1791_Wieland_110_19.txt

über das Gewöhnliche merklich erhoben hätte. Sogar unter denen, die sich mit dem Pytagorischen und Platonischen Costum decorirten, fand ich nicht Einen, von dem ich mich im geringsten angezogen gefühlt hätte. Da die Stadt, ihrer Grösse ungeachtet, nur sehr mittelmässig, wie du weisst, bevölkert war, und die Atener alle mögliche Musse hatten, sich um alles zu bekümmern was sie nichts anging: so beschäftigte ich eine Zeit lang ihre Aufmerksamkeit und ihren Witz, und sie liessen es nicht an Epigrammen fehlen, zumal da ihnen meine Lebensweise mit meiner Jugend und Gestalt sehr lächerlich abzustechen schien. Weil ich aber, ohne darauf zu achten, bei meiner Weise blieb, und nach Verlauf weniger Wochen in einem der nächst gelegenen Flecken ein Landhaus mietete, hörte ich bald auf, etwas Neues für sie zu sein; und so wie ich ihnen aus den Augen kam, kümmerte sich niemand mehr um mein Dasein, bis ein kleines Abenteuer, das dein Ungenannter zu Elea nicht vorbeigelassen, aber eben so übel zugerichtet hat wie die Liebesgeschichte mit Kallippen, mich auf eine sehr unangenehme Art wieder in Erinnerung bei ihnen brachte.

Der Zufall liess mich einst in einem Gehölz am fuss des Pentelikus einen Knaben von vierzehn bis funfzehn Jahren finden, der dürres Reisig zusammenlas, und dessen ungewöhnliche Schönheit meine ganze Aufmerksamkeit an sich zog. Ich liess mich in ein Gespräch mit ihm ein, und bewunderte die Offenheit und Lebhaftigkeit seiner Antworten. Auf einmal fiel mir die Anekdote von der ersten Bekanntschaft ein, welche Sokrates einst mit einem eben so schönen Knaben in einem engen Gässchen von Aten gemacht hatte, und dass unter der Leitung des Weisen und seines Genius aus diesem Knaben der berühmte Xenophon geworden war. Mein Waldknabe schien mir ein nicht weniger glückliches Naturell zu versprechen; ich beschloss an ihm zu tun was Sokrates an dem jungen Xenophon getan hatte, vergass aber unglücklicherweise, dass Sokrates damals ein Mann von funfzig Jahren war, und ich kaum zwanzig zählte. Die Reinheit meiner Seele und die Unschuld meiner Absichten liessen mich an diesen Unterschied nicht denken; und es fiel mirmir, der das Urteil anderer Leute nie in Anschlag brachteso wenig ein, dass jemand an meinem guten Willen für diesen Knaben etwas Tadelhaftes finden könnte, als wenn ich einen Vogel aus dem wald mit nach haus gebracht hätte, um ihn singen zu lehren. Ich hing damals, ohne dass mich meine kleine Erfahrung mit der schönen Kallippe behutsamer über diesen Punkt gemacht hätte, noch sehr stark an dem Platonischen Glauben, dass die äussere Schönheit ein Widerschein der inneren sei; und meine rasche Einbildung weissagte sich in meinem jungen Xenophon vielleicht einen künftigen zweiten Pytagoras oder Apollonius, ohne es nur für möglich zu halten, dass es eben so wohl ein Alcibiades42 oder Kallias sein könnte. Aber ausser dem Verdienste, das ich mir durch die Pflege einer so schönen Pflanze um die Menschheit zu machen hoffte, hatte ich noch die besondere Absicht, mir in ihm einen künftigen Gehülfen in den Mysterien der hohen Magie zu erziehen, die damals das grosse Ziel meiner Wünsche und Gedanken war, und wozu ich die Pytagorische und Platonische Philosophie, welcher ich seit einiger Zeit mit grossem Fleiss obgelegen hatte, als eine Vorbereitung ansah. Die Schönheit und Unschuld des jungen Gabrias war eine sehr wesentliche Bedingung zu meinen Absichten, so wie seine Unwissenheit kein Hinderniss derselben war. Denn je reiner ich seine Seele von erkünstelten Begriffen und falscher Wissenschaft fand, desto geschickter war sie, die Ideen aufzufassen, zu welchen ich sie nach und nach zu erheben hoffte.

Die Neigung, die den Knaben gleich anfangs zu mir zu ziehen schien, verwandelte sich ziemlich schnell in eine so grosse anhänglichkeit, dass er mich bat, ihn als einen Menschen zu betrachten der mir gänzlich angehöre. Von dieser Zeit an lebte er einige Wochen beständig mit mir in dem vorerwähnten kleinen Landhause. Es zeigte sich indessen immer mehr, dass meine Hoffnungen von der Anlage des jungen Gabrias zu voreilig gewesen waren. Seine Lebhaftigkeit war mit einem Leichtsinn und einem Hang zum Mutwillen und zur Sinnlichkeit verbunden, der ihn zum untauglichsten aller Menschen machte, in Mysterien eingeweiht zu werden, deren erste Stufe die Reinigung der Seele von allen tierischen Neigungen ist.

Sobald ich mich hiervon überzeugt hielt, verging mir alle Lust mich weiter mit ihm abzugeben. Hätte ich keine andern Zwecke mit ihm gehabt, als ihn zu einem leidlichen Bürger von Aten zu bilden, so war freilich die Hoffnung dazu nichts weniger als verloren; er konnte sogar werden was seine Landsleute einen liebenswürdigen Menschen hiessen; denn er war der angenehmste Plauderer von der Welt, hatte Witz und drollige Einfälle, machte auf einen blick das Lächerliche an einer person oder Sache ausfindig, und besass die Gabe, anderer Leute stimme, Gebärden, gang und übrige Eigenheiten nachzuahmen, in einem ungewöhnlichen Grade: aber für meine Absichten war er unverbesserlich, und ich suchte mich also je eher je lieber von ihm loszumachen. Dennoch wusste er mich zwei- oder dreimal durch seine ausserordentliche Liebe zu mir, die er meisterlich spielte und mit den zärtlichsten Liebkosungen begleitete, wieder dahin zu bringen, dass ich ihn noch länger bei mir duldete: bis endlich sein Betragen (welches einem weniger Unerfahrnen schon lange hätte verdächtig sein müssen) keinen Zweifel mehr übrig liess, dass er sich an mir eben so sehr betrogen habe als ich mich an ihm.

Er wurde noch an demselben Tage aus dem haus geworfen; aber auch an demselben Tage meldete sich ein alter schlecht gekleideter Mann