1791_Wieland_110_17.txt

Bedenklichkeit geäussert, so möchte vielleicht auch in mir ein Zweifel über die Schicklichkeit der Sache rege geworden sein: aber dass sie so unbefangen, so schnell und so ruhig ihren Beifall gab, liess mich in meiner natürlichen Sicherheit. Ich liebte zwar Kallippen, aber mit einer so jungfräulichen Unwissenheit, dass ihr Schlafzimmer für mich nichts mehr war als jeder andere Ort. Und in der Tat hätte sie im innersten Heiligtum der Vesta nicht sichrer vor geheimen Absichten und Anschlägen auf ihre Unschuld von meiner Seite sein können als in ihrem Schlafzimmer.

Lucian.

Was für ein schlauer kleiner Bube euer Dämon Amor ist, Peregrin! Wie er die guten arglosen Seelen durch seine kindisch unschuldige Miene zu locken weiss! Und doch wette ich, das Schlafzimmer war die Ursache alles Unheils.

Peregrin.

Höre nur. Beinahe hätte ich noch einen kleinen Umstand vergessen, der auch nicht ganz unwichtig war, wiewohl ich damals nicht auf ihn achtete. Die junge Sklavin war immer bei unsern Zusammenkünften gegenwärtig; anfangs ohne sich einen Augenblick ganz zu entfernen; bei der zweiten und dritten ging sie ab und zu; in der Folge blieb sie bald kürzer bald länger aus, oft eine halbe Stunde, auch noch länger: aber alles so ungezwungen und absichtlos, dass ich ihre Abwesenheit kaum gewahr wurde.

Lucian.

Die Spitzbübin!

Peregrin.

Es vergingen mehrere Tage, ehe ich wieder den gewöhnlichen Wink von ihr erhielt.

Lucian.

Auch das vielleicht nicht ohne AbsichtAber du merktest immer nichts?

Peregrin.

Gewiss nicht, ausser dass mir die Zeit doch länger vorkam als ich ungefähr gerechnet hatte. Ich fing an für Kallippen unruhig zu werden, als die Sklavin mir durch den gewöhnlichen Weg das zwischen uns abgeredete Zeichen gab. Es war eine ziemlich dunkele Nacht, und alles im haus lag in tiefem Schlafe begraben, als ich durch den Garten zu einem niedrigen Fenster in das Haus herein gelassen wurde. Ich konnte mir selbst nicht recht sagen warum, aber zum erstenmale war mir's, als ob ich um diese Zeit nicht in diesem haus sein sollte. Diese kleine Unruhe verschwand zwar in dem Augenblicke, da mir die schöne Kallippe in ihrem Zimmer mit Augen voll Dank und Liebe entgegen kam; doch kehrte sie von Zeit zu Zeit wieder, wiewohl ich sie zu unterdrücken suchte. Kallippe ward es endlich gewahr. Sie fragte mich nach der Ursache einer Unruhe, die sie noch nie an mir bemerkt hatte, und ich gestand ihr, dass ich sie und mich weder in diesen Mauern noch in diesem Zimmer für sicher halten könne. – Ohne Zweifel schlagen unsre Herzen auch hier sympatetisch, sagte sie; du irrest dich nur in der Ursache. Auch mir, fuhr sie fort (und mit einem zärtlich wehmütigen Tone, der alle meine Nerven in antwortende Schwingungen setzte), auch mir ahndet dass wir uns zum letztenmale sehen. Nicht als ob wir hier das Mindeste zu befürchten hätten. fahr, der einzigen, die ich zu befürchten habeich darf, ich kann dich nicht länger sehen. Frage mich nicht nach der Ursachedenn du bist unter allen Sterblichen der letzte, der sie wissen darf.

Diese mir ganz neue Sprache setzte mich in Erstaunen: aber Kallippe liess mir keine Zeit zu mir selbst zu kommen. Sie sagte mir, mit einem Ausdruck von Wahrheit und zugleich mit einer Sanfteit, die ihren Worten einen unbeschreiblichen Zauber gab, das Zärtlichste was die erste Liebe einem gefühlvollen jungen weib eingeben kann; und das Ende davon war die Wiederholung, dass wir uns zum letztenmal gesehen hätten. Wir müssen scheiden, rief sie mit erstickter stimme, indem sie ihre schönen arme um meinen Hals wandLebe wohl, Proteus! und erinnere dich zuweilender Unglücklichen, die dich deiner und ihrer Tugend aufopfert! – Lebe wohl!

Ein so unvermuteter Sturm, auf mein Herz und meine Sinne zugleich, war zu stark um seine wirkung zu verfehlen; aber es kam noch ein Umstand hinzu, der den Sieg der schönen Kallippe über den unerfahrnen Neuling entscheidend machen musste. Sie war bei allen unsern Zusammenkünften immer äusserst anständig gekleidet gewesen. Diess war sie, dem ersten Anblick nach, auch jetzt; nur für die heftigen Bewegungen des Schmerzes und der Liebe, denen sie sich in diesen Augenblicken des Scheidens überliess, zu leicht. Freilich war es eine sehr warme Sommernacht: aber für eine so zärtliche Abschiedsscene war eine Tunica, die ein einziger Seidenwurm hätte gesponnen haben können, gar zu dünn; und als die zärtliche Kallippe ihre arme um meinen Nacken wand, und in einem Augenblicke, wo der Gedanke eines ewigen Scheidens sie ausser sich setzte, ihren Busen etwas zu heftig an den meinigen drückte, kam natürlicherweise eine so duftartige Hülle in eine Unordnung, die in einem solchen Moment ihren Reizen ein zu grosses Uebergewicht über meine unverwahrten Sinne gab.

Was in diesem Augenblick in mir vorging, ist schwer zu beschreiben. Ein allgemeines Zittern überfiel mich, mir ward schwindlig und dunkel vor den Augen, und ich wäre, glaube ich, zu Boden getaumelt, wenn mich Kallippe nicht in ihren Armen aufgehalten, und zu ihrem Ruhebette geführt hätte, wo ich in kurzem wieder zu mir selber kam, indessen sie, den rechten Arm noch immer um meinen Leib geschlungen, Augen auf mich heftete, die alles Feuer der Liebe in mich zu ergiessen schienen. Die Sklavin war bei dieser Scene nicht zugegen; Kallippe musste meinen Zufall nicht für gefährlich genug gehalten haben, sie um hülfe zu