1791_Wieland_110_24.txt

lange das Ziel aller meiner Bestrebungen war, in unmittelbarer Verbindung stehen müsste. Die Schwierigkeit war nur, wie ich Zutritt bei ihr erhalten könnte, da meine Fremdheit, mein Geschlecht und meine Jugend meinen Wünschen nicht geringe Hindernisse entgegen setzten. Nach vielem Hin- und Hersinnen schien mir das schicklichste zu sein, ihr mein Anliegen schriftlich vorzutragen. Ich machte ihr, mit Verschweigung meines Namens, in wenigen aber starken Zügen eine Abschilderung von mir selbst; entdeckte ihr das mich unumschränkt beherrschende Verlangen, in den Mysterien der höchsten und heiligsten Magie iniziiert zu werden, und wie weit ich es in der Vorbereitung dazu gebracht zu haben glaubte; und, um ihre Zuneigung desto eher zu gewinnen, setzte ich hinzu (wie es denn auch die reine Wahrheit war), dass ich der himmlischen Venus, als der ewigen Quelle und Fülle des höchsten und unvergänglichen Schönen, schon seit mehreren Jahren ein heiliges Gelübde getan hätte, mich von aller irdischen Liebe und allem sinnlichen Liebesgenuss rein zu erhalten, und meine Seele sowohl als meinen Leib in unbefleckter Unschuld für ihren Dienst, dem ich mich gänzlich gewidmet hätte, aufzubewahren. Alles dieses vorausgeschickt, legte ich ihr diese zwei fragen vor: ob mein Verlangen der Göttin angenehm sei? und, was ich in diesem Falle weiter zu tun hätte?

In einer Entfernung von vierzig bis funfzig Schritten von dem Felsen, worin Dioklea sich aufhielt, lief eine hohe und dichte Hecke von wilden Myrten um denselben, deren Pforte immer verschlossen blieb. Vor dieser Pforte lag ein grosser Sphinx von weissem Marmor, in dessen offnen Mund alle, welche die Prophetin um etwas befragen oder ersuchen wollten, ein Papier steckten, worauf ihr Anliegen kurz und deutlich ausgedrückt war. Aber so wie man ihre Antworten oder ihre hülfe unentgeltlich erhielt, so war auch die erlaubnis, sich durch dieses Mittel an sie zu wenden, auf eine einzige Stunde eines gewissen Tages in jeder Woche eingeschränkt, und die Erhörung hing gänzlich von der Willkühr der Göttin oder ihrer Priesterin ab. Auch durfte niemand, der sich einer Uebeltat oder Verunreinigung, wodurch er der Göttin missfällig sein könnte, bewusst war, den Graben überschreiten, der den heiligen Bezirk von dem übrigen wald absonderte; und man pflegte sich daher gewöhnlich eines Knaben unter zwölf Jahren zu bedienen, um die Briefe oder die Zettel dem Sphinx in den Mund zu stecken.

Ich hatte mir jenseits des Grabens ein Zelt aufschlagen lassen, wohin ein einziger alter Diener, der bei mir war, meine unentbehrlichsten Bedürfnisse bringen musste. Aber von dem Augenblick an, da ich meinen Brief an Dioklea abgelegt hatte, brachte ich den ganzen Tag in dem inneren des Hains zu, dessen heilige Dunkelheit und Stille das schicklichste Mittel war, die Abgeschiedenheit oder den Pytagorischen Tod50, wodurch ich in das dämonische Leben übergehen musste, zu befördern, und mein Inneres dem himmlischen Lichte aufzuschliessen, worin ich zum unmittelbaren Anschauen der göttlichen Dinge zu gelangen versichert war. Eine unzählige Menge schneeweisser Tauben schienen die einzigen Bewohner dieses Hains zu sein, deren Farbe das Symbol der Reinheit, so wie ihr sanftes Girren (der einzige laut der die tiefe Stille belebte) mir ein Bild des sehnenden Verlangens der Seele war, sich mit der höchsten Schönheit zu vereinigen. Die damalige Jahrszeit (es war im Anfang des Sommers), der reine Himmel dieses schönen Landes, dem wenige in der Welt zu vergleichen sind, die durch die lieblichste Kühlung gemilderte Wärme, alles trug das Seinige bei, einen Jüngling von zwanzig Jahren, der so sonderbar gestimmt war, in diese Art von wachenden Träumen zu versetzen, wo, unter einem Schlummer der Sinne den das Flattern eines Schmetterlings erwecken kann, das Zauberspiel der begeisterten Einbildung zum Anschauen und die leiseste Ahndung der Seele zur Empfindung wird, – wo wir in vorbei blitzenden Augenblicken sehen und hören, was keine Zunge beschreiben, kein Apelles malen, kein Günstling der Musen in Töne setzen kann, – und das, was wir in diesen unbegreiflichen Augenblicken erfahren, es uns vielleicht durch unser ganzes Leben unmöglich macht, dem Gedanken Raum zu geben, dass es Täuschung gewesen sein könnte.

Lucian.

Eine glücklichere Stimmung hätte in der Tat die göttliche Dioklea oder Apollonia ihrem künftigen Schüler nicht wünschen können!

Peregrin.

Nachdem ich den grössten teil des Tages und der Nacht auf diese Weise vorbei geträumt hatte, war ich endlich in einer süssen Ermattung unter einigen Lorberbäumen mitten im Hain eingeschlafen. Beim Erwachen fand ich die Antwort der Tochter des Apollonius auf meinem Schoosse liegen. Wie gross war mein Erstaunen, als ich, der in meinem Briefe nicht genannt war und schwerlich in ganz Karien von jemand gekannt sein konnte, die Aufschrift erblickte: An Peregrinus Proteus von Parium. Es konnte nur durch die Entzückung, in welche mich der Inhalt setzte, übertroffen werden. "Mein Verlangen war der Göttin angenehm, und noch heute sollte ich mich in der ersten Stunde nach Mitternacht vor der Pforte einfinden, die in den innersten Bezirk des heiligen Haines führte."

Ich erlasse dir, lieber Lucian, die Beschreibung alles dessen, was bis zu dieser feierlichen ersten Stunde nach Mitternacht in mir vorging. Du kennst nun bereits deinen Mann so gut, als ein Geist aus deiner klasse ihn zu kennen fähig ist; und überdiess habe ich dir noch so viele sonderbare Dinge bis zu dem Augenblick meiner Verlüftung (wie es dein Unbekannter zu nennen beliebt hat) zu erzählen, dass ich mich, wo es nur immer ohne Nachteil der Sache geschehen kann, der möglichsten