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. Ich kannte den Lauf der Welt zu wenig, um etwas von der Sache zu begreifen; ich sann hin und her, verwarf aber meine Anschläge immer wieder als unschicklich und unausführbar. Vor allem schien mir nötig, sie selbst zu sprechen: aber die kaltsinnige Höflichkeit und argwöhnische Vorsicht des alten Menekrates wusste es immer so einzurichten, dass ich keine gelegenheit dazu finden konnte.

Endlich erfuhr ich von einer jungen Sklavin, der einzigen auf deren Treue Kallippe ein unumschränktes Vertrauen setzte, dass ihre Gebieterin nichts sehnlicher wünsche als mich zu sprechen, indem sie mir Sachen von der grössten Wichtigkeit zu entdecken hätte. Bei einer solchen Uebereinstimmung unsrer Wünsche war es nur noch um die Ausführung, nämlich um eine geheime Zusammenkunft zu tun , die aber, in der Lage worin sich Kallippe befand, notwendig so behutsam veranstaltet werden musste, dass weder ihr Mann, noch die Nachbarn noch die übrigen Hausgenossen auch nur die leiseste Ahndung davon haben könnten. Auch hier fehlte es nicht an meinem guten Willen: aber wenn Kallippe und ihre Sklavin nicht erfindsamer oder dreister als ich gewesen wären, so möchte es wohl immer dabei geblieben sein; denn selbst das Gewöhnlichste, was in solchen Fällen zu tun ist, kam mir gar nicht in den Sinn. dafür liess ich mich desto williger von der weiblichen Klugheit leiten; und so wurde endlich, nachdem verschiedene andere Vorschläge als gefährlich oder untulich verworfen worden, beschlossen, dass man eine kurze Abwesenheit des Menekrates benutzen wollte, um mich in der Stille der Nacht durch eine kleine Gartentür in ein Cabinet zu bringen, wo ich meine Base finden würde.

Lucian.

Natürlicherweise gewinnt die Sache unter allen diesen Umständen eine ganz andere Gestalt; und doch, wenn der Zufall gegen uns ist, nehmen weder die gesetz noch die Welt auf solche Umstände Rücksicht.

Peregrin.

Nur zu wahr. Aber für mich gab es keine gesetz; oder vielmehr, da ich mein Gesetz in mir selbst hatte, so dachte ich nicht an die gesetz von Parium. Und was ist das Urteil der Welt einem Menschen, der nach dem Beifall höherer Zeugen strebt, die seinem inneren Auge so gegenwärtig sind, als ob sie auch dem äussern sichtbar wären! Ich dachte nichts als eine Pflicht zu erfüllen, und in der Wahl der Mittel mich bloss der notwendigkeit zu unterwerfen, der die Götter selbst untertan sind.

Lucian.

So weit begreife ich alles. Was mich wundert ist bloss, ob ich den Erfolg erraten habe oder nicht. Die gelegenheit ist eine gefährliche Versucherin, und ich glaube aus Erfahrung zu wissen, was in solchen Fällen möglich oder unmöglich ist.

Peregrin.

Die Schlüsse, die man aus seinen eignen Erfahrungen auf das, was andere in ähnlichen Fällen getan haben oder tun werden, macht, sind schon trüglich; wie sehr müssen es erst die sein, die man von dem was meistens geschieht, auf das was möglich ist, macht! Indessen zweifle ich keinen Augenblick, lieber Lucian, dass ich mit einer Art von Gewissheit sagen könnte, wie du dich an meiner Stelle aus der Sache gezogen hättest: aber dass du diess mit eben so vieler Gewissheit von mir sagen könntest, daran zweifle ich, mit deiner erlaubnis.

Lucian.

Du hast Recht, Peregrin! Ich war immer nur ein gewöhnlicher Mensch, und von einem gewöhnlichen Menschen lässt sich freilich nicht auf einen Dämon schliessen. Und doch sollte mich's nicht befremden, wenn auch einem Dämon (zumal einem dessen natur Lieben ist) in dem Körper eines blühenden Jünglings von achtzehn Jahren, der sich mit einer schönen, zärtlichen und betrübten jungen Base von neunzehn in der Stille der Nacht in einem Gartencabinet eingeschlossen findet, unvermerkt eben so zu Mute würde, als wenn er ein Mensch wie andere wäre.

Peregrin.

Auch in meinen Augen würde es kein grosses Wunder sein. Höre also was sich zutrug. Unsre Zusammenkunft ging durch die schlaue Veranstaltung der getreuen Sklavin glücklich von Statten. Die erste Ueberraschung war auf beiden Seiten nicht gering, da ich Kallippen zum erstenmal in der vollen Reife der Schönheit und Jugend, und sie den Knaben von vierzehn, den sie vor vier Jahren zum letztenmale gesehen hatte, in einen hochaufgeschoss'nen Jüngling verwandelt sah, an dessen Blüte noch kein Wurm genagt hatte, und dem ein sonderbares Gemisch von Sanfteit und Feuer, von Heiterkeit und Ernst, das Ansehen eines weit reifern Alters gab, ohne dem, was die Jugend Empfehlendes hat, nachteilig zu sein. Die einzige Lampe, die das Cabinet beleuchtete, trug wohl auch das Ihrige bei, dass unser mit so geheimnissvollen Umständen verbundenes Wiedersehen mehr das Schauerliche einer unverhofften Erscheinung, als das Freudige einer veranstalteten Zusammenkunft hatte. Indessen fassten wir uns bald wieder, und Kallippe fing die Unterredung mit Entschuldigung und Rechtfertigung des sonderbaren Schrittes, wozu sie sich gezwungen sähe, an. natürlich führte diess zu einer umständlichen Ausführung der grossen Beschwerden, die sie über ihren Tyrannen zu führen hatte; wobei die sparte, um das Mitleiden des jungen Menschen zu gewinnen, den sie zum Richter ihrer Leiden machen wollte. Sie schien alle fragen, die ich an sie tun könnte, vorausgesehen zu haben, mit so vieler Leichtigkeit antwortete sie auf alles; und sie beschloss endlich mit verschiedenen geheimen Aufträgen, teils an meinen abwesenden Vater, teils gewisse Familienumstände, die eine Beziehung auf ihre eigenen hatten, betreffend, welche eine zweite und dritte Zusammenkunft vorbereiteten und ganz ungezwungen herbeibrachten.

Hätte ich damals schon die Menschenkenntniss haben können, die uns eine