1791_Wieland_110_26.txt

bekränzt, in der Hand einen Lilienstängel, der mich an Anakreons Amor erinnerte, winkte er mir mit einem lieblich unschuldigen Lächeln, ihm zu folgen. Er ging immer schweigend vor mir her, und führte mich durch ein Gewinde unbekannter Büsche, auf einem durch Kunst geebneten schneckenförmig steigenden Pfad an einem Felsen hinauf. Auf einmal standen wir am Eingang einer hohen gewölbten Grotte, die von einer einzigen Lampe erleuchtet war, und in ihrer Vertiefung mit jedem Schritte niedriger und enger wurde. Mein kleiner Führer öffnete eine Tür, und ich befand mich in einem mit Marmor zierlich ausgelegten Vorsaale, durch dessen innere Oeffnung ich in einem grösseren schön erleuchteten Gemach eine kleine Tafel gedeckt sah.

Indem ich mich nach meinem verschwundnen Führer umsah, kam mir die Tochter des Apollonius entgegen. Du bist mir zu gut empfohlen worden, Proteussagte sie mit einem leisen Lächeln, das den Ernst ihrer Züge sehr angenehm erheiterte und ihrer Miene etwas Einladendes gabals dass es mir erlaubt wäre, dich nicht als einen Gast zu betrachten, den mir Apollonius zugeschickt hat. Und hiermit nahm sie mich bei der Hand und führte mich zu einem vergoldeten Stuhl, wo ich mich an der kleinen Tafel ihr gegenüber setzen musste. Sie war leichter und einfacher als gestern, aber äusserst edel angezogen, und hatte mit ihrer priesterlichen Binde um die Stirn das Ansehen einer Vestalin in ihrer Hauskleidung. Die kleine Tafel war niedlich besetzt, und eine einzige junge Nymphe, lieblich und unentfaltet wie eine Rosenknospe, verrichtete den Dienst, der dabei nötig war.

Während ich mit aller Esslust eines Menschen von meinem damaligen Alter, der seit etlichen Tagen nur sehr leichte Mahlzeiten getan hatte, dem Gastmahl meiner freundlichen Wirtin Ehre machte, sprach sie mit mir von meiner Reise, von den Schönheiten der Stadt Smyrna, und von dem Dianentempel zu Ephesus; und es schien ihren Beifall zu haben, dass ich, vor lauter Verlangen bald zu Halikarnass zu sein, keine Zeit gehabt hatte, dieses Wunder der Welt in Augenschein zu nehmen. Als die Tafel abgetragen war, goss sie etwas Wein in eine goldene Schale, machte der Göttin eine Libation damit, und, nachdem sie die Schale wieder gefüllt hatte, brachte sie mir den gewöhnlichen Gast- und Freundschaftstrunk in einem Weine zu, der nur dem Nektar der Götter weichen konnte. Wir standen endlich auf; und während uns die junge Nymphe wasser zum Waschen in einem vergoldeten Becken reichte, verschwand die Tafel, ohne dass ich sah wohin sie gekommen war.

Eine Anmerkung, die ich erst lange hernach machte, war, dass Dioklea bei allem Wunderwürdigen, das ihren Aufentalt von der wohnung gewöhnlicher Sterblichen unterschied, gerade so aussah als ob nichts Alltäglicher's sein könnte als diese Dinge, und dass sie meine wenige Befremdung darüber eben so wenig zu bemerken schien. Bald nachdem wir von Tische aufgestanden waren, öffnete sie eine Tür, die auf eine kleine Terrasse führte, von welcher man über einen teil dieser anmutigen Wildniss, und weiter hin durch eine Oeffnung des Waldes in die See, wie ins Unendliche, hinaus sah. Hier setzten wir uns wieder, und die junge Nymphe brachte ihr eine Laute. Dioklea spielte einige sanfte melodische Stücke, und endigte mit einem Hymnus an Venus Urania, der meine Seele mit heiligen Gefühlen durchdrang; ich glaubte, die hohe Teano oder ihre Tochter Myja51 dem still horchenden Pytagoras und seinen Freunden himmlische Ruhe zusingen zu hören. Nach dieser Pytagorischen Vorbereitung zum Schlafengehen gab sie die Laute zurück, führte mich in ein kleines, nur vom Mondschein schwach erhelltes Schlafgemach, das für mich zubereitet war, wünschte mir mit feierlicher Miene einen gesunden und heiligen Schlummer, und entfernte sich.

Was dir vielleicht sonderbarer als alle diese Feerei vorkommen wird, ist diess: dass ich das alles, wie gesagt, ohne Erstaunen oder Verwunderung, als etwas das meine Erwartung nicht übertraf, kurz als die natürlichste und schicklichste Sache von der Welt aufnahm. Die ganze wirkung, die es auf mich tat, war, mich gleichsam unter Gewährleistung aller meiner Sinne gewiss zu machen, dass ich wirklich bei der Tochter des Apollonius, der Erbin seiner Weisheit und erhabenen Geheimnisse, sei. Diess vorausgesetzt, hätte alles noch weit ausserordentlicher bei ihr sein können, ohne dass ich einen Augenblick stutzig darüber geworden wäre. Meine Einbildung war von früher Jugend an mit allen Arten des Wunderbaren vertraut, und was im gemeinen Laufe der Dinge wunderbar heisst, war, nach meiner Vorstellungsart, in dem höhern Kreise, zu welchem Dioklea gehörte, natürlich. Ich überliess mich also mit dem ruhigsten Zutrauen der Freude über eine Aufnahme, die alles was ich erwarten konnte übertraf, und schlief in Hoffnungen ein, die der Traumgott selbst mit aller seiner gränzenlosen Macht nicht hätte übertreffen können.

Als ich mit dem Tag erwachte, war das erste was mir in die Augen fiel, ein wunderschönes Gemälde, welches in einem prächtigen Rahmen von vergoldetem Schnitzwerk eine ganze Wand meines Schlafgemachs einnahm. Es stellte Venus und Adonis vor: jene, in dem Augenblicke, wie sie, von einer rosenfarbnen Wolke umgeben, auf einer Anhöhe des Idalischen Hains aus ihrem Schwanenwagen steigt, indem eine von ihren Grazien die Zügel hält, und die beiden andern, mit der Göttin die schönste Gruppe machend, ihr im Aussteigen behülflich sind; diesen, wie er, zu ihren Füssen liegend, mit dem wärmsten Ausdruck der anbetenden Liebe zu ihr emporschaut, in einer Stellung als ob er die arme gegen sie ausbreiten wollte, aber plötzlich