was ich dir schuldig zu sein glaube, ist, dich nicht länger in der Ungewissheit zu lassen, wer diese irdische Venus Urania war, die den unbedeutenden Sohn eines Bürgers von Parium, mit einem solchen Aufwand von wunderbaren Anstalten und teurgischen Vorbereitungen, zu ihrem Adonis zu machen würdigte.
Ohne Zweifel musst du schon selbst gefunden haben, dass dein Verdacht irre ging, da er auf die ehrwürdige Tochter des Apollonius fiel. Wäre die Priesterin und die Göttin nur eine und eben dieselbe person gewesen, so müsste ich den Betrug schon bei der ersten Teophanie, da sie mir mit ihren Grazien in der Wolke erschien, und noch deutlicher in dem Augenblicke, da ihre Bildsäule sich so unverhofft für mich belebte, notwendig entdeckt haben, und sie hätte sich also dieser Mittel zu meiner Bezauberung nicht bedienen können. Denn, wiewohl Dioklea, den Mangel der Jugend abgerechnet, eine sehr schöne Frau genannt werden konnte, so sah sie doch der Bildsäule nicht gleich; hingegen war die Aehnlichkeit des Bildes mit der Göttin, die ich in den Wolken sah und in der Blende des Tempels umarmte, durchaus in allen Teilen, Formen und Zügen so vollkommen, dass das Leben allein den Unterschied zwischen dem einen und der andern machte.
Wisse also, Freund, dass der heilige Hain, die Felsenwohnung der Dioklea, die Gärten um sie her, und der Tempel der Venus Urania – einen teil eines grossen Landgutes ausmachten, welches, nebst vielen ansehnlichen Ländereien in Ionien, Karien, Lycien und auf der Insel Rhodus, das Eigentum einer edlen Römerin war, die hier, im Mittelpunkt ihrer Besitzungen und in der vollkommensten Unabhängigkeit, den Rest ihrer Jugend, und die Reichtümer, die ihr ein betagter Gemahl hinterlassen hatte, nach einem eigenen, romantischen, aber (wie du gestehen wirst) nicht übel ausgedachten Plane zu geniessen beschlossen hatte. Sie nannte sich Mamilia Quintilla, und würde in den zeiten eines Caligula, Claudius oder Nero durch ihre ausserordentliche Schönheit sich eben so leicht zu dem Range der Poppeen57 und Messalinen erhoben haben, als es ihr unter der Regierung Hadrians gelang, sich – mit Aufopferung ihrer ersten Blüte an einen alten Römischen Ritter, der durch Handelschaft, Glück und Pachtung der Staatseinkünfte ganzer Provinzen in Asien ein unermessliches Vermögen zusammengebracht hatte – in wenig Jahren zur Erbin desselben zu machen.
Wenn die Dame Mamilia Quintilla den besagten Kaiserinnen, ausser der Schönheit, noch in einer andern Eigenschaft, die ihren Ruhm bei der Nachwelt mehr als zweideutig gemacht hat, ähnlich war, so ist wenigstens nicht zu läugnen, dass sie einen so sinnreichen Geschmack in der Art, wie sie ihre Lieblingsleidenschaft befriedigte, und so viel Feinheit in der Wahl der Personen, welche sie dazu vonnöten hatte, zeigte, dass es nicht gerecht wäre, sie mit jenen übel berüchtigten Augusten, oder andern Römerinnen ihrer zahlreichen klasse, in eben dieselbe Linie zu stellen. Ihre Phantasie hatte, wie die meinige, in früher Jugend einen gewissen dichterischen Schwung bekommen: und da sie vermutlich von den Tischfreunden ihres alten Titons oft genug mit der Göttin von Cytere verglichen worden war; so mochte ihr, als sie sich mit zwanzig Jahren, in der Fülle des Lebens und der Schönheit frei, und im stand sah jeder ihrer Neigungen und Launen ein Genüge zu tun, der Gedanke leicht genug gekommen sein, sich einiger Vorrechte dieser Göttin anzumassen, und die Freuden, welche sie zu empfangen und zu geben gleich geschickt und geneigt war, einer gewissen idealischen Vollkommenheit so nahe zu bringen, als es einer Sterblichen nur immer möglich sein könnte.
In dieser Absicht hatte sie ihre Villa zu einem wahren Zauberpalast, und den weitläuftigen Bezirk, der zu derselben gehörte, zu lauter Idalischen Hainen58 und zu einem zweiten Daphne59 umgeschaffen. Die prächtigen Gebäude, woraus die Villa bestand, waren mit einer zahllosen Menge wunderschöner Knaben zwischen acht und zwölf, und reizender Mädchen zwischen zwölf und sechzehn Jahren angefüllt, die sie aus allen Provinzen des Römischen Reichs mit der eigensinnigsten Auswahl hatte zusammen kaufen lassen. Kein Fürst konnte sich rühmen, schönere Stimmen und Instrumente, vollkommnere Tänzerinnen, bessere Köche, und geschicktere Künstler von allen Gattungen die dem Vergnügen und dem Luxus dienen, in seinen Diensten zu haben, als die schöne Mamilia; und sie hatte sich der letzteren so gut zu bedienen gewusst, dass ihr Palast und ihre Gärten eben so vielen künstlichen Scenen glichen, wo alles zu jedem Schauspiel, jeder Teaterveränderung, die zu ihrer Absicht nötig sein konnten, aufs sinnreichste eingerichtet und vorbereitet war. Und wie es von Zeit zu Zeit solche Günstlinge der Glücksgöttin gibt, zu deren Vorteil alle Zufälle sich miteinander verabredet zu haben scheinen, so musste es sich fügen, dass auch diese Römerin, deren Einbildung auf einen so romantischen Lebensgenuss gestimmt war, die einzige Griechin antraf, die ganz dazu gemacht war, ihr zu Ausführung ihrer feinsten und sonderbarsten Ideen behülflich zu sein.
Doch, ich will mir nicht länger selbst durch eine nähere Erklärung zuvor eilen, die noch zeitig genug an ihrem rechten Orte kommen wird. In den Augenblicken, wo die Erzählung meiner Abenteuer stehen geblieben ist, war ich noch unendlich weit von dem leisesten Argwohn entfernt, dass ich in allem dem Ausserordentlichen, was mir seit einigen Tagen begegnete, nur das Spielzeug einer phantastisch-wollüstigen jungen Römerin und einer – alternden Griechischen Schauspielerin sein könnte. Freilich würde jeder andere, der nicht so ganz unerfahren in den Angelegenheiten der Göttin von Cytere gewesen wäre als ich, durch eine solche Entwicklung des Lustspiels auf