1791_Wieland_110_22.txt

: man muss, sage ich, vermutlich aus Erfahrung wissen was für eine Existenz diess ist, oder du würdest mich in diesem Zustande nicht so bedauernswürdig finden, als du zu tun scheinst. Aber solltest du nicht wenigstens diess erfahren haben: dass es Träume gibt, die uns glücklicher machen, als wir wachend je gewesen sind, und deren wir uns, selbst nach dem Erwachen, noch immer mit Vergnügen erinnern?

Lucian.

Träume? – Allerdings! – Aber wie ging es dir denn auf der Fahrt nach Smyrna? Ihr hattet doch günstigen Wind und gutes Wetter?

Peregrin (lächelnd).

Sehr gutes. Wir kamen glücklich zu Smyrna an, und mein Genius wollte mir so wohl, dass ich gleich in den ersten Tagen die Bekanntschaft eines eisgrauen alten Mannes, Namens Menippus, machte, der keiner von den Unangesehensten in der Stadt war, und in seiner Jugend mit dem Weisen, den ich genauer zu kennen so begierig war, mit dem grossen Apollonius, vielen Umgang gepflogen hatte.

Lucian.

Wie? doch nicht des Menippus, von dem uns der aberwitzige Damis in seine Reisen des Apollonius das abgeschmackteste aller Ammenmährchen erzählt, die geschichte von der Empuse oder Lamie, die, um diesen Menippus in sich verliebt zu machen, die Gestalt einer schönen Frau aus Phönicien angenommen, ein prächtiges Haus gemacht, und die Sache zwischen ihr und ihrem verblendeten Liebhaber bis zur Hochzeit getrieben habe; da denn der teure Wundermann Apollonius ganz unerwartet zum Hochzeitschmause gekommen, das ganze Zaubergastmahl sammt allem Gold- und Silbergeschirr und allen Bedienten verschwinden gemacht, und die arme in Tränen zerfliessende Braut genötigt habe, zitternd und zähnklappend zu gestehen, dass sie eines von den Gespenstern sei, womit die Ammen den unartigen Kindern zu drohen pflegen, und dass sie den holden Menippus bloss darum an sich gezogen, um ihn erst recht fett zu machen und dann lebendig aufzuessen, indem sie und die übrigen Lamien, ihre Schwestern, gar grosse Liebhaberinnen von jungen wohl genährten Mannspersonen seien, weil sie so reines Blut hätten? War's etwa der?

Peregrin.

Eben der, Lucian, wiewohl er die geschichte mit der Lamie, wie du leicht erachten kannst, etwas anmehr noch weniger als eine ausländische Hetäre, die schon seit mehrern Jahren zu Korint unter dem Namen einer Phönizischen Dame junge Leute an sich gezogen, und auf die eine oder andere, oder auch auf beiderlei Art zugleich, so gut ausgezogen hatte, als es eine leibhafte Empuse nur immer hätte tun können. Menippus, der sich damals zu Korint aufhielt und ein wohlgemachter atletenmässiger junger Mensch war, hatte sich ebenfalls in den Netzen dieser schönen Menschenfresserin gefangen; und Apollonius, der ihn wenige Wochen zuvor in voller Blüte und Jugendkraft gesehen hatte, brauchte weder ein Prophet noch ein Halbgott zu sein, um ihm die Verheerung, welche die Phönicierin an den Rosen seiner Wangen angerichtet hatte, auf den ersten blick anzusehen. Er brachte den jungen Menschen, der ihm sehr ergeben war, ohne Mühe zum geständnis, und Menippus musste ihm versprechen, einem so gefährlichen Umgang zu entsagen. Aber die Phönicierin hatte keine Lust, sich einen Liebhaber rauben zu lassen, von dessen Wichtigkeit niemand besser urteilen konnte als sie. Sie hatte wirklich eine heftige leidenschaft für ihn gefasst, und da sie schon ziemlich weit über ihre Rosenzeit hinaus war, und bereits einen grossen teil ihrer Reizungen von der Kunst borgen musste, beschloss sie, weil ihr kein anderes Mittel übrig blieb, den Menippus durch den Antrag ihrer Hand und der Reichtümer, die sie auf Unkosten ihrer Liebhaber erworben hatte, an sich zu fesseln. Dieser liess sich in einem Augenblick von Schwäche überwältigen. Die Phönicierin veranstaltete eine prächtige Hochzeit, und legte bei dieser gelegenheit alles ihr Silber und alle ihre goldnen und mit Edelsteinen besetzten Becher und Trinkschalen aus, um ihren Geliebten durch die Grösse seines Glücks zu desto lebhafterer Dankbarkeit aufzufordern. Alles ging so gut wie sie es nur wünschen konnte: als auf einmal der von allem unterrichtete Apollonius erschien, und der Hochzeitfreude ein Ende machte. Das, wodurch dieser ausserordentliche Mann den grössten teil seiner Wunder wirkte (sagte Menippus) war die majestätische Länge und Schönheit seiner Gestalt, und die Magie seiner Beredsamkeit, die durch sein Ansehen und den Ton seiner stimme eine hinreissende Gewalt bekamkurz, ein Aeusserliches, wodurch er Königen und dem Kaiser Domitian selbst eine Art von Ehrfurcht zu gebieten gewusst hatte. Was Wunder, dass eine so mancher Schuld sich bewusste Dirne, wie diese, von der unerwarteten Gegenwart und der donnernden Anrede eines solchen Mannes , der sie eine Lamie schalt und seinen Freund aus ihren Klauen, wie er sagte, zu retten gekommen war, zu Boden geworfen wurde? Das Gastmahl, das Gold und Silber und die Bedienten verschwanden freilich, aber auf ihren eigenen Wink. Die bestürzte Phönicierin fiel dem Apollonius zu Füssen: allein, was hätten ihre Bitten und Tränen über diesen Mann vermögen sollen? Er führte die angefangene Vergleichung ihres Charakters und ihrer bisherigen Lebensart mit dem, was von den Lamien oder Empusen gefabelt wird, ohne alle Schonung und mit Worten von solchem Nachdruck aus, dass das arme Weib beinahe selbst zweifelte ob sie nicht wirklich eine Lamie seiund endigte damit, dass er den erschrocknen und beschämten Menipp, mit der Autorität, die er sich über seine jungen Freunde zu geben wusste, beim Arm ergriff und mit sich davon führte, indem er zugleich der verblüfften Lamie befahl, unverzüglich aus Korint zu verschwinden, und sehr