinwand erschien, die Göttin der Liebe selbst mit ihren ewig jugendlichen Grazien zu erblicken? und kannst du läugnen, dass dich diese vermeinte Teophanie unaussprechlich glücklich machte? – Weil ich sie für Teophanie hielt, fiel ich ihr ins Wort. O dass ihr mich doch ewig in diesem Wahne gelassen hättet! – Sei versichert, antwortete Dioklea, es wäre geschehen, wenn nicht die natur selbst es unmöglich gemacht hätte, nach dem höchsten Grade von Genuss, dessen die Sinne fähig sind, noch länger getäuscht zu werden. Aber, wer wollte sich, wenn er so glücklich geworden ist als es ein Sterblicher sein kann, noch beklagen, dass man ihn nicht gar zum Gott gemacht hat? Und zudem, hattest du nicht, in den Stunden da sich die Göttin in Mamilien verwandelte, Augenblicke, worin du dich wirklich vergöttert fühltest? – "O da war mir Mamilia noch immer die Göttin selbst." – Und sollte sie es nicht, trotz aller Aufschlüsse die du bekommen hast, wieder werden können? sagte Dioklea.

Die Zurückkunft der schönen Römerin, die dieser sonderbaren Unterredung ein