die Stirn; eine der Nymphen setzte mir einen Myrtenkranz auf, die zweite gab mir einen Lilienstängel in die rechte Hand, und die dritte einen Rosenzweig in die linke. Hierauf berührte die Priesterin jedes meiner Augen mit den drei Mittelfingern ihrer rechten Hand, winkte mir in den Tempel hineinzugehen, und schloss die Pforte hinter mir zu.
Lucian.
Wahrlich, viel Ceremonien, und mehr als zu viel um diese Mysterien verdächtig zu machen! Ich bin ungeduldig zu hören, wie sich das alles enden wird.
Peregrin.
Was auch der Zweck dieser Feierlichkeiten war, so viel ist gewiss, dass mir das Herz beim Eintritt in den Tempel merklich höher schlug. Ich blieb nahe an der Pforte stehen, und fasste mich zusammen so gut mir möglich war, indem ich mich umsah und den edlen Geschmack der inneren Baukunst und Verzierung bewunderte, so viel ich davon bei dem Lichtstrom sehen konnte, der aus einer halbrunden Vertiefung hervorbrach, wo die Göttin in einer hohen vergoldeten Blende stand. Vor ihr, etwas seitwärts nach der rechten Hand, kniete ein marmorner Amor mit einer goldnen Pfanne, an Form dem Horn der Amaltea ähnlich, aus welcher mit dem lieblichsten Wohlgeruch eine ungemein helle Flamme in der Dicke einer Zirbelnuss emporloderte, und dem geglätteten Marmorbilde der Göttin eine zum Verblenden täuschende Beleuchtung gab. Dieses Bild war merklich grösser als alle Venusbilder die ich noch gesehen hatte, und verband in meinen Augen die Majestät einer Göttin mit einer Schönheit, welche gleich beim ersten Anblick alles, womit man sie hätte vergleichen können, auslöschte, und nichts Vollkommneres wünschen liess. Eine unfreiwillige Gewalt warf mich vor ihm auf die Erde nieder, ich betete in ihm den sichtbaren Abglanz der höchsten geistigen Schönheit an, und fühlte in seinem Anschauen mein ganzes Wesen in die reinste Liebe aufgelöst. Doch ich will nicht versuchen, unbeschreibliche Empfindungen oder Täuschungen, wenn du willst, beschreiben zu wollen; denn in der Tat war es doch wohl Täuschung, dass ich zuletzt, ob schon nur einen Augenblick, die Göttin selbst in ihrer ganzen überirdischen Glorie vor mir zu sehen glaubte.
Lucian (lächelnd).
Das sollt' ich beinahe auch vermuten. Aber was wurde zuletzt aus dem allen?
Peregrin.
Ich ward endlich gewahr, dass die Fackel Amors, die zu diesen Mysterien unentbehrlich war, in wenig Augenblicken erlöschen würde, und zog mich, noch früh genug um die Tür des Tempels ohne Tappen zu finden, zurück, nachdem ich meinen Myrtenkranz nebst dem Rosenzweig und Lilienstängel zu den Füssen der Göttin niedergelegt hatte. Ich fand vor der Tür einen von den Knaben, der mir das feierliche Gewand wieder abnahm, und ich kehrte mit einem neuen Bilde in meiner Seele zurück, das, so zu sagen, ihre ganze Weite ausfüllte, aber, anstatt kalter Marmor zu sein, von aller der Liebe belebt war, die –
Lucian.
– der kalte Marmor in dir angezündet hatte!
Mein Zustand in dieser Nacht war wachend und schlafend ein immer währender Traum von meiner angebeteten Göttin. Bald lag ich wieder im Tempel zu ihren Füssen, bald wandelte ich an ihrer Seite im Hain von Amatunt, bald fand ich mich mit ihr in die himmlische Sphäre der Schönheit und Liebe verzückt, und sah und fühlte unaussprechliche Dinge. Diese Gemütsverfassung wäre vielleicht bei jedem andern völlig erklärter Wahnsinn geworden: aber bei mir war sie durch alles Vorhergehende so gut vorbereitet, hing mit meinen herrschenden Ideen so schön zusammen, und war meiner ganzen Art zu sein so angemessen, dass ich mich in meinem Leben nie so heiter, so gut und so glücklich gefühlt hatte. Kurz, mein Zustand war – bei aller Ueberspannung meiner Phantasie – der Begeisterung, worin sich jeder gefühlvolle und noch ungeschwächte Jüngling in den goldnen Tagen der ersten Liebe befindet, ähnlich genug, um im grund die natürlichste Sache von der Welt zu sein.
Ich brachte einen teil des folgenden Morgens mit Diokleen in den Rosengebüschen zu. Sie sagte mir: dass ich von nun an den Tempel so oft besuchen könnte als ich wollte, ohne dass es dazu ihrer Gegenwart oder besonderer Feierlichkeiten vonnöten hätte; sie würde mir zu diesem Ende einen eigenen Schlüssel zustellen, um davon freien Gebrauch zu machen; nur Untergang der Sonne aufgeschlossen werden dürfte, und bei ihrem Aufgang wieder zugeschlossen sein müsste. Die Göttin, setzte sie hinzu, hat Wohlgefallen an der hohen Reinheit deiner Empfindungen, die unter den Sterblichen einem Wunder ähnlich ist; und ich müsste mich sehr irren, oder dir ist ein los beschieden, das selbst unter den Söhnen der Weisen nur selten einem Glücklichen zu teil wird, wiewohl mir nicht erlaubt ist dir mehr davon zu sagen.
Lucian.
Aha! Ich sehe sie kommen! – Dachte ich's doch gleich vom Anfange an!
Peregrin.
Ich errate deinen Gedanken; aber nicht zu voreilig, Lucian! du könntest dich betrogen finden. Man ist mit den Leuten, in deren Gesellschaft ich dich gebracht habe, nicht so leicht im Klaren. Gedulde dich! das Drama nähert sich seiner Peripetie54.
Mein gestriger erster Besuch des Tempels, und was dabei in mir vorgegangen, war natürlicher Weise der vornehmste Gegenstand, worüber sich Dioklea mit mir unterhielt. Sie fragte mich, ob ich jemals zu Knidos gewesen sei? und da ich mit Nein antwortete, fuhr sie fort: du kennst also die berühmte Venus des Praxiteles nur dem Namen nach; aber vermutlich hast du die Venus des Alkamenes zu Aten gesehen? – Oefters, war meine Antwort: allein