den ersten Umarmungen seiner Göttin kommender Verliebter geträumt hat. Ich erwachte wieder um die Zeit, da die Sonne ungefähr noch den sechsten teil ihrer täglichen Reise zu vollenden hat, und eilte mit aller Munterkeit und Ungeduld, die ein Vorrecht unverdorbener Jugend ist, meine angebetete Göttin so lange zu suchen bis sie sich finden liesse. Ein anmutiger Schlangengang führte mich auf einem sanften Abhang unvermerkt in ein enges von buschigen Felsen umringtes Tal –
Lucian.
– dessen Beschreibung ich dir erlasse, wie romantisch es auch ohne Zweifel gewesen sein wird.
Peregrin.
Daran tust du mir einen grossen Gefallen, lieber Lucian; denn in der Tat sah ich von allen seinen romantischen Schönheiten so viel als nichts, weil ein ganz anderes Schauspiel sich meiner Augen bemächtigte, und, hätte ich ihrer auch so viele gehabt als Argus60, sie alle zugleich angezogen und beschäftigt haben würde. In einer der Felsenwände, die diess liebliche Tal von jeder andern Seite als der, woher ich hinein gekommen war, unzugangbar machten, hatte die Kunst eine hohe und geräumige Grotte, und in dieser Grotte ein so schönes, heimliches und einladendes Bad erschaffen, als sich irgend eine Göttin zu ihrer Erfrischung in den glühenden Tagen des Sommers nur immer wünschen könnte. In einem Gebüsche von Rosen und Myrten, das die Grotte umgab, umherirrend, war ich ihr nahe genug gekommen, um durch ein leichtes Plätschern nach der Ursache desselben neugierig zu werden, und – wen anders als meine Göttin? in eben der Lage zu erblicken, worin eine nicht so gefällige Unsterbliche überrascht zu haben dem unglücklichen Aktäon61 einst so übel bekam. Wiewohl ich nun, allem Ansehen nach, kein ähnliches Schicksal zu besorgen hatte, so hielt mich doch Ehrfurcht und Entzücken bei diesem unverhofften Anblick so gefesselt, dass ich mir kaum zu atmen getraute – aber glücklicher Weise war das Gebüsche zugleich so dunkel und so durchsichtig, dass ich sehen konnte ohne gesehen zu werden.
Lucian.
Man sollte denken, deine Augen müssten durch die Bildsäule, die der Göttin so ähnlich war, mit ihrer Gestalt schon so bekannt gewesen sein –
Peregrin.
Bekannt? – O ja; aber was für ganz andere Augen hatte mir die letzte Nacht gegeben! Welch ein Unterschied! Nicht geringer, als ob einer in ein Buch schaute, dessen Charaktere ihm unbekannt wären, oder ob er die Sprache und die Zeichen verstände, worin es geschrieben ist.
Lucian.
Du hast Recht, Peregrin! daran dachte ich nicht, und das macht doch in der Tat, selbst für einen so kalten Anschauer der Schönheit als ich und meines gleichen, einen grossen Unterschied.
Peregrin.
Zudem vereinigten sich hier noch verschiedene kleine Umstände, die Schönheit der Göttin in ein Licht zu setzen, worin ich sie noch nie gesehen hatte. Die Grazien, die ich in immer abwechselnden Gruppierungen um sie her beschäftigt sah, waren bekleidet; zwar leicht und nymphenhaft, aber doch genug, um mit allen ihren Reizen eine Art von Schatten zu machen, der die unverhüllte Schönheit der Göttin desto mehr erhob. Ueberdiess war die Zeit dieser neuen Teophanie so schlau gewählt worden, dass ein Strom von Sonnenstrahlen zwischen den Felsenspalten gerade in die gegenüber liegende Grotte fiel, und eine Glorie auf die badende Göttin warf, die meine Betörung hätte vollenden müssen, wenn noch etwas daran zu vollenden gewesen wäre.
Lucian.
Du glaubst also, dass auch diese Bade-Scene absichtlich angelegt war?
Peregrin.
Ohne Zweifel; denn ich hatte (wiewohl ich damals nicht darauf merkte) immer den einen oder andern sichtbaren oder unsichtbaren Amor neben mir, oder über mir, oder hinter mir, der auf alle meine Bewegungen Acht gab, und kraft dieser Vorsicht konnte Quintilla genau wissen, um welche Zeit ich ungefähr auf dem Spaziergang, den mir einer von ihnen gezeigt hatte, nicht weit von der Grotte anlangen würde.
Die Göttin wurde ihrer Rolle eher müde als ihr Zuschauer der seinigen; sie verliess das Bad meiner Rechnung nach sehr bald, und nachdem sie von ihren Grazien wieder angekleidet worden war, wurden plötzlich auf ein gegebenes Zeichen alle Gebüsche umher lebendig, und eine unzählige Menge junger Nymphen und kleiner Amorinen eilte herbei, sie zurückzubegleiten. Ich entfernte mich so schnell ich konnte; und als ich eine Weile darauf von einer andern Seite gegen den Pavillon zurückging, fiel mir mitten in einem dunkeln Myrtenwäldchen ein kleiner Tempel in die Augen, vor dessen halb offner Pforte ein Amor, mit dem Zeigefinger auf den Lippen, stand. Er winkte mir, öffnete die Pforte, schloss sie hinter mir zu, und ich befand mich in einem Augenblick zu den Füssen der Göttin, die in halb sitzender Lage auf einem tronförmigen Ruhebette mich zu erwarten schien. Die Wollust selbst hatte dieses Gemach, wie zur Scene ihrer Siege, mit einem zauberischen Rosenlichte beleuchtet, dessen Quelle verborgen war; und ein Pausanias hätte etliche Blätter zu Beschreibung aller Wunder der Kunst, womit es ausgeziert war, verwenden können. Aber besorge nichts, Lucian; wiewohl das Ganze, auch bei einem unaufmerksamen Anblick, notwendig eine wunderbare wirkung tat, so wurde ich doch nicht so viel von den Teilen gewahr, dass ich dir diese wirkung begreiflich machen könnte; denn auch hier sah ich nur die Göttin.
Die in der letzten Nacht angefangene Einweihung in ihren Mysterien wurde in dieser vollendet: aber da ihr der Zwang ihrer Gotteit endlich lästig werden mochte, so verwandelte sich Venus Urania unvermerkt in die leibhafte Mamilia Quintilla; und, wiewohl in dem süssen Taumel,