1791_Wieland_110_23.txt

nachdrückliche Drohungen hinzu fügte, wofern sie sich unterstände jemals wieder einem seiner Freunde nachzustellen.

Lucian.

So habe ich mir diese geschichte immer gedacht, und es ist bei diesem, wie bei allen andern Mährchen des Babyloniers Damis, ziemlich leicht, das Natürliche und Wahre von dem Wunderbaren, wodurch er es, dem Genie seines Landes gemäss, aufzustutzen sucht, zu unterscheiden.

Peregrin.

Der alte Menippus erzählte mir eine Menge dergleichen Anekdoten, worauf der Schildknapp Damis und andere seines gleichen ihren Glauben gründeten, dass Apollonius wenigstens ein Halbgott, wo nicht gar ein ganzer Mensch gewordner Gott gewesen sei; welche aber, seiner Meinung nach, weiter nichts bewiesen, als dass er ein Mann von ungewöhnlich grossem Genie und Charakter warund damit sehr viel bewiesen. Es ist natürlich, sagte er, dass derjenige von gemeinen Menschen für mehr als ein Mensch gehalten wird, der das Grösste was ein Mensch sein kann, und also so weit über sie erhaben ist, dass ihnen schwindelt wenn sie an ihm hinauf sehen. Wir stritten uns öfters über diesen Punkt; denn ich konnte dem angenehmen Wahne, den Apollonius für eines der glänzendsten Beispiele eines vermenschten Dämons zu halten, ohne eine allgemeine Umkehrung meiner ganzen Vorstellungsart unmöglich entsagen; und Menippus, entweder weil er diese Bemerkung gemacht hatte, oder weil er nicht stark an seinen Meinungen hing, begnügte sich bei unsern Disputen über diese Dinge gemeiniglich, sich mit einem ungläubigen Vielleicht in die Sokratische Unwissenheit zurückzuziehen.

Ich fragte ihn einst, wie es käme, dass ein Weiser von so ausserordentlicher Art, wie Apollonius, keine Schüler, die seiner würdig wären, hinterlassen, und dass dieser zweite, oder vielleicht zum zweitenmal in die Welt gekommene Pytagoras auf die Pytagoräer unsrer Zeit so wenig gewirkt habe? Menippus schien diess für eine Bestätigung und natürliche Folge seiner Meinung von der person des Apollonius anzusehen. Ein ungewöhnlich grosser Mann, sagte er, hat eben desswegen wohl dumpfe Anstauner, abergläubische Verehrer, kindische Nachahmer und mechanische Widerhaller seiner Worte, aber keine Söhne und Erben seines Geistes, seiner Naturgaben und seines Charakters. Indessen, wenn man einer Sage, die seit einiger Zeit sich verbreitet, glauben dürfte, so befände sich in der Gegend von Halikarnassus eine Art von Prophetin oder Magierin, die eine Ausnahme hiervon machte. Man spricht sehr verschieden von dem was sie sein soll. Einige geben sie für eine Aegyptische oder Syrische Priesterin aus; nach andern ist sie nichts Geringer's als die Eryträische Sibylle48, die nach einer Verschwindung von tausend Jahren sich wieder sehen lässt; die meisten aber halten sie für eine Tochter des Apollonius, dem sie ungemein ähnlich sein soll, und geben ihr, um ihren Ursprung noch mehr zu verherrlichen, ich weiss nicht welche Göttin oder Nymphe zur Mutter, mit welcher er sie, nach seiner Verschwindung aus den Augen der Menschen, in einer der glücklichen Inseln49, wohin er sich ohne zu sterben zurückgezogen, erzeugt haben soll. Kurz, diese Dioklea, wie sie sich nennt, ist eine sehr geheimnissvolle person: aber darin stimmen alle Gerüchte von ihr überein, dass ihr nichts Vergangenes noch Künftiges unbekannt sei, dass sie mit den Göttern umgehe, viele Wunderkuren verrichtet habe, und überhaupt ganz unbegreifliche Dinge zu tun im stand sei. Wenn mich, setzte er hinzu, mein hohes Alter nicht an Smryna fesselte, so hätte ich selbst die Reise nach Halikarnass gemacht, um diese wundervolle person kennen zu lernen, und zu sehen, ob sie dem Apollonius, dessen Bild keine Zeit aus meinem Gedächtniss auslöschen kann, wirklich so ähnlich ist als man sagt. – Besitzest du, fragte ich ihn, keine Bildsäule oder Büste von ihm? – Mehr als Eine, erwiderte er, und führte mich sogleich in ein Museum, wo er mir unter andern Brustbildern grosser Männer verschiedene zeigte, die den Apollonius vorstellen sollten, aber an deren jedem er vieles auszusetzen hatte. Ich drückte diejenige, die er für die ähnlichste erklärte, tief in meine Seele, und beschloss bei mir selbst (wiewohl ich ihm nichts davon merken liess), dass sich der Mond nicht zweimal ändern sollte, ehe ich mich durch meine eigenen Augen überzeugt hätte was an der Sache wäre.

Ich machte die Reise von Smyrna nach Halikarnass zu land, und mit solcher Eilfertigkeit, dass ich zu Ephesus nicht einmal so lange verweilte, um den Dianentempel zu sehen, dem ich zu einer andern Zeit eine grosse Reise zu Liebe getan hätte. Je näher ich dem Ziel meiner Reise kam, je öfter hörte ich von der weisen Dioklea, oder Apollonia, wie sie von vielen genannt wurde, sprechen. Man erzählte seltsame und (wie es zu gehen pflegt) übertriebene Dinge von ihren Orakeln und Wundern, von ihrem einsamen Aufentalt in einem heiligen wald der Venus Urania, von ihrer Felsenwohnung, in welche keinem Menschen den Fuss zu setzen erlaubt sei, und wo sie von unsichtbaren Nymphen bedient werde, und wie übel es gewissen Verwegenen bekommen sei, die sich aus Vorwitz oder einer andern sträflichen Absicht hätten erfrechen wollen, ohne ihre erlaubnis in ihre geheimnissvolle wohnung einzudringen. Alles was ich hörte, vermehrte mein Verlangen, mit dieser Tochter des Apollonius (wofür ich sie, ungesehen und ununtersucht, zu erkennen geneigt war) so bald als möglich genauer bekannt zu werden. Besonders war ich über den heiligen Hain der Venus Urania, worin sie sich aufhielt, erfreut: denn ich schloss daraus, dass sie mit dieser Gotteit, zu deren Anschauen zu gelangen schon