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Empedokles9 in den Flammenschlund des Aetna?"

Als Teagenes (so nannte sich der Schreier) diess gesagt hatte, fragte ich einen der Umstehenden, was er mit seinem Feuer meinte, und was Hercules und Empedokles mit dem Proteus zu schaffen hätten? – Du weisst also nicht, versetzte er mit, dass Proteus sich nächstens zu Olympia verbrennen wird? – Sich verbrennen? rief ich mit Verwunderung: wie ist das gemeint? und warum will er sich verbrennen? – Aber wie mir jener antworten wollte, schrie der Cyniker wieder so abscheulich, dass ich kein Wort von dem andern verstehen konnte. Ich hörte also nochmals den erstaunlichen Hyperbolen zu, die jener zum Lobe des Proteus in einem Strom von Worten ausgoss. Dem Diogenes und seinem Meister Antistenes geschähe schon zu viel Ehre, sagte er, wenn man sie nur mit ihm vergleichen wollte. Dazu wäre nicht einmal Sokrates gut genug: kurz, er forderte endlich Jupitern selbst zum Kampf mit seinem Helden heraus; doch fand er zuletzt für besser, die Sachen zwischen ihnen ins Gleichgewicht zu bringen, und schloss seine Rede folgendermassen: "Mit Einem Worte, die zwei grössten Wunder der Welt sind Jupiter Olympische Jupiter und Proteus; jenen bildete die Kunst des Phidias, diesen die natur selbst; und nun wird dieses herrliche Götterbild auf einem Feuerwagen zu den Göttern zurückkehren, und uns als Waisen zurücklassen!" – Der Mann schwitzte wie ein Braten, indem er diess tolle Zeug vorbrachte aber bei den letzten Worten brach er auf eine so komische Art in Tränen aus, dass ich mich des Lachens kaum erwehren konnte; er machte sogar Anstalt sich die Haare auszuraufen, nahm sich aber doch in Acht, nicht gar zu stark zu ziehen. Endlich machten einige Cyniker dem Possenspiel ein Ende, indem sie den schluchzenden Redner unter vielen Trostsprüchen davon führten.

Er war aber kaum von der Kanzel herab gestiegen, so stieg schon ein Anderer wieder hinauf, um die Zuhörer nicht aus einander gehen zu lassen, bevor er dem noch flammenden Opfer seines Vorgängers eine Libation aufgegossen10 hätte. Sein erstes war, dass er eine laute Lache aufschlug, wodurch er, wie man wohl sah, seinem Zwerchfell eine nötige Erleichterung verschaffte. Hierauf fing er ungefähr also an: Hat der Marktschreier Teagenes seine verwünschte Rede mit den Tränen des Heraklitus beschlossen, so fange ich umgekehrt die meinige mit dem Gelächter des Demokritus11 anund nun brach er von neuem in ein so anhaltendes lachen aus, dass die meisten von uns Anwesenden sich nicht erwehren konnten ihm Gesellschaft zu leisten. Endlich nahm er sich wieder zusammen, und fuhr fort: "Was könnten wir auch anders tun, meine Herren, wenn wir so höchst lächerliches Zeug in einem solchen Tone verbringe hören, und sehen, wie bejahrte Männer, um eines verächtlichen kleinen Rühmchens willen, auf öffentlichem Markte nur nicht gar Burzelbäume machen? Damit ihr doch das Götterbild, das nächster Tage verbrannt werden soll, etwas näher kennen lernet, so höret mir zu; mir, der schon seit langer Zeit seinen Charakter studiert und sein Leben beobachtet, ausserdem aber noch verschiedenes von seinen Mitbürgern und von Personen, die ihn notwendig sehr genau kennen mussten, erkundiget hat.

Dieses grosse Wunder der Welt wurde in Armenien, da er kaum die Jahre der Mannbarkeit erreicht hatte, im Ehebruch ertappt, und genötigt, mit einem Rettig im Hintern,12 sich durch einen Sprung vom dach zu retten, um nicht gar zu tod geprügelt zu werden. Gleichwohl liess er sich bald darauf wieder gelüsten, einen schönen Knaben zu verführen; und bloss die Armut der Eltern, die sich mit dreitausend Drachmen abfinden liessen, war die Ursache, dass er der Schande, vor den Stattalter von Asien geführt zu werden, entging. Doch, ich übergehe alle seine Jugendstreiche dieser Art; denn damals war das Götterbild freilich noch ungeformter Ton, und von seiner Ausbildung und Vollendung noch weit entfernt. Aber was er seinem Vater getan, ist allerdings nicht zu übergehen, wiewohl ihr vermutlich alle schon gehört haben werdet, dass er den alten Mann, weil er ihm mit sechzig Jahren schon zu lange lebte, erdrosselt haben soll. Da die Sache bald darauf ruchtbar wurde, sah er sich gezwungen, sich selbst aus seiner Vaterstadt zu verbannen, und von einem land ins andere unstät und flüchtig herum zu irren.

Um diese Zeit geschah es, dass er sich in der wundervollen Weisheit der Christianer unterrichten liess, da er in Palästina gelegenheit fand mit ihren Priestern und Schriftgelehrten bekannt zu werden. Es schlug so gut bei ihm an, dass seine Lehrer in kurzer Zeit nur Kinder gegen ihn waren. Er wurde gar bald selbst Prophet, Tiasarch, Synagogenmeister13, mit Einem Worte alles in allem unter ihnen. Er erklärte und commentierte ihre Bücher, und schrieb deren selbst eine grosse Menge; kurz, er brachte es so weit, dass sie ihn für einen göttlichen Mann ansahen, sich gesetz von ihm geben liessen, und ihn zu ihrem Vorsteher machten. – Es kam endlich dazu, dass Proteus bei Begehung ihrer Mysterien14 ergriffen und ins gefängnis geworfen wurde; ein Umstand, der nicht wenig beitrug, ihm auf sein ganzes Leben einen sonderbaren Stolz einzuflössen, und diese Liebe zum Wunderbaren und dieses unruhige Bestreben nach dem Ruhm eines ausserordentlichen Mannes in ihm anzufachen, die seine herrschenden Leidenschaften wurden. Denn sobald er in Banden lag, versuchten die Christianer (die diess als eine ihnen allen zugestossene grosse Widerwärtigkeit betrachteten) das Mögliche und Unmögliche, um ihn dem