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an der letzteren wirft ihn in die vorige Bezauberung zurück; bis endlich der schmähliche Ausgang eines von Mamilien veranstalteten Bacchanals ihn plötzlich auf die Entschliessung bringt, sich der Gewalt dieser ihm zu mächtigen Zaubrerinnen durch eine heimliche Flucht zu entziehen, die er auch glücklich bewerkstelligt.

IV. Abschnitt.

Psychologische Darstellung der Gemütsverfassung, worin Peregrin nach Smyrna zurück kam. Schwermut und Verfinsterung, worein ihn das Gefühl der Leerheit stürzt, welche das Verschwinden der Bezauberungen, deren Spiel er gewesen war, in seiner Seele zurück lässt. Er wird zufälliger Weise (wie er glaubt) durch die Erscheinung eines unerklärbaren aber sehr interessanten Unbekannten aus diesem Zustand aufgerüttelt und in neue Erwartungen gesetzt, wohnt, ohne zu wissen wie es zugeht, einer Versammlung von Christianern zu Pergamus bei, und ein neues mystisches Leben beginnt von dieser Stunde an in ihm. Der Unbekannte fährt fort mächtig auf sein Gemüt zu wirken, spannt seine Erwartungen in dem magischen Helldunkel, worein er ihn einhüllt, immer höher, befiehlt ihm aber nach Parium zurückzukehren, wohin sein Vater ihn gerufen hatte, und daselbst ruhig auf denjenigen zu warten, der ihm zum Führer auf den rechten Weg zugeschickt werden sollte.

V. Abschnitt.

Die Unbekannten, in deren Händen Peregrin ohne sein Wissen sich befindet, fahren fort, ihn durch klüglich berechnete Umwege, Schritt für Schritt, dahin zu leiten, wo sie ihn haben wollen. Durch eine Veranstaltung dieser Art, die er für blossen Zufall hält, findet er die erste Nachterberge auf seiner Reise bei einer einsam auf dem land lebenden Familie von Christianern, deren Liebenswürdigkeit, Eintracht, Gemütsruhe, Einfalt der Seele und Unschuld der Sitten einen so tiefen Eindruck auf ihn macht, dass der Wunsch mit solchen Menschen zu leben das Ziel aller seiner Bestrebungen ist, zumal da dieser Eindruck durch die Erzählung seines Wirtes von dem tod des Apostels Johannes (zu dessen Gemeine er gehörte) und durch die Schilderung, die ihm sein Wegweiser von dem Charakter des erhabenen Wesens macht, nach welchem sie sich nannten, verstärkt wird. Peregrin kommt in das väterliche Haus zurück und übernimmt die Besorgung der Handelsgeschäfte seines Vaters. Bald darauf entdeckt sich ihm in der person seines ehemaligen Wegweisers Hegesias, ein Kaufmann von Aegina, und einer der tätigsten Agenten des Unbekannten. Hegesias erwirbt sich durch seine Kenntnisse und Handelsverbindungen das Vertrauen des Vaters, welchem er seine Gemeinschaft mit den Christianern verbirgt, um desto ungestörter an dem Sohne das von dem Unbekannten und ihm selbst angefangene Bekehrungswerk betreiben zu können. Peregrin erhält den ersten Grad der Weihe von ihm. Charakter des Hegesias, mit einer Digression über den Unterschied zwischen den damaligen Christianischen Brüdergemeinen und den Christianern unter den Constantinen und Teodosiern. Der Unbekannte, welcher fortan Kerintus heissen wird, offenbart sich nun dem hinlänglich geprüften Peregrin etwas näher, und erteilt ihm den zweiten Grad der Weihe, hüllt sich aber gar bald wieder in das heilige Dunkel ein, worin er ihm bisher immer erschienen war. Peregrin entdeckt, dass er erst in den zweiten Vorhof des Heiligtums vorgeschritten sei, und diese Entdeckung verdoppelt seinen brennenden Eifer, sich der höhern Grade, die er noch zu ersteigen hat, durch die willigste Unterwerfung unter jede Prüfung, Vorbereitung und Aufopferung würdig zu machen. Er kehrt aus Gehorsam zu seinen Geschäften nach Parium zurück, und macht den Brüdern ein voreiliges Geschenk von seinem ganzen Vermögen. Sonderbares aber schlaues Benehmen des Hegesias bei dieser gelegenheit, welches zu einigen der Entwicklung der geschichte zuvorkommenden Anmerkungen über die schon damals immer sichtbarer werdende Abweichung der Christianer von dem Geist und Vorbild ihres Meisters Anlass gibt.

Erster teil.

Auszug aus Lucians Nachrichten vom

tod des Peregrinus.

Die öffentlichen Kampfspiele zu Olympia, womit die zweihundert sechsunddreissigste Olympiade6 begann, waren der Zeitpunkt, und eine Ebene in der Gegend dieser Stadt der Schauplatz, welchen der Philosoph Peregrinus, auch Proteus genannt, dazu ausersehen hatte, den Griechen und Ausländern aus allen Teilen der Welt, so diese Spiele zu Olympia zu besuchen pflegten, die ausserordentlichste und schauerlichste aller Tragödien, das Schauspiel eines sich freiwillig verbrennenden Cynikers, zu geben.

Auch Lucian, wiewohl er die Olympischen Spiele schon dreimal gesehen hatte, hielt es der Mühe wert, einem solchen Schauspiel zu Liebe diese Reise zum viertenmale zu machen; und als er nach Elis (der nicht weit von Olympia gelegenen Hauptstadt der Republik dieses Namens) gekommen war, hörte er, indem er bei dem dortigen Gymnasion vorbei ging, einen cynischen Philosophen, um den sich eine Menge volkes versammelt hatte, mit der brüllenden stimme die zum Costum dieser Capuziner der alten Griechen gehörte, dem Peregrinus eine Lobrede halten, und sein Vorhaben, sich zu Olympia zu verbrennen, in der, seinem Orden eigenen, popularen und deklamatorischen Manier rechtfertigen. – Von nun an mag Lucian in seiner eigenen person sprechen.

"Und man darf sich noch erfrechen (rief der Cyniker) einen Mann wie Proteus einer eiteln Ruhmsucht zu beschuldigen? O ihr Götter des himmels und der Erde, der Flüsse und des Meeres, und du Vater Hercules! Wie? diesen Proteus, der in Syrien in Banden lag, ihn, der seiner Vaterstadt fünftausend Talente7 schenkte, ihn, den die Römer aus ihrer Stadt vertrieben, ihn, der unverkennbarer ist als die Sonne, und der es mit Jupiter Olympius selbst aufnehmen könnte, – ihn beschuldigt man der Eitelkeit, weil er durchs Feuer aus dem Leben gehen will? – Tat etwa Hercules8 nicht eben dasselbe? Starb Aesculap und Dionysos nicht durch einen Wetterstrahl? und stürzte sich nicht