, o wie wenig ist sie mit dieser zu vergleichen! oder vielmehr, wie unendlich ist der Unterschied zwischen dem was ich beim Anschauen der einen und der andern erfahren habe! – Jene, sagte Dioklea, flösste dir wohl nur kalte ruhige Bewunderung ein; aber diese? – "Ein Gefühl, das meine Brust zu zersprengen schien, das meine ganze Seele kaum zu ertragen vermochte. In jener sah ich nur das Symbol der höchsten Schönheit; in dieser erkannte und fühlte ich die gegenwärtige Göttin selbst." – Bei allem dem, versetzte sie, muss ich dich erinnern gegen deine Phantasie auf der Hut zu sein; sie arbeitet oft zur Unzeit der höhern Einwirkung entgegen, und weidet uns mit Schatten, da wir ohne ihre zu grosse Dienstfertigkeit das Wesen selbst haben könnten. Du glaubtest die Gegenwart der Göttin zu fühlen, und es war vielleicht blosse Täuschung. Das sicherste Mittel dich vor den Blendwerken der Einbildung zu verwahren, ist ihrer Geschäftigkeit Einhalt zu tun, und dich gänzlich den Gefühlen deines Herzens zu überlassen. Durch diese allein kannst du hoffen, die Göttin dir günstig zu machen. Das Herz, nicht die Einbildungskraft, ist das Organ, das ihrer Mitteilungen empfänglich ist. – Nach diesen Worten verliess sie mich, damit ich mir diese Lehren durch eigenes Nachdenken wahr machen könnte.
Um deine Geduld durch Erzählung des stufenweisen Wachstums meiner vermutlich beispiellosen leidenschaft nicht auf eine allzu grosse probe zu stellen, will ich von dem Besuche, den ich in der folgenden Nacht im Tempel machte, nichts weiter sagen, als dass diessmal die Art, wie das Anschauen der Göttin auf meine Sinne wirkte, indem ich mich (nach dem Rate der Tochter des Apollonius) den Empfindungen, die sie mir einflösste, gänzlich überlassen wollte – zuletzt so lebhaft wurde, dass sie mich erschreckte und gegen mich selbst misstrauisch machte. Ich eilte in grosser Unruhe aus dem Tempel hinweg, und beschloss mich der Göttin nicht wieder zu nähern, bis ich durch die sorgfältigste Reinigung meiner Seele alles Sinnliche von meiner Liebe abgewaschen hätte, welche, meiner Meinung nach, ganz rein und geistig sein müsste, um mich der wirklichen Teophanie als des einzigen Zieles meiner Wünsche fähig zu machen. Ich konnte nicht von mir erhalten, mit einer so heiligen Jungfrau, als Dioklea in meinen Augen war, von dieser Entschliessung zu sprechen, weil ich mir keine Worte zu finden getraute, das, was sie veranlasst hatte, zart genug auszudrücken, um keine unziemlichen Vorstellungen in ihr zu veranlassen. Sie konnte indessen leicht bemerken, dass es nicht ganz richtig mit mir stehen müsse: ich war unruhig, tiefsinnig, zerstreut, und suchte die Einsamkeit um meine Gemütsverfassung vor ihr zu verbergen, ohne zu bedenken, dass ich sie eben dadurch verriet. Indessen tat sie doch, als ob sie nichts davon gewahr würde, und vermied, nach dem Beispiel das ich ihr gab, alles was mich zu einer Erklärung hätte nötigen können. So ging der Tag vorüber, und in der nächsten Nacht hatte ich wirklich so viel Gewalt über mich selbst, mir das Anschauen meiner geliebten Göttin zu versagen, wiewohl ich mich mehr als zehnmal auf den Weg machte, und einmal schon bis an die äussere Pforte gekommen war.
Diese grausame Selbstpeinigung kostete mir eine schlaflose Nacht. Meine Unruhe wurde dadurch mehr vergrössert als vermindert, und ich sah am folgenden Tage so blass und hohläugig aus, dass Dioklea sich nicht länger überheben konnte, Kenntniss davon zu nehmen. Was ist mit dir vorgegangen, Proteus? fragte sie mich: wo ist deine vorige Heiterkeit und Ruhe? Woher diese Blässe deines Gesichts? dieses trübe Feuer in deinen Augen? Und warum besuchtest du gestern den Tempel nicht, sondern schweiftest die ganze Nacht durch im Hain und in den Gärten umher? – Ich fand lange keine Antwort auf diese Frage. Endlich bemühte ich mich, nicht ohne grosse Verlegenheit und vieles Stocken, in so behutsamen Ausdrücken als ich (mit Gefahr ein wenig unverständlich zu sein) nur immer finden konnte, ihr die Bedenklichkeiten zu eröffnen, die mir die Pflicht auferlegt hätten, mich freiwillig aus den Augen Göttin zu verbannen. Sie schien mir mit Erstaunen in die Augen zu sehen, wiewohl sie mich mehr als zu wohl verstanden hatte. Sie schwieg eine gute Weile. Endlich nahm sie mich lächelnd bei der Hand und sagte: du bist ein wenig wunderlich, Proteus, und die Göttin ist nur zu gütig gegen dich. Steht es etwa nicht in ihrer Willkür, durch welche Art von Einwirkung sie ihre Macht über dich beweisen will? Und wie sollten deine Sinne allein bei den entzückenden Einströmungen ihrer Gegenwart unempfindlich bleiben, da sie sogar die leblose natur mit Wonnegefühlen durchschüttert? Wie kannst du glauben, dass die Göttin etwas Unmögliches und Unnatürliches von dir fordern werde? – Ist die Liebe, die sie dir eingeflösst hat, nicht ihr eigenes Werk? Kann Liebe ohne Verlangen, Verlangen ohne Ausdruck sein? Die reinste Liebe – Venus Urania kann keine andere erwecken! – veredelt und verfeinert die Sinne, erhöht und begeistert sie, aber vernichtet sie nicht.
Dioklea war, indem sie diess sagte, lebhafter geworden als ich sie noch nie gesehen hatte: sie bemerkte diess vielleicht in meinen Augen, und hielt auf einmal ein. – Soll ich dir sagen (fuhr sie nach einer ziemlich langen Pause in einem ruhigern Tone und mit einem kaum merklichen ironischen Lächeln fort), soll ich dir sagen, was ich von deiner Liebe denke? Sie täuscht