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einmal ins Klare gekommen sein: aber bei mir stieg gerade durch das, was jedem andern die Augen geöffnet hätte, die Täuschung auf den höchsten Grad. So glücklich, als ich in den Armen der schönen Mamilia war, konnte, meinem Gefühle nach, nur die Göttin der Liebe machen, und nur ein Halbgott konnte unter solchem Uebermass von Wonne nicht erliegen. Wirklich wandte die schlaue Römerin alles an, mich nicht einen Augenblick aus dieser Berauschung aller Sinne zu mir selbst kommen zu lassen; und die Leichtigkeit, womit es ihr gelang, schien etwas so Neues für sie zu sein, dass sie (ohne einige täuschende Künste von meiner Seite) endlich selbst versucht war, mich für etwas mehr als einen Sterblichen zu halten.

Indessen, da sogar die Götter von Zeit zu Zeit nötig haben, der unverlöschbaren Flamme ihrer ewigen Jugend etwas Nektar und Ambrosia zuzugiessen, so erschienen, vermutlich auf irgend ein geheimes Zeichen, plötzlich eben die drei lieblichen Mädchen, die bei ihrer ersten Teophanie die Grazien vorgestellt hatten, und boten uns auf goldenen Schalen und in zierlichen Gefässen von geschliffenem Krystall Erfrischungen an, die einen bei grosser Frugalität auferzogenen Bürger von Parium sehr leicht in dem Wahn erhalten helfen konnten, dass er in die wohnung der Liebesgöttin versetzt sei. Die Grazien liessen uns wieder allein, undkurz, Freund Lucian, als ich nach einem kleinen Schlummer wieder erwachte, war der Tag angebrochen, die Göttin verschwunden, und ich befand mich, ohne zu wissen wie, von einem Gewimmel kleiner Amoretten umschwärmt, in einem lauen Bade, dem vermutlich einige Tropfen Rosenöl den ambrosischen Wohlgeruch mitteilen, der auch hier nicht fehlte, sich mit so vielen andern Umständen zu vereinigen, um meine Sinne in immer währender Trunkenheit und Täuschung zu erhalten.

Lucian.

In der Tat scheint die Circe, in deren Schlingen du gefallen warst, an Alles gedacht zu haben.

Peregrin.

Nachdem ich das Bad verlassen hatte, und in einem daranstossenden kleinen Gemache mit einer sehr zierlichen Kleidung von Fuss auf angetan worden war, öffnete sich eine Tür, und ich befand mich in einem grossen Parterre, in welches Flora alle ihre schönen Kinder zum Vergnügen der Göttin der Liebe versammelt hatte. Eine Menge kleiner Zephyre, die unter den Blumen umher schwärmten, hüpften mir mit Kränzen und Sträussen entgegen, und führten mich, in tausend lieblichen Gruppierungen vor mir hergaukelnd, durch einen kleinen Wald von immer blühenden Citronenbäumen, auf eine sanft emporsteigende Anhöhe, wo ein prächtiger doppelter Säulengang sich um einen grossen Platz herumzog, in dessen Mitte ein Brunnen, mit Gruppen von vergoldetem Erze geziert, das schönste wasser in ein geräumiges Becken von Jaspis ausströmte.

Ich folgte meinen kleinen Führern in einem Zustande von Begeisterung, den du dir eher einbilden kannst, als ich ihn beschreiben könnte. In meinem Leben hatte ich mich nie so leicht gefühlt; mir war als ob ich mit schärfern Augen sähe und mit feinern Ohren hörte, oder vielmehr als ob ich jetzt erst zu leben anfinge, und mit jedem Augenblick ein neuer Sinn, eine neue Quelle geistiger Gefühle sich in mir auftäte.

Lucian.

Eine sehr natürliche Folge der unmittelbaren Mitteilungen der Liebesgöttin bei einem zwanzigjähribisheriges Leben, und vornehmlich durch die guten Dienste einer Tochter des Apollonius, vorbereitet war, auf eine so angenehme Art mit der Wahrheit selbst getäuscht zu werden!

Peregrin.

Im grund des Platzes erhob sich zwischen den zwei Bogen, die der Säulengang zu beiden Seiten machte, ein Pavillion von Frygischem Marmor, aus dessen weit offner Pforte mir zwei Chöre junger Nymphen singend und tanzend entgegen kamen, die mich in diesem Palast, als meiner künftigen wohnung, willkommen hiessen, und das Glück des neuen Adonis priesen. Sie entschlüpften mir wieder aus den Augen, und ganze Schwärme neuer Amorinen und Zephyretten hüpften von allen Seiten herbei, um mich in den schimmernden Marmorsälen und zierlichen Gemächern meiner neuen wohnung herum zu führen, welche mit dem Reichsten und Ausgesuchtesten, was alle der Wollust dienstbaren Künste zu Befriedigung des feinsten Geschmacks, der üppigsten Phantasie und der verwöhntesten Sinnlichkeit erfunden haben, bis zur Verschwendung angefüllt war. Aber weder das alles, noch die Menge der schönen Gemälde, Bildsäulen und Hermen, womit die Galerie ausgeziert war, konnten mehr als einen flüchtigen Ueberblick von mir erund suchten sie vergebens. Der einsamste Busch, die dunkelste Höhle, wo ich mich ungestört dem Anschauen ihres Bildes, das sich mir aus meiner eignen Seele entgegen spiegelte, und den süssen Erinnerungen, die keinem andern Gedanken Raum gaben, überlassen konnte, wäre mir tausendmal lieber gewesen als alle diese Herrlichkeiten.

Ich eilte also wieder in die Gärten, warf mich neben einer Quelle, die aus der Urne einer schönen marmornen Nymphe sprudelte, unter ein dichtes Gewölbe von hohen Bäumen und duftenden Gebüschen, und verlor mich im Gefühl meines Glückes, in einer Art von Entzückung, worüber vielleicht alle andere Bedürfnisse vergessen worden wären, wenn die Liebesgötter, die mir zugegeben waren, mich nicht zur gewöhnlichen Zeit zu mir selbst gebracht, und zu einer Tafel geführt hätten, die unter einem dichten Laubgewölbe für mich bereitet war. Die lieblichste Musik unterhielt mich, ohne dass ich sah woher sie kam, während ich meine durch die höchste Kunst des Komus gereizte und befriedigte Esslust stillte, und dauerte, sich unvermerkt entfernend, noch lange fort, nachdem die Tafel und die Amorinen wieder verschwunden waren. Endlich überschlich mich eine wollüstige Mattigkeit, und ich verschlummerte die heissen Stunden des Tages unter den geistigsten Träumen, die vermutlich jemals ein aus