eben so wenig möglich war, als dass Lucian unschuldiger Weise hätte in den Fall kommen können, aus dem Fenster des alten Ratsherrn Menekrates zu springen, oder einem Atenischen Sackträger dreitausend Drachmen dafür zu bezahlen, dass er seinem Jungen einen Kuss auf die Stirne gegeben hätte.
Zweiter Abschnitt.
Peregrin.
Ich sollte nun in meiner Apologie, wenn ich es so nennen kann, auf den Tod meines Vaters und meine Gemeinschaft mit den Christianern kommen. Aber es verflossen einige Jahre zwischen diesen begebenheiten und meinem Aufentalt zu Aten. Willst du dass ich diese überspringen soll? oder hast du Geduld genug die Erzählung etlicher Geschichten anzuhören, die diese Zwischenzeit ausfüllten, und in der Tat zu besserer Uebersicht des Ganzen meines Lebens nicht gleichgültig sind, wiewohl dein Unbekannter nichts davon wusste?
Lucian.
Du bist mir, ohne dir eine Schmeichelei sagen zu wollen, aus dem was du mir bereits vertraut hast, interessant genug geworden, dass mir kein Umstand gleichgültig sein kann, der deinen Charakter stärker oder von einer neuen Seite beleuchtet, und mir begreiflicher machen hilft, was ich in deinem Leben zweideutig, rätselhaft und übel zusammenhängend fand.
Peregrin.
So mache dich immer auf eine sehr seltsame geschichte gefasst! Aber ehe ich dahin komme, wird es nötig sein noch ein paar Worte von der inneren Verfassung zu sagen, worin ich mich befand, als ich den Entschluss nahm nach Asien überzugehen.
Seitdem mich der Dämon der Liebe, den die Wahrsagerin Diotima dem Sokrates offenbarte, auf die Entdeckung gebracht hatte, dass ich selbst ein eingekörperter Dämon dieser Art sei, schien mir nichts natürlicher, als das Verlangen, mich selbst und die Wesen meiner Gattung sowohl, als die höhern, mit denen meine natur verwandt war, besser kennen zu lernen. Diese Kenntniss war die einzige die ich meiner würdig hielt, da sie mich geraden Weges zur Eudämonie führte, jener erhabenen Geisterwonne, die mir nichts Irdisches weder geben noch rauben konnte, und nach welcher zu streben mein angebornes Vorrecht war. Und was konnte diese Eudämonie anders sein, als das Leben eines Dämons zu leben, mit Dämonen und Göttern umzugehen, und von einer Stufe des Schönen zur andern bis zum Anschauen und Genuss jener höchsten Urschönheit46, jener himmlischen Venus zu gelangen, welche die Quelle und der Inbegriff alles Schönen und Vollkommnen ist?
Die grosse Frage blieb indessen immer: wie, auf schehen könne? und, wofern es mehrere Wege gäbe, welches der nächste und kürzeste wäre? Da es mir nun ausgemacht schien, dass unter den Alten Pytagoras und unter den Neuern Apollonius zu dieser hohen Eudämonie, und vielleicht zur höchsten Stufe derselben, gekommen seien: so war meine erste sorge, mich mit diesen so bekannt zu machen, als es durch eigenes Forschen in allem was sie hinterlassen, und durch vertrauten Umgang mit Personen, die in den Mysterien ihrer Weisheit wirklich eingeweiht wären, geschehen könnte. Die Hoffnung, Einen wenigstens von dieser klasse zu Aten zu finden, war mir fehl geschlagen: die wenigen Pytagoräer, die ich dort sah und hörte, schienen Leute zu sein, die sich an den äusserlichen Formen ihres Ordens und an Ansprüchen begnügten, welche sie zu realisiren weder wussten noch begehrten. Ich sah mich also genötigt die einsame Lebensart zu erwählen, die den Zerstreuung liebenden Atenern so lächerlich vorkam, und mich auf mein eigenes Forschen, und auf die Reinigungen und Uebungen der Seele einzuschränken, welche die natürliche Vorbereitung zu den höhern Stufen waren, die ich so sehnlich zu ersteigen wünschte.
Lucian.
Und fandest du denn, guter Peregrin, in ganz Aten
sen konnte, dich von allem diesem Unsinn auf einmal und von Grund aus zu entledigen? Denn, so viel ich merken kann, fehlte dir doch nichts als diese Cur.
Peregrin.
Um einen Arzt zu suchen oder zuzulassen, Lucian, muss man sich für krank halten, und davon war ich himmelweit entfernt. Auf dem Wege der Entaltung, den ich ging, begegnet man keiner Glycerion, und wäre es geschehen, ich würde sie wie eine Empuse47 geflohen haben.
Lucian.
Sage mir nur noch diess einzige: da du doch deine ganze Existenz an eine Eudämonie setztest, die dich mit Dämonen und Göttern in Gemeinschaft bringen sollte, stieg dir nie ein Zweifel über das Dasein dieser wunderbaren Wesen auf? Fragtest du dich nie selbst: woher weiss ich dass es Dämonen und Götter gibt?
Peregrin.
Nie in meinem ganzen Leben! so wenig als es mir je einfiel mich zu fragen, ob es eine Sonne in der Welt gebe?
Aber dass die Sonne da sei, sahest du –
Peregrin.
Mit dem körperlichen Auge, aber nicht gewisser, als den Gott der Sonne mit dem geistigen.
Lucian (den Kopf ein wenig schüttelnd).
Also weiter, Freund Peregrin!
Peregrin.
Es scheint, lieber Lucian, man müsse aus eigener Erfahrung wissen, was es ist, seine Seele mit lauter Idealen von Schönheit und Vollkommenheit angefüllt zu haben; welche innere Ruhe, welche Freiheit und Grösse es gibt, auf alle Gegenstände der Wünsche und Leidenschaften der Menschen mit Verachtung herabzusehen, – im Getümmel aller dieser nach der Erde hin gebückten Geschöpfe seine eigene höhere natur zu fühlen – und, während sie einen nie gesättigten Hunger mit tierischen oder wesenlosen Befriedigungen zu stillen suchen, sich am reinen Ambrosia der Götter, an Schönheit, Harmonie und Vollkommenheit zu weiden – kurz, mitten in der Hülle der groben Sinnenwelt, in einer lichtvollen und gränzenlosen Welt von Geistern und Ideen zu leben