eignen mund des letzteren Aufschlüsse und Berichtigungen zu erhalten, wodurch das Mangelhafte in den Lucianischen Nachrichten ergänzt, das Dunkle und Unerklärbare ins Licht gesetzt, und das ganze moralische Rätsel des Lebens und Todes dieses sonderbaren Mannes, auf eine ziemlich befriedigende Art aufgelöset wird.
Wenn man sich erinnert, dass seit dem tod beider redenden Personen beinahe sechzehnhundert Jahre verstrichen sind, so wird man vielleicht unglaublich finden, dass sie in einem so langen Zeitraum nicht eher gelegenheit gehabt haben sollten, sich anzutreffen und gegen einander zu erklären. Allein fürs erste sind sechzehn Jahrhunderte, nach dem Massstabe woran die Geister die Zeit zu messen pflegen, kaum so viel als nach unserm Zeitmasse eben so viel Jahrzehnte: und dann traten bei Lucian und Peregrinen noch besondere Umstände ein, von denen (wiewohl sie zu den Geheimnissen des Geisterreichs gehören) uns vielleicht künftig etwas zu verraten erlaubt sein wird, die aber hier nicht an ihrem rechten Orte stehen würden.
Nach diesem kleinen Vorberichte würde mich nun nichts weiter hindern, die Unterredung zwischen den besagten beiden Geistern sogleich mitzuteilen, wenn ich voraussetzen könnte, dass der Inhalt der oben angezogenen Lucianischen Schrift (ohne welche diese ganze Unterredung unverständlich und ihre Mitteilung zwecklos sein würde) entweder aus dem Original oder aus irgend einer Uebersetzung allen Lesern bekannt und gegenwärtig wäre. Da es aber billig ist, auf diejenigen, die sich nicht in diesem Falle befinden, Rücksicht zu nehmen: so hoffe ich diesen letzteren durch folgenden Auszug aus Lucians Bericht von Peregrins Lebensende einen kleinen Dienst zu erweisen.
Inhalt des sechzehnten Bandes.
Einleitung.
Veranlassung dieser Unterredungen zwischen Peregrin und Lucian. Etwas über das Recht oder Unrecht, Schwärmerei und Torheit durch Spott heilen zu wollen. Peregrin nimmt davon gelegenheit, sich gegen die harten Urteile, welche Lucian in seiner Schrift von Peregrins tod über ihn gefällt, und besonders gegen die Beschuldigungen eines darin redend eingeführten Ungenannten so zu verteidigen, dass Lucians Wahrheitsliebe und Redlichkeit dabei ins Gedränge kommt. Da er indessen nicht zu läugnen begehrt, dass der Schein und zum teil die auf blossen Gerüchten und Verleumdungen beruhende öffentliche Meinung gegen ihn war, so wünscht er seinen neuen Freund durch eine reine offenherzige beichte seines ganzen ehemaligen Lebens in den Stand zu setzen, ein richtigeres Urteil von ihm zu fällen, hauptsächlich aber die zweideutigen und rätselhaften Stellen seiner geschichte in ihr wahres Licht zu setzen. Lucian zeigt sich geneigt ihn anzuhören, und so beginnt Peregrin, im
I. Abschnitt.
seine Erzählung mit einer kurzen Nachricht von seiner Vaterstadt und Familie, um sogleich zur Schilderung der Lebensweise und des Charakters seines Grossvaters Proteus, von welchem er erzogen wurde, überzugehen, und zu zeigen, wie teils durch diese Erziehung, teils durch zufällige Umstände schon in seinen frühesten Jahren der Grund zu seinem ganzen Charakter und zu den seltsamen Verirrungen seiner frühzeitig erhitzten und exaltierten Einbildungskraft gelegt worden. Wie er schon im ersten Jünglingsalter dazu gekommen, etwas Dämonisches in sich zu erkennen, und welchen Einfluss diese Entdeckung auf seine Ideen von seiner Bestimmung und dem, was für ihn das höchste Gut sei, gehabt habe. – Tod seines Grossvaters, dessen Erbe er wird. Wahre Erzählung seines ersten Liebesabenteuers mit der schönen Kallippe, wodurch die schiefe und in wesentlichen Umständen verfälschte Art, wie der Ungenannte zu Elis davon spricht, berichtiget wird. Peregrin geht von Parium nach Aten. Ursachen der sonderbaren Lebensart, die er daselbst führt. Zweites unglückliches Abenteuer, welches ihm mit einem schönen Knaben zu Aten begegnet, und ihn schleunig nach Smyrna abzureisen bestimmt.
II. Abschnitt.
Gemütszustand, worin Peregrin Aten verlässt. Wie sich sein Ideal von Glückseligkeit (Eudämonie) in ihm entwickelt, und durch eine natürliche Folge ein heftiges Verlangen daraus entsteht, vermittelst einer vermeinten erhabenen Art von Magie in die Gemeinschaft höherer Wesen zu kommen, und von einer Stufe dieses geistigen Lebens zur andern endlich zum unmittelbaren Anschauen und Genuss der höchsten Urschönheit zu gelangen. Er wird zu Smyrna mit einem gewissen Menippus, und durch diesen mit dem Charakter und der geschichte des Apollonius von Tyana, bekannt; auch erhält er von ihm die erste Nachricht von einer in der Gegend von Halikarnass sich aufhaltenden vermeintlichen Tochter des Apollonius, welche sich unter dem Namen Dioklea in den Ruf gesetzt habe, im Besitz der höchsten Geheimnisse der teurgischen Magie zu sein. Peregrin beschliesst diese wundervolle person durch sich selbst kennen zu lernen, geht nach Halikarnassus ab, und wird von Dioklea, einem von Apollonius im Traum erhaltnen Befehle zufolge, als ein zu hohen Dingen bestimmter Günstling der Venus Urania, deren Priesterin sie ist, aufgenommen. Sein Aufentalt in Diokleens Felsenwohnung. Wunderbarer Anfang und Fortgang seiner Liebe zu dieser Göttin. Erste Teophanie, die ihm in ihrem Tempel widerfährt, mit ihren Folgen.
III. Abschnitt.
Peregrin wird mit einer zweiten Teophanie beglückt, und gelangt zur unmittelbaren Vereinigung mit der vermeinten Göttin. Wie er in ihrer wohnung aufgenommen und durch welche Mittel er eine kurze Zeit in der seltsamsten aller Selbsttäuschungen unterhalten wird. Die Göttin verwandelt sich endlich in die Römerin Mamilia Quintilla, und macht unvermerkt ihrer ehemaligen Priesterin Platz, die sich Peregrinen in einem ganz neuen Lichte zeigt, ihm den Schlüssel zu allen zeiter mit ihm vorgenommenen Mystificationen mitteilt, und sich mit abwechselndem Erfolg alle mögliche Mühe gibt, ihn von seiner Schwärmerei zu heilen und mit seiner gegenwärtigen Lage auszusöhnen. Nach mehr als Einem Rückfall versinkt Peregrin in eine peinvolle Schwermut. Er erhält neue seine Eitelkeit nicht wenig kränkende Aufschlüsse über den Charakter und die Lebensgeschichte der Dioklea: aber die Entdeckung eines neuen Talents