1791_Wieland_110_31.txt

dich! oder vielmehr, du täuschest dich selbst mit einer Art von phantasierter Liebe, die du gleichsam durch Kunst und durch teurgische Mittel in dir erzwingen willst, weil du dich durch sie zu einer Stufe von Vollkommenheit empor zu schwingen hoffest, die deiner stolzen Eigenliebe schmeichelt. Wahre Liebe ist zu stark an ihren Gegenstand geheftet, zu tief in ihn versenkt, um so viel auf sich selbst Acht zu geben, und so behutsam und ängstlich über unbedeutende Dinge zu sein. Du bist vielleicht einer sich so rein und ganz hingebenden Liebe nicht fähig: aber, glaube mir, die Götter lassen sich mit weniger nicht abfinden; und wiewohl es möglich ist, durch ihre besondere Gunst zu jener Teilnehmung an ihrer Macht zu gelangen, die das einzige Ziel deiner Wünsche scheint, so gibt es doch kein Mittel ihnen diese Gunst wider ihren Willen abzunötigen.

Dioklea berührte mich durch diese Rede an einem sehr empfindlichen Teile; denn in der Tat war ich mir sehr wohl bewusst, mit den Absichten, die sie mir zuschrieb, zu ihr gekommen zu sein: aber auf der andern Seite fühlte ich noch lebhafter, dass mir das Bild der Göttin eine Liebe eingehaucht hatte, die meine ganze Seele beschäftigte, und wovon das, was ich ehemals für Kallippen fühlte, kaum eine leise Ahndung genannt werden konnte. Da mich nun ihr Vorwurf von dieser Seite nicht traf, so antwortete ich mit einer Zuversicht, die ihr vermutlich nicht unangenehm war: diessmal wäre wohl, wenn ich es sagen dürfte, sie selbst diejenige die sich irrte, wenn sie mich beschuldigte, dass meine Liebe blosser Selbstbetrug, oder gar eine heuchlerische Maske eigennütziger Absichten sei. Ich erklärte mich so warm und lebhaft über diesen Punkt, dass sie genötigt war, ihren Worten einen mildern Sinn zu geben, oder vielmehr zu behaupten, ich hätte den ihrigen nicht recht gefasst. Dieser kleine Streit, der erste und letzte den wir mit einander hatten, endigte sich in einer Aussöhnung, wodurch wir bessere Freunde wurden als jemals, und brachte eine Lebhaftigkeit in die Unterhaltungen dieses Tages, die der Einförmigkeit unsrer Lebensart sehr zu Statten kam.

Meine Ungeduld die Göttin wieder zu sehen gab den Vorstellungen, welche Dioklea meinen vielleicht allzu zärtlichen Bedenklichkeiten entgegengesetzt hatte, so viel Gewicht, dass ich das Ende eines Spaziergangs, wozu sie mich nach der Abendmahlzeit einlud, kaum erwarten konnte, wiewohl sie sich's so angelegen sein liess mich angenehm zu unterhalten, dass sie nicht wohl befürchten konnte mir lange Weile zu machen. Es war schon ziemlich spät, als sie sich von mir beurlaubte, und ich eilte nun mit geflügelten Schritten dem Tempel zu. Nie hatten die Nachtigallen, die in grosser Menge ein dichtes Gehölze zur Linken des Tempels bewohnten, sich so sehr beeifert meine Aufmerksamkeit auf ihre lieblichen Wettgesänge zu ziehen; aber nie war es ihnen weniger gelungen. Meine ganze Seele war bereits in meinen Augen. Ich verdoppelte meine Schritte, schloss die Pforten des Tempels hastig auf, undstand auf einmal wie versteinert, da ich Amors Fackel ohne Feuer und den Tempel so dunkel fand, dass die geöffnete Tür nicht Licht genug einliess, um das Bild der Göttin unterscheiden zu können.

Unter tausend Zweifeln und Besorgnissen, die sich über diese unerwartete Begebenheit in meinem Gemüte drängten, behielt endlich der Gedanke die Oberhand, dass die Göttin mich vielleicht auf die probe stellen wolle, ob ich fähig sei, sie auch ohne Beihülfe einer meine Sinne rührenden Gestalt eben so gegenwärtig zu denken, als ob sie in diesem Marmor vor meinen Augen stände. Aber wenn diess ihre Absicht war, so liess sie mir wenigstens nicht Zeit genug die probe zu machen. Denn unversehens erfüllte den Tempel eine hell leuchtende klarheit und ein leises Wehen der lieblichsten Rosendüfte; und statt der Bildsäule erblickte ich in einer helldunkeln Wolke, welche die ganze Vertiefung erfüllte, die Göttin selbst in lebendiger unaussprechlicher Schönheit und Glorie, zwischen ihren ewig jugendlichen Grazien, welche Hand in Hand wie in einem leicht schwebenden Tanze sich um sie her bewegend, von Augenblick zu Augenblick ihre himmlischen Reize bald umschleierten bald wieder sichtbar machten. Ich stand in Entzückung und Anbetung verloren, als die Göttin, mit einem Lächeln das den ganzen Tempel zu erheitern schien, einen blick voll Huld und Majestät auf mich warf und plötzlich wieder aus meinen Augen verschwand.

Lucian.

Freund Peregrin! – was willst du dass ich glauben soll?

Peregrin.

Dass ich dir nichts sage als was ich gesehen habe.

Lucian.

Gesehen nennst du es? Geträumt willst du sagen

Peregrin.

Ich versichere dich, dass ich in diesem Augenblicke nicht mehr träume als damals.

Lucian.

So war es doch wenigstens einer von den wachen

vorbei blitzenden Augenblicken sieht, was kein besonnener Mensch, dessen Vernunft und Einbildung im gehörigen Gleichgewichte stehen, je mit gesunden Augen gesehen hat.

Peregrin.

Denke davon was du kannst, Lucian.

Lucian.

Bei allem dem müssten die geschworensten Gegner aller Täuschungen, Demokrit und Epikur selbst, gestehen, dass du in deinem Erdenleben mit einer beneidenswürdigen Imagination ausgesteuert warst! – Aber wie lange dauerte diese himmlische Erscheinung?

Peregrin.

Diese Frage, lieber Lucian, ist schwerer zu beantworten als du glaubst. Erscheinungen dieser Art lassen sich mit keinem gewöhnlichen Zeitmasse messen; und wer, der mit einem solchen gesicht beseligt wird, könnte daran denken dessen Dauer messen zu wollen, wenn es auch möglich wäre? Alles was ich dir davon sagen kann, ist, dass sie mir, als alles