worin sie ihren Adonis zu erhalten wusste, selbst das Uebermass ihrer Gunsterweisungen die Täuschung eine Zeit lang beförderte, so kam doch endlich der Augenblick, wo die Erscheinung der Grazien eben so erwünscht als notwendig war.
Sie erschienen auch wie gestern; aber mit ihrer Ankunft lösete sich, leider! der Zauber auf, der meine Vernunft seit einiger Zeit so seltsam gebunden hatte. Ein gewisses spöttelndes Lächeln, das ich in den Augen und Lippen derjenigen, die mir die Nektarschale anbot, überraschte, machte mich stutzen. Ich betrachtete sie mit einer misstrauischen Aufmerksamkeit, heftete dann mit Bestürzung meine Augen auf die Göttin, und glaubte – o Himmel, welche Verwandlung! – in der Grazie nur eine Cypassis62, und in der vermeinten Venus Urania nur eine sehr irdische Lais und Phryne zu entdecken.
Die plötzliche Veränderung, die bei diesem Gedanken in mir vorging, war zu gross, um einer Kennerin wie Mamilia unbemerkt zu bleiben: aber ohne das geringste Zeichen von Verdruss darüber sehen zu lassen, sagte sie bloss mit einem unbeschreiblich süssen Lächeln zu mir: du bedarfst der Ruhe, mein Geliebter! – Und, auf einen Wink, den sie ihren Mädchen zuwarf, hüllte sie sich in einen grossen Schleier ein, und verschwand mit ihnen aus meinen Augen.
Wie bedürftig ich auch (nach dem Urteil der schönen Mamilia) der Ruhe sein mochte, so war doch in dem Zustande, worein mich meine so plötzliche – wiewohl freilich sehr natürliche – Entzauberung geworfen hatte, für diese Nacht an keine Ruhe mehr zu denken. Der Fall eines Phaëton63, mit welchen Farben ihn auch ein Dichter ausmalen könnte, gäbe nur ein schwaches Bild des Sturzes ab, den meine taumelnde Seele von der Spitze ihrer vergötternden Aussichten tat, als der magische Nebel so auf einmal von meinen Augen niedersank. Keine Beschreibung könnte die Beschämung des betrognen Dämons und den Unwillen erreichen, worin er über sich selbst entbrannte, der Held einer lächerlichen Posse, das Spielzeug einer Bande leichtfertiger Weibsstücke gewesen zu sein, die sich zusammen verschworen hatten, ihren Mutwillen mit seiner Unschuld und Aufrichtigkeit zu treiben.
Da meine Unerfahrenheit mich in diesem Augenblicke noch unwissend darüber liess, wie vielen Anteil vor zwei Tagen der Ueberfluss meiner Lebensgeister an meiner Bezauberung, und nun die Erschöpfung an der Auflösung derselben hatte: so war es bei einem Menschen von meiner Vorstellungsart nicht wohl anders möglich, als dass ich von einem Aeussersten ins andere fiel, mich selbst sowohl als die Gegenstände, denen meine Phantasie und mein Herz unwissender Weise eine idealische Vollkommenheit geliehen hatte, auf einmal tiefer als recht war herabwürdigte, und indem ich mir alles, was seit acht Tagen mit mir vorgegangen, mit den kleinsten Umständen ins Gedächtniss zurückrief, nicht begreifen konnte, wie es möglich gewesen sei, dass ich die Kunst, womit Dioklea und die vorgegebene Göttin mir ihre Schlingen gelegt hatten, nicht viel früher gewahr geworden. Der Unmut, womit mich diese Gedanken erfüllten, machte mir die Scene meiner Entgötterung unerträglich; ich floh in den entlegensten teil des Waldes, der die Gärten umgab, warf mich unter einen Baum, und hatte schon einige Stunden in dieser von meiner vorigen Wonne so stark abstechenden Gemütslage hingebracht, als eine Erscheinung, deren ich mich gerade am wenigsten versah, den Lauf meiner kränkenden Betrachtungen hemmte.
Es war die Tochter des Apollonius selbst, die mit der Ruhe und Unbefangenheit einer person, welche keine Vorwürfe befürchtet weil sie keine verdient zu haben glaubt, auf mich zukam und mich anredete. Wie? sagte sie mit einer angenommenen Miene von Verwunderung, wie finde ich dich hier, Proteus? – Möchtest du mich nie gefunden haben! antwortete ich, mein Gesicht mit einem tiefen Seufzer von ihr wegwendend. – Ist's möglich, versetzte sie schalkhaft lächelnd, dass Proteus, nach allem was seit unsrer Trennung mit ihm vorging, eines so undankbaren Wunsches fähig sein kann? – "Undankbaren? – Und du, kannst du nach dem schändlichen Betrug, den du mir gespielt hast, noch Dank erwarten?" – Seltsamer Mensch! Wenn du das Betrug nennest, wo ist der König, der sich nicht glücklich schätzte so betrogen zu werden? Du bist mir unbegreiflich, Proteus! "Und du, Dioklea, oder wie du heissen magst denn warum sollte nicht auch dein Name, wie alles andere an dir, falsch sein? – kannst du läugnen, dass die Venus, in deren arme du mich betrogen hast, eine –"
Dioklea liess mich nicht vollenden was ich selbst nicht herauszusagen vermochte. Du bist in einer Laune, fiel sie ein, worin du nicht zu fühlen scheinst, was dir zu sagen, oder mir anzuhören geziemt. – Und mit diesen Worten entfernte sie sich mit ihrer gewöhnlichen Majestät, und liess mich in einem Zustande von Verwirrung und Unzufriedenheit über meine eigenen Gefühle, den ich mir selbst nicht hätte erklären können. Genug, es zeigte sich bald, dass mein Unwille nicht lange gegen diese rätselhafte Frau aushalten konnte. Die Zuversicht mit der sie sich mir darstellte, ihr Anblick selbst, der edle Anstand womit sie dem Ausbruch meines Unmuts Einhalt tat, alles an ihr gebot mir eine unfreiwillige Ehrerbietung; und so wie sie sich entfernte, wurden alle die wunderbaren und zauberischen Eindrücke wieder rege, die sie von unsrer ersten Bekanntschaft an auf mich gemacht hatte. Kurz, sie erhielt wieder ihre vorige Gewalt über mich; und kaum hatte ich sie aus den Augen verloren, als ich in einer plötzlichen Anwandlung von Reue über