1791_Wieland_110_20.txt

mit einer Miene von böser Vorbedeutung, als Vater des jungen Gabrias, bei mir, beklagte sich mit grosser Heftigkeit, dass ich seinen Sohndas unschuldigste Kind von der Welt, eh' er in meine hände gefallen seiverführt hätte, und forderte Genugtuung desswegen, wenn ich nicht wollte, dass er seine Klage gegen mich noch in dieser Nacht im Areopagus laut erschallen liesse. Ich merkte bald genug, dass ich einen Mann vor mir habe, dem es nicht um Versicherungen oder Beweise meiner Unschuld, sondern um mein Geld zu tun war; und alle Standhaftigkeit, die ich ihm entgegen setzte, wurde zum Schweigen gebracht, da er mir sagte, dass Gabrias bereit wäre, über Gewalt gegen mich zu klagen. – Wie schlecht diese Leute auch waren, so war ich ein Fremder, ohne Freunde, und konnte darauf rechnen, ganz Aten, vornehmlich die ganze Zunft der Philosophen, die sich eine falsche Rechnung auf mich gemacht hatten, wider mich zu haben. Aber auch ohne diese Rücksichten hätte ich lieber mein ganzes Vermögen hingegeben, ehe ich in einem solchen Handel vor Gericht erschienen wäre. Ich bequemte mich also, dem alten Bösewicht die Summe worauf er bestand, und die in der Tat nicht gering war, zu bezahlen, wie ich mich bequemt haben würde, mein Leben oder meine Freiheit von einem Seeräuber loszukaufen.

Dieser Zufall, der wie ein Blitz bei hellem Wetter auf mich herabstürzte, unterbrach das innere Geschäfte meiner Seele auf eine höchst schmerzliche Weise. Der Aufentalt zu Aten wurde mir durch den Gedanken, was für Leute meinen guten Namen in ihrer Gewalt hätten, unerträglich; ich konnte mich nicht schnell und weit genug von Menschen entfernen, die mir zu meinem Zwecke so wenig halfen, und unter welchen man solchen Bübereien ausgesetzt war. Ich packte also meine Sachen zusammen, und begab mich schon am dritten Tage nach dieser verhassten Begebenheit an Bord eines Schiffes, das nach Smyrna abzugehen begriffen war.

Lucian.

Was du tatest um dir dieses Gesindel vom Halse zu schaffen, würde ich, und vermutlich ein jeder anderer, an deinem platz auch getan haben; wiewohl vielleicht wenige sein mögen, die zu einem so schlimmen Handel so unverschuldet gekommen wären wie du. Der Verfasser der Liebesgötter43, zu denen ich eben so unschuldig Vater sein muss, würde gesagt haben, du hättest deine Strafe durch deine Unschuld verdient: aber, meiner Meinung nach, verdientest du sie durch die Unvorsichtigkeit, dich mit einem dir unbekannten Atenischen Knabenwenn er auch schöner als Ganymed und Adonis gewesen wärein einen Umgang einzulassen, der einen jungen Menschen von deinem Alter notwendig verdächtig machen musste; zumal da du den Vorwurf gegen dich hattest, ein Sonderling und ein Verächter der besten Gesellschaft zu sein die vielleicht in der ganzen Welt zu finden war; denn dafür galten die Atener unsrer Zeit, und nicht ohne Grund, däucht mich. Uebrigens ist es sehr möglich, dass der Alte so ganz Unrecht nicht hatte, sich zu beschweren dass du seinen Sohn verführt habest.

Peregrin.

Wie so?

Lucian.

Der Junge konnte wirklich, da du ihn im wald antrafst, noch unschuldig und ohne die Sokratische Liebe die du so plötzlich auf ihn warfst, es noch lange geblieben sein. Vermutlich erzählte er zu haus, was ihm mit dem schönen fremden Herrn im wald begegnet sei. Sein Vater, ein dürftiger, schlecht denkender, und wo es auf Gewinn ankam wenig bedenklicher Mann, machte seine Glossen darüber. Natürlicherweise hatte er von einer so geistigen uninteressierten Liebe zu schönen Bübchen oder Mädchen, wie die deinige war, nicht die geringste Vorstellung noch Ahndung; er erkundigte sich vermutlich nach dir, erfuhr dass etwas bei dem fremden Herrn zu gewinnen sei, machte nun seinen kleinen Plan auf den einen oder den andern Fall, und unterrichtete den Jungen wie er sich zu benehmen habe. Die Hoffnung eines namhaften Gewinns ist für Leute von diesem Schlag eine unwiderstehliche Verführung; und so hättest du dich denn doch, mit aller deiner Unschuld, als den Verführer des jungen Gabrias anzusehen.

Peregrin.

In diesem Sinne allerdings. Indessen war der weise Sokrates selbst, nach dem unverwerflichen Zeugnisse, welches ihm der schöne Alcibiades in ziemlich grosser Gesellschaft darüber erteilte, nicht reiner von diesem seinem Liebling, als ich von dem jungen Gabrias; wiewohl ich dich versichern kann, dass der berüchtigte Günstling Hadrians44 ihm den Vorzug der Schönheit kaum hätte streitig machen können. Wäre ich gesinnt gewesen wie zehntausend andere, so hätte alles den gewöhnlichen gang genommen, und dein Unbekannter zu Elea würde wahrscheinlicherweise eine Verleumdung weniger gegen mich vorzubringen gehabt haben. Ich bezahlte also meine Tugend mit dreitausend Drachmen und einer Verwundung meiner Ehre, wovon ich die Narbe bis an meinen Tod behielt.

Lucian.

Deine Tugend, unddeinen Mangel an Klugheit, bitte ich hinzuzusetzen. Wer, ohne sich den Gesetzen dieser letzteren, welche die grosse Tugend des gesellschaftlichen Lebens ist, zu unterwerfen, in seinem Betragen gegen andere bloss von seinem Herzen und von einer idealischen Vorstellungsart geleitet wird, läuft immer Gefahr ähnliche Erfahrungen zu machen.

Peregrin.

Diese Klugheit war freilich nie meine Tugend. Durch sie allein würde mein ganzes Leben eine andere Gestalt gewonnen haben, alle Abenteuer, woraus es zusammengeflochten ist, würden unterblieben, und Peregrin

Lucian.

würde, mit Einem Worte, nicht Peregrin gewesen seinwelches, nach dem ewigen Beschluss der grossen Pepromene45, oder, wenn du lieber willst, vermöge der natur der Dinge,