mein ungebührliches Betragen aufsprang, und ihr, zwar nicht ohne inneren Kampf, aber wie von einer stärkern Kraft fortgezogen, nachzugehen anfing.
Es währte eine ziemliche Weile, bis ich sie wieder zu gesicht bekam. Sie sass, mit einer Nadelarbeit auf ihrem Schoosse, unter einer Laube des Myrtenwäldchens, und schien nicht zu bemerken dass ich ihr immer näher rückte. Nachdem ich in einiger Verlegenheit eine Zeit lang hin und her um die Laube herumgegangen war, ohne dass sie sich nach mir umgesehen hätte, konnte ich mich nicht länger zurückhalten hineinzutreten, und mich stillschweigend ihr gegenüber zu setzen. Sie schien meine Gegenwart noch immer nicht zu achten, und diese stumme Scene dauerte so lange bis ich zu seufzen anfing. War das nicht ein Seufzer, Proteus? sagte sie in einem scherzenden Tone. Du bist in der Tat sehr zu bedauern, dass man dich wider deinen Willen dahin gebracht hat, ein chimärisches Glück gegen ein wirkliches, das alles was du dir jemals einbilden konntest übertrifft, zu vertauschen! – Ich glaube selbst, sagte ich, dass ich mich sehr glücklich finden würde, wenn ich so denken könnte, wie du es jetzt zu verlangen scheinst. – Glaubst du das? versetzte sie mit einem kleinen Nasenrümpfen. Aber, fuhr sie in dem ernstaften Tone, den ich an ihr gewohnt war, fort, indem sie aufstand und auf den Pavillion zuging, wir sind jetzt nicht aufgelegt, von einem so zarten gegenstand zu sprechen. Die Gebieterin dieses Ortes, von deren Stand und Vermögen du dir aus allem was du hier siehest die richtigste Vorstellung machen kannst, ist durch unvermutete Geschäfte nach Milet abgerufen worden, und hat mir aufgetragen, in ihrer Abwesenheit dafür zu sorgen, dass dir die Weile nicht lang werde. Wenn es dir nicht zuwider ist, wollen wir die Zeit bis zur Tafel mit Besehung der merkwürdigsten Dinge in dieser Villa hinbringen.
Hiermit nahm sie mich bei der Hand, führte mich in die Galerie, die ich zuvor nur flüchtig übersehen hatte, und zeigte mir, indem sie die mannichfaltigen Kunstwerke, welche Reichtum und Geschmack hier aufgehäuft hatten, mit mir betrachtete, so viele Kenntnisse in diesem Fache, und bei jeder gelegenheit, die sich dazu anbot, so viel Weltkunde und Bekanntschaft mit allen merkwürdigen Personen der zeiten Trajans und Hadrians, dass die Bewunderung, die sie mir einflösste, mit jeder Minute höher stieg, und alle Beschwerden, die ich gegen sie zu führen hatte, auf die Seite drängte. Kurz, Dioklea war so reich an Erfindung angenehmer Zerstreuungen, so unerschöpflich an Unterhaltung wenn wir uns allein befanden, und so aufmerksam, jeden leeren Zwischenraum mit Musik, Tänzen, Pantomimen, oder den übrigen Künsten, die hier für Mamiliens Vergnügen beschäftigt waren, auszufüllen, dass mir die drei Tage, welche die Dame des Hauses abwesend war, wie einzelne Stunden vorbei kamen. Die Wolken, die mein Gemüt umzogen hatten, zerstreuten sich; meine Einbildung klärte sich wieder auf; die tausendfachen zauberischen Eindrükke, welche natur und Kunst auf alle meine Sinne machten, gewannen unvermerkt die Oberhand, und ehe der zweite Tag vorüber war, befand ich mich wieder so lebendig und so hohen Mutes als jemals; mit dem einzigen Unterschiede, dass die Götternächte der Venus Mamilia einen Sinn, dessen geheime Forderungen mir so lange unverständlich geblieben waren, in eine Tätigkeit gesetzt hatten, die sich nicht so leicht beruhigen liess, und sich nun des Einflusses und der Obermacht bemeisterte, in deren Besitz ehemals die Phantasie gewesen war. – Warum sollte ich dir, da ich doch einmal im Bekennen bin, nicht alle meine Verirrungen und Betörungen gestehen? Zwei Tage Abwesenheit, die Ruhe einer einsamen Nacht, und der üppige Ueberfluss einer Römischen Tafel hatten der schönen Mamilia in meiner Einbildung ihre ganze Gotteit wiedergegeben; ich sehnte mich nach ihrer Zurückkunft: aber sie war abwesend, und die Tochter des Apollonius war gegenwärtig. Ihre ehemalige priesterliche Feierlichkeit war mit der Binde um ihre Stirn verschwunden; sie hatte sich allmählich ihrer natürlichen Lebhaftigkeit überlassen; und so wie sie alle Reize ihres Geistes vor mir entfaltete, schien sie sich auch nicht länger verbunden zu glauben, mir aus den eben so mannigfaltigen Reizen ihrer person länger ein geheimnis zu machen. Nie waren vielleicht die Grazien einem weib holder gewesen als ihr, und in der Kunst, die Gunstbezeugungen der natur mit Anstand in das vorteilhafteste Licht oder Helldunkel, und was der Zahn der Zeit etwa daran benagt haben mochte, in den schlauesten Schatten zu setzen, hatte sie schwerlich jemals ihres gleichen gehabt. Kurz, wiewohl sie die Hälfte ihrer Jahre hätte abgeben müssen um die Göttin der Jugend vorzustellen, so blieb ihr doch mehr, als für einen Neuling meiner Art nötig war, um in einer dämmernden Rosenlaube oder in dem kleinen Tempel des Stillschweigens die Abwesenheit der Göttin Mamilia zu ersetzen.
Lucian.
Und sie machte sich vermutlich eben so wenig Bedenken daraus, als der Neuling sich machte diese Untreue an seiner Göttin zu begehen?
Peregrin.
Er glaubte Mamilien keine Treue schuldig zu sein. Aber die erfahrne Dioklea kannte die Männer zu gut, als dass sie ihm den Sieg, den er über ihre Weisheit erhielt, nicht schwer genug zu machen gewusst hätte, um den Wert desselben in seinen Augen zehnfach zu verdoppeln. – Soll ich dir noch mehr sagen? So lächerlich es in unserm dermaligen stand sein mag, von den Spielzeugen und Kurzweilen unsrer ehemaligen Kindheit mit einem gewissen Wohlbehagen zu sprechen, so kann ich mich doch der