bis ich endlich, von einer Stufe zur andern, zum reinen unmittelbaren Anschauen ihres Wesens, und zum vollen Genuss aller Vorrechte des meinigen gelangen würde. – Welche Hoffnungen! Welche Aussichten! Wie ganz anders versprach ich mir selbst mir die Liebe der Göttin zu Nutze zu machen, als die Adonis und Endymionen der poetischen Fabel! Schon durchflog ich mit ihr in Gedanken das unermessliche Weltall, durchschaute alle Geheimnisse der Pytagorischen Zahlen, hörte die Harmonie der Sphären, und begriff den tiefsten Sinn aller Hieroglyphen der natur. Nichts was ein Dämon wissen kann, war mir verborgen, nichts was er wirken kann, unmöglich. – Welche Wonne, welch ein Vorgefühl neuer Kräfte, neuer weit ausgebreiteter Tätigkeit, lag in diesem vergötternden Gedanken! Und nun ergoss sich auf einmal die ganze Gutmütigkeit meines Herzens in ihn. Ein neuer Prometeus, bildete ich schon in meiner allvermögenden Phantasie das Menschengeschlecht zu gutartigen und glücklichen Geschöpfen um; alles Elend verschwand von der Erde; ich rief Asträen wieder vom Himmel herab, stellte die Unschuld und Gleichheit des goldnen Alters wieder her, und beseligte es mit allem, was Künste, Musen und Grazien zur Ausschmückung und Veredlung des menschlichen Lebens beitragen können.
Lucian.
Armer Ikarus! wie hoch schwangst du dich auf deinen Wachsflügeln empor, und wie schmerzlich muss der Fall aus einer solchen Höhe gewesen sein!
Peregrin.
Ahndest du schon meinen Fall, Lucian? – Ganz andre Ahndungen schwellten damals meinen Busen! Auch nicht der kleinste Zweifel, nicht der leiseste laut einer unglückweissagenden Vorempfindung, störte die Wonne meiner bezauberten Seele; und, wenn es wahr ist, dass kein wirklicher Genuss an das reicht was uns die Einbildung davon verspricht, so war dieser einsame Tag unstreitig der glücklichste meines Lebens.
Ich hatte inzwischen, ohne darauf Acht zu geben, den Ort mehr als Einmal verändert, und befand mich in einer Laube des Rosenwäldchens, wo ich endlich in der heissesten Stunde des Tages unvermerkt eingeschlummert war, als ich beim Erwachen einen Tisch mit verschiedenen speisen und einem in Eis stehenden krystallnen Krug Wein vor mir sah, ohne gewahr worden zu sein wie er hierher gebracht worden. Solltest du es glauben? aller seiner hohen dämonischen Schwärmerei zu Trotz, fiel der bezauberte Liebhaber der himmlischen Venus mit der Esslust eines gemeinen Erdensohns über die anziehend duftenden Schüsseln her, und liess, wiewohl sie für zwei mässige Esser zureichend gewesen wären, nicht so viel übrig, dass ein Schoosshündchen davon hätte satt werden können.
Lucian.
Diess ist gerade was mich von allen Symptomen deines damaligen Fiebers am wenigsten befremdet. Wiewohl man zu glauben pflegt, bezauberte Personen bedürften weder Speise noch Trank, so bin ich doch überzeugt, dass bei der verliebten Art von Bezauberung gerade das Gegenteil stattfindet, und dass von allen Arten der Liebe keine mehr Aufwand von Lebensgeistern verursacht, und also ihre öftere Ersetzung notwendiger macht, als die Platonische. VielTage so reichlich bei dir floss, war diese ausserordentliche Esslust auch eine geheime Ahndung, dass du zu den neuen, vermutlich nahe bevorstehenden Mitteilungen der Göttin einer solchen Vorbereitung nötig haben könntest.
Peregrin.
Wie dem auch gewesen sein mag, so zweifle ich nicht, dass Hippokrates oder Galenus diese Begebenheit sehr natürlich gefunden haben würden. Was ich dir übrigens für gewiss sagen kann, ist, dass die Schüsseln leer waren, bevor ich ein Wort davon wusste, und dass die erhabenen Träume meiner Phantasie sehr wenig durch dieses animalische Geschäft unterbrochen wurden. Wirklich habe ich in spätern zeiten oft die Bemerkung gemacht, dass Seele und Leib bei der Art von Menschen, unter denen ich damals keiner der geringsten war, eine ganz eigene Wirtschaft zusammenführen. Bald treibt jedes seine Geschäfte für sich, ohne von dem andern die mindeste Kenntniss zu nehmen; bald vertauschen sie unvermerkt ihre Rollen mit einander; bald leben sie in offenbarer Fehde; aber ehe man sich's versieht, sind sie wieder so warme Freunde, dass nichts in der Welt ist, was sie nicht für einander zu tun oder zu leiden bereit wären. – Doch vergib, dass ich dich mit unnötigen Bemerkungen aufhabe, und in der Tat einer seltsamen Auflösung der Rätsel nahe bin, womit ich dir eine Weile her den Kopf warm zu machen genötigt war.
Ob es bloss eine Folge der natürlichen Veränderlichkeit der menschlichen Seele war, die sich nicht lange in einer und eben derselben Stimmung erhalten kann, oder ob die beträchtliche Verstärkung, die der Strom meiner Lebensgeister so eben erhalten hatte, das Ihrige dazu beitrug, gewiss ist, dass die halcyonische Stille56, welche in der erste Hälfte des Tages mein Gemüt, wie ein heitrer wolkenloser Himmel die Erde unter ihm, umgeben hatte, sich in der andern Hälfte unvermerkt verlor. Ein geheimer Drang, ein unruhiges Sehnen, das mit jeder Stunde des sich neigenden Tages zunahm, trieb mich hin und her, und liess mich nirgends lange verweilen. Das Bild der Erscheinung, die ich in der letzten Nacht gehabt hatte, stand wieder mit neuer Lebhaftigkeit und mit neuen unbeschreiblichen Reizen vor meiner Stirne. Aber das äterische Licht, worin es mir diesen Morgen vorschwebte, war nicht mehr. Ich sah die Göttin in einer Beleuchtung, die ihre Schönheit mehr zu verkörpern, ihren Reizungen einen Zauber zu geben schien, dessen Gewalt ich noch nie so lebhaft gefühlt hatte. Das Verlangen sie wieder zu sehen wurde immer feuriger, immer ungeduldiger. Oft breiteten sich meine arme unfreiwillig aus sie zu umfangen. Ich sprach mit ihr, sagte ihr alles was die höchste Schwärmerei der ersten Liebe