1791_Wieland_110_27.txt

von einem heiligen Schauer zurückgehalten würde.

Es wäre schwer die Bewegungen zu beschreiben, die dieser unerwartete und meinen eigenen inneren Zustand mir so lebhaft vorspiegelnde Anblick in meinem ganzen Wesen hervorbrachte. Genug, dieses Gemälde beschäftigte mich einige Stunden lang um so angenehmer, da ich es als ein Unterpfand betrachtete, dass ich dem Ziele meiner Wünsche nahe sei. Indessen, wie gross und blendend mir auch die Schönheit der Göttin anfangs vorkam, so verlor sie doch bei so oft wiederholtem Anschauen und Betrachten unvermerkt, und schien mir zuletzt weit unter dem Ideale zu bleiben, das ich in meiner Seele trug. Nicht als ob ich mir wirklich schönere Formen, oder im Ganzen ein vollkommneres Bild von ihr hätte einbilden können: sondern weil ihm die Glorie, worin ich sie mir dachte, alles das Unaussprechliche, Himmlische und Göttliche, das sich nicht malen lässt, fehlte, – oder vielmehr, weil das gemalte Bild die ganze wirkung nicht auf mich tat, die ich von einer Erscheinung der Göttin selbst erwartete. Indessen kam ich doch von Zeit zu Zeit zu ihm zurück, um den Gedanken an ihm zu nähren, was Adonis beim Anschauen der gegenwärtigen Göttin empfunden haben müsse, da der blosse gefärbte Schatten des Bildes, das ein Maler sich von ihr vorstellen konnte, schon so viel Anziehendes und Liebeatmendes hatte.

Lucian.

Wie sehr, guter Peregrin, bestätigt dein Beispiel die grosse Wahrheit, dass es nicht die Dinge selbst, sondern unsre durch die Individualität bestimmten Vorstellungen von ihnen sind, was die wirkung auf uns macht, die wir den Dingen selbst zuschreiben, weil wir sie unaufhörlich mit unsern Vorstellungen verwechseln!

Peregrin.

Ich sollte an diesem Morgen auf mehr als Eine Art überrascht werden. Indem ich verschiedene schöne Stücke, womit dieses Gemach ausgeziert war, durchging, ward ich auf einem kleinen Ecktische von Ebenholz eines elfenbeinernen Kästchens gewahr, worin ein goldner Schlüssel steckte. Da ich diess für eine erlaubnis ansah es zu öffnen, so schloss ich es auf, und fandeine mit goldnen Buchstaben beschriebene Rolle von purpurfarbnem Pergament darin, welche die Ueberschrift hatte: Apollonius von Teophanien.52 Du kannst dir vorstellen, mit welchem Entzücken, und zugleich mit wie viel Ehrerbietung und Glauben ich diesen kostbaren Schatz in die Hand nahm, und wie begierig ich zu lesen anfing. Ich war noch nicht weit gekommen, als mir Dioklea durch die junge Nymphe wissen liess, sie wäre verhindert mich diesen Morgen zu sehen; ich würde aber etwas gefunden haben, das meine Musse hinlänglich beschäftigen könnte, und ich möchte es übrigens in allen Stücken so halten, als ob ich in meinem eigenen haus wäre. Ich steckte also die Rolle in meinen Busen, und begab mich in eine Laube des Rosenhains, der nahe an Diokleens Felsenwohnung lag. Bald darauf erschien der Knabe, der gestern mein Führer gewesen war, wieder, setzte ein aus Golddrat geflochtenes Körbchen, worin mein Frühstück war, auf einen kleinen Marmortisch, und schwand wieder aus meinen Augen, ohne ein Wort zu sagen. Ich brachte den ganzen Morgen mit Lesen und Wiederlesen der gefundnen Handschrift zu, die mir zwar in ihrer bildervollen mystischen Sprache nicht viel Deutliches offenbarte, aber eben darum mein Gemüt nur desto lebhafter in Bewegung setzte. Unvermerkt überschlich mich die Mittagshitze bei dieser süssen Beschäftigung, und ich schlummerte unter den seltsamsten Träumereien ein.

Als die schwülsten Stunden des Tages vorüber waren, liess sich mein stummer Aufwärter wieder sehen, um mich in ein zierliches marmornes Bad zu führen, wo er mich stillschweigend mit allem bediente was man in einem Bade verlangen kann; denn bei Diokleen zeichnete sich alles durch Vollkommenheit aus. Wie endlich der Tag sich zu neigen anfing, liess sie mir sagen, sie erwarte mich in der Grotte, wo sie in der heissen Jahrszeit den Abend zuzubringen pflegte. Sie empfing mich mit einem Ausdruck von Wohlwollen, der den Ernst ihrer Miene unvermerkt erheiterte. Das Buch des Apollonius von Teophanien wurde bald der Gegenstand unsers Gespräches; und da ich ihr auf die Frage, "ob ich alles darin verstanden hätte?" mit einem zögernden Nein antwortete, nahm sie davon gelegenheit, mir über das, was mir notwendig darin dunkel sein müsste, so viel Licht zu geben, als ich dermalen ertragen könnte. Sie unterschied zweierlei Arten von Teophanien. Die Götter, sagte sie, sind von jeher einigen besonders von ihnen geliebten Menschen sichtbar geworden: zuweilen ohne Zutun der letzteren, aus blossem Antrieb ihres eignen freien Wohlwollens; zuweilen auf Veranlassung der Menschen, und durch die Mittel dazu bewogen, welche die teurgische Magie in ihrer Gewalt hat. Nicht als ob es nicht immer von den Göttern abhinge, sich mehr oder weniger, oder gar nicht mitzuteilen; sondern weil es möglich ist auf die Neigung ihres Willens selbst zu wirken, und sie durch die Allgewalt der Liebe zur Gegenliebe zu nötigen. In jedem Fall aber ist es unmöglich anders zu dieser Mitteilung zu gelangen, als stufenweise, und durch Mittel, wodurch sie selbst, in eben dem Masse, wie wir uns zu ihnen erheben, sich zu uns herablassen. Die höchsten und wohltätigsten Götter haben sich daher immer in menschlicher Gestalt gezeigt; und bloss hierauf gründet sich die Verehrung, die wir ihren Bildern, als Denkmälern ehemaliger Teophanien, und weil sie diese Gestalt gewissermassen zu ihrer eigenen gemacht haben, schuldig sind. Nicht selten sind diese Bildernach Massgabe der Stärke, womit die Seele durch ihr unverwandtes Anschauen sich von allen andern Bildern abzuscheiden, und in einem einzigen