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reinen Gedanken des Herzens sich die unsichtbare Gotteit selbst anschaulich zu machen fähig istCanäle ausserordentlicher Gnaden der Götter gewesen; und es ist daher immer wohl getan, sich dieses Mittels zu bedienen, was auch der Erfolg sein mag; der zwar immer von der Willkür der Gotteit, aber gewiss sehr viel von der Beschaffenheit des Subjects und der Energie der Gefühle abhängt, wodurch wir uns zu ihnen aufschwingen und sie zu uns herunter ziehen.

Diese Teorievon welcher ich dir hier bloss einen leichten Umriss machehatte desto mehr Einleuchtendes für mich, da sie mit meinen eigenen Vorstellungen sehr gut zusammenstimmte, und mir zu einer vollgültigen Bestätigung derselben diente. Dioklea setzte noch verschiedenes hinzu, das mir einen hohen Begriff von ihren Einsichten in die göttliche Magie gab, und sprach unter andern mit Verachtung von gewissen Mitteln, wodurch manche angebliche Teurgen die Götter zum erscheinen nötigen zu können vorgäben. Es sei zwar nicht zu läugnen, sagte sie, dass es, zum Beispiel, gewisse auserlesene Wohlgerüche gebe, die ihnen angenehm seien; denn sie liebten das Reinste und Vollkommenste in jeder Art: aber sie durch Räucherungen oder Zauberlieder anziehen zu wollen, sei ein kindischer Gedanke, und es werde nie ein anderes Mittel, sie zu uns zu ziehen, geben, als eben das, wodurch wir uns zu ihnen aufschwängen, nämlich das heisseste Verlangen einer von jeder andern Begierde und leidenschaft gereinigten Seele. Vielleicht hätten jene vermeinten Teurgen gehört, die Götter pflegten ihre Gegenwart zuweilen durch himmlische Wohlgerüche oder Harmonien oder ein überirdisches Licht anzukündigen, und hätten hieraus, ohne Grund, den Schluss gezogen, dass man sie durch Fumigationen und Epoden53 herbeilocken könne: immer sei es gewiss, dass die unächte Magie sich solcher Behelfe zu Bewirkung betrüglicher Teophanien und Geistererscheinungen bediene, aber eben darum entielten sich die wahren Teurgen dieser zweideutigen Mittel gänzlich.

Als sie zu reden aufgehört hatte, bat ich sie sehr inständig, mir, wofern sie mich dessen nicht unwürdig hielte, das Heiligtum der Göttin nicht länger zu verschliessen, an dessen Schwelle sie mich vermutlich bei unsrer ersten Zusammenkunft geführt hätte. Sie antwortete: dieser Tempel sei allen Profanen unzugangbar; aber mir sollte er, wie billig, noch in dieser Nacht geöffnet werden.

Bald darauf befahl sie unsre Abendmahlzeit zu bringen, welche, ganz nach Pytagorischer Weise, bloss aus einigen leichten speisen und auserlesenen Früchten bestand; auch wurde blosses wasser aus krystallenen Bechern dazu getrunken, aber das reinste, leichteste und frischeste, das ich je getrunken hatte. Nach der Mahlzeit hörten wir in einiger Entfernung eine äusserst sanfte und herzerhöhende Musik von Instrumenten und Stimmen, ohne zu sehen wo sie herkam. Wir setzten uns auf eine Bank im Rosenhain, und hörten ihr eine Weile zu. Endlich wurde sie immer schwächer und schwächer, bis sie ganz in die Lüfte zu zerfliessen schien. Wie wir nichts mehr hörten, stand Dioklea auf. Es ist Zeit, sagte sie, dein Verlangen zu befriedigen! – Du wirst das heilige Bild der Göttin sehen, und auf sie allein wird es ankommen, wie viel oder wenig sie dir durch dieses Mittel von sich selbst erblicken lassen will. Von nun an bis zum Aufgang der Sonne versiegelt das heilige Schweigen unsre Lippen!

Ich bückte ihr meinen Dank und meinen Gehorsam zu, und wir gingen mit langsamen Schritten den Pomeranzengang zum Tempel hinauf. Als wir ankamen, fanden wir unter den Säulen rechter Hand drei junge Nymphen in langem weissem Gewande, und auf der Linken drei zwölfjährige Knaben, ebenfalls weiss gekleidet, auf uns warten. Dioklea schloss die äussere Pforte auf, und wir traten in eine Halle, in deren Mitte eine vergoldete Tür unmittelbar in den Tempel führte. Zu beiden Seiten war ein Gemach, zum Ankleiden der Personen, die in den Tempel eingehen durften, bestimmt. Dioklea begab sich mit den drei Nymphen in das eine, und winkte mir, den Knaben in das andere zu folgen. Alles was hier zu tun war, wurde stillschweigend verrichtet. Ich wusch vor allem mein Gesicht und meine hände. Hierauf zogen sie mir mein Oberkleid ab, bekleideten mich mit einem langen Rock von weisser glänzender Seide, und gürteten mich mit einem breiten Gürtel von glattem Goldstoff mit den feinsten Perlen gestickt. Als ich angekleidet war, führten sie mich heraus, bückten sich, die arme über die Brust gefaltet, vor mir und verschwanden.

Bald darauf trat auch die Priesterin wieder heraus. Sie war, über ein rosenfarbnes Gewand das nur bis an die Knöchel reichte, in ein violett purpurnes Oberkleid mit langen weiten Aermeln gehüllt; ihre dichten Haare flossen losgebunden um ihre Schultern, und mitten auf der priesterlichen Binde um ihre Stirn funkelte ein Stern von citronfarbnen Diamanten. Sie hatte in diesem Aufzuge beinahe selbst das Ansehen einer Göttin, und noch nie war sie mir so schön und blendend vorgekommen. Die drei Nymphen erschienen in einer Art enge gefalteter Leibröcke von weisser Seide, mit breiten rosenfarbnen Gürteln, und ihre Haare waren mit einem goldnen Bande aufgebunden, dessen Enden an beiden Seiten bis an die Knie herabhingen. Alle vier gingen mit zur Erde gesenktem Blicke vor mir vorbei; Dioklea öffnete mit einem goldnen Schlüssel die innere Pforte des Tempels, trat mit ihren Dienerinnen hinein, und schloss die Pforte wieder hinter sich zu. Nach einer kleinen Weile tat sich diese wieder auf, sie kamen heraus und langsam auf mich zu, jede etwas in der Hand haltend, das sie aus dem Tempel mitgebracht hatte. Dioklea band mir eine der ihrigen ähnliche Binde um