dem Liebhaber einer Göttin eingeben kann, schweifte im ganzen Hain umher, und befand mich immer unvorsetzlich vor der Tür des Tempels. Je näher die Sonne ihrem Niedergang kam, desto länger wurde mir jede Minute, welche sie noch über dem Horizont verweilte. Eine geheime Ahndung – die im grund wohl nichts andres war als das instinctmässige Harren dessen was wir sehnlich wünschen – hiess mich von dem Besuche, den ich diese Nacht wieder in dem Tempel machen wollte, irgend eine neue noch grössere Gunst der Göttin hoffen. In jener ersten Erscheinung hatte sie bloss den Versuch gemacht, wie viel meine Sinne von ihrer Gegenwart ertragen könnten. Vielleicht, dachte ich, lässt sie sich diessmal länger, vielleicht in einem noch mildern Glanze sehen; vielleicht nähert sie sich mir, würdigt mich einer Anrede, lässt mich aus ihren eigenen göttlichen Lippen hören, was ich tun muss, um unmittelbarerer, vollkommnerer Mitteilungen würdig zu werden. Wahr ist's, dass ich mir von diesen Mitteilungen nur sehr dunkle, oder, besser zu reden, gar keine Vorstellungen machen konnte: aber die wirkung dieses dunkeln Vorgefühls auf mein Gemüt war nur desto gewaltiger, und mein Wesen erlag beinahe unter der unnennbaren Wonne des Gedankens, von Venus Urania geliebt zu sein – – so wie mir in der Tat die Sprache zu gebrechen anfängt, da ich dir mit einiger Wahrheit schildern möchte, was in diesem seltsamen Zustande mit mir vorging.
Lucian.
Es ist freilich schwer von unnennbaren Dingen zu sprechen, und von ausserordentlichen Gefühlen einem andern, der in seinem Leben nichts Ausserordentliches gefühlt hat, einen Begriff zu geben. Ich entbinde dich also eines vergeblichen Versuchs um so lieber, da du mir bereits genug gesagt hast, um sehr deutlich einzusehen, dass du, mit aller möglichen Bestrebung, dem Blinden, den du vor dir hast, keinen anschaulichern Begriff von den Farben der unsichtbaren Gegenstände, die du ihm schilderst, mitteilen könntest.
Peregrin.
Ich verstehe den Wink, und werde in meiner nächsten Beschreibung, wo nicht so deutlich, doch wenigstens so kurz als möglich sein.
Dritter Abschnitt.
Peregrin.
Die Sonne war nicht lange untergegangen, als ich mich nach den gewöhnlichen Vorbereitungen auf den Weg zum Tempel machte. Aber, wie gross meine Ungeduld nach diesem Augenblick gewesen war, so befiel mich doch, da ich unter den Säulengang trat und im Begriff war den Schlüssel in die Pforte zu stecken, ein so wunderbares Schaudern, dass ich wieder umkehren, und den langen gang von Pomeranzenbäumen zwei- oder dreimal hin und her gehen musste, bis ich Mut genug gefasst hatte, die Pforte aufzuschliessen.
Ich fand das Innerste des Tempels nur schwach beleuchtet, ohne zu sehen wo das Licht herkam; der Amor mit der Fackel fehlte, und die tiefe bogenförmige Blende, wo das Bild der Göttin zu stehen pflegte, war mit einem purpurnen Vorhang bedeckt.
Mit hochschlagendem Herzen stand ich in ehrfurchtsvoller Entfernung, die Augen auf den Vorhang geheftet, als er von zwei eben so schnell erscheinenden als verschwindenden Liebesgöttern plötzlich aufgezogen wurde, und die Göttin in ihrer gewöhnlichen Stellung meinen entzückten Augen zeigte. Der einzige Unterschied war, dass sie nicht auf ihrem Fussgestelle, pich belegten Erhöhung stand, zu welcher man auf zwei niedrigen Stufen emporstieg.
Während ich dieses Ideal der höchsten Schönheit mit einer Liebe und einem Verlangen, als ob ich es mit meinen Augen einsaugen wollte, betrachtete, schien mir's, die Statue belebe sich unvermerkt unter meinen Blicken; ihre Augen funkelten von einem überirdischen Lichte, ihr Busen schien sich zu heben, und eine liebliche Röte alle Lilien ihrer nach dem schönsten Ebenmasse gebauten Glieder in Rosen zu verwandeln.
Du wirst mir gern glauben, dass mein Gefühl bei dieser Erscheinung – mochte sie nun Täuschung oder Wahrheit sein – alle Beschreibung zu Schanden machen würde. Von einem unwiderstehlichen Zug überwältigt wagte ich es endlich, mich ihr mit zögernden Schritten zu nähern; ein unbeschreiblich süsser blick schien mich dazu einzuladen, und in eben dem Augenblicke, da ich meinen unfreiwillig sich öffnenden Armen nicht länger gebieten konnte, breiteten sich die ihrigen gegen mich aus. Ich flog ihr entgegen, schlang jeden glühenden Arm um ihren Leib, fühlte ihren elastischen Busen den meinigen umwallen; dieses göttliche Feuer, das die ganze natur beseelt, blitzte und strömte aus ihr mit einer Wollust, die ich nicht ertragen konnte, in mein ganzes Wesen über, alle meine Sinne taumelten, alle Bande meines Körpers lös'ten sich auf, meine Augen erloschen, und ich verlor alles Gefühl meiner selbst.
Lucian.
Eine seltsame geschichte! – und im grund doch die gemeinste von der Welt. Alles kommt bei diesen Dingen auf die vorhergehenden und begleitenden Umstände, und vornehmlich auf die Beschaffenheit und Stimmung des Subjects an. – Indessen muss ich gestehen, Peregrin, du warst ein glücklicher Erdensohn; und wäre deine Verbrennung zu Harpine die einzige Bedingung gewesen, unter welcher das Schicksal dir erlaubt hätte solche Erfahrungen zu machen, du hättest sie wahrlich nicht zu teuer bezahlt! Wenn die Sterblichen eines Genusses fähig sind, der ihnen das Glück sich zu vergöttern gibt, so ist es das, was du in diesen Augenblicken erfuhrst.
Peregrin.
Die Vergötterung, lieber Lucian, erfolgte erst, als sich der tote, ohne zu wissen wie ihm geschah, auf einem zugleich äusserst weichen und elastischen Ruhebette – in den Armen der Göttin wiederfand. Aber über diese Mysterien versiegelt (mit der Hohenpriesterin Dioklea zu reden) das heilige Schweigen meine Lippen. Alles