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dünn, dass ein einziger Vers des Empedokles, der mir zufälliger Weise in die Augen fiel, genug war, sie ganz zu zersprengen. Nun fühlte ich mich gleichsam von mir selbst entbunden, fühlte, dass der Dämon der weisen Diotima in mir, oder vielmehr, dass ich selbst der Dämon sei, der keiner Vermittlung eines dritten, sondern bloss des ihm eigenen ewigen Verlangens und Aufstrebens nach dem höchsten Schönen und Vollkommnen nötig habe, um im Genuss desselben Eudämon, das ist, der reinsten Wonne, deren ein Dämon fähig ist, teilhaftig zu sein, und im Genuss des Göttlichen sich selbst vergöttert zu fühlen.

Lucian.

Ich fange an zu besorgen, dass, um die erhabenen Dinge, die du mir sagst, zu fassen, ein eigener Sinn erfordert werde, womit die natur mich zu versehen

Peregrin.

Es ist nichts als die Rinde, die du noch nicht ganz durchbrochen hast, Lucian.

Lucian.

Wie es auch damit sein mag, so muss ich dich bitten, wenn du in deiner geschichte fortfahren willst, dich so nahe als dir immer möglich ist an meine Rinde zu halten, und eine Sprache mit mir zu reden die ich verstehe, wenn du willst dass es nicht eben so viel sei, als ob du bloss mit dir selbst sprächest.

Peregrin.

Was ich gesagt habe, schien mir die einfachste Sache von der Welt zu sein. Aber sei ruhig, Lucian! es wird, so wie ich in meiner Erzählung fortfahre, immer heller um mich her werden, und ich bin nun nahe an einigen begebenheiten meiner Jugend, die, wiewohl du sie ehemals in einem falschen Lichte gesehen hast, doch so beschaffen sind, dass man nur ein ganz gewöhnlicher Mensch zu sein braucht, sowohl um solche Abenteuer zu haben, als um zu begreifen wie es damit zuging. Ich hatte kaum das achtzehnte Jahr zurückgelegt, letzten Willen zum einzigen Erben seiner Verlassenschaft eingesetzt hatte. Ich sah mich nun im Besitz eines weit grösseren Vermögens, als ich brauchte um unabhängig zu leben; und mein erster Gedanke war, Parium zu verlassen, und mich auf Reisen zu begeben, nicht sowohl um das was man die Welt nennt zu sehen (die mich damals wenig kümmerte) als um Menschen zu suchen, die, wie ich, von der göttlichen Liebe der Vollkommenheit entbrannt, in dieser innigen Gemeinschaft und Vereinigung der Seelen mit mir leben könnten, die ich mir vermöge einer mir selbst unbekannten Vermischung des Instincts meines damaligen Alters mit dem Bedürfniss meines Herzensals einen wesentlichen teil der höchsten Eudämonie39 vorstellte. Aber die Geschäfte, die ich meiner Erbschaft halben vorher abzutun hatte, hielten mich, wegen Abwesenheit meines Vaters, unter dessen Vormundschaft ich stand, noch ein ganzes Jahr in Parium zurück; und in diesem Zeitraume begegnete mir das Abenteuer, das dein Ungenannter in der schönen Lobrede, die er mir zu Elea hielt, so übel verunstaltet hat, dass ich, wofern mein Name nicht dabei genannt wäre, nie hätte vermuten können der unglückliche Held dieses Mährchens zu sein.

Während der ersten Jahre meines Lebens, die ich unter der Aufsicht meiner Mutter zubrachte, befand sich ein junges Mädchen in unserm haus, die, als das einzige Kind einer verstorbenen Schwester meines Vaters, unter seiner Vormundschaft von meiner Mutter erzogen wurde. Sie war nur ein Jahr älter als ich, und da sie eine Tochter vom haus vorstellte, so wurden wir unvermerkt gewohnt, uns als Bruder und Schwester zu betrachten. Die kindische Liebe, die sich zwischen uns entspann, war um so unbedeutender, da ich mit dem siebenten Jahre in das Haus meines Grossvaters versetzt wurde, und von dieser Zeit an nur selten in die Stadt kam.

Kallippe (so hiess die Nichte meines Vaters) erwuchs indessen nach und nach zu dem schönsten Mädchen in Parium. Ich sah sie bis zum tod meiner Mutter von Zeit zu Zeit; aber wiewohl ich etwas für sie empfand, das der Anlage zu einer künftigen leidenschaft ähnlich sah, so war ich doch noch viel zu jung, um recht zu wissen was ich fühlte, oder auch etwas andres für sie zu fühlen, als was unsrer nahen Verwandtschaft ganz anständig war; Kallippe hingegen, die um diese Zeit schon das funfzehnte Jahr angetreten, hatte mit demselben auch die Sinnesart eines Mädchens von diesem Alter angenommen, und betrachtete mich als einen Knaben, dem man ohne alle Gefahr liebkosen könne.

Bald darauf glaubte mein Vater dieses einzige Kind einer Schwester, die er sehr geliebt hatte, aufs glücklichste versorgt zu haben, indem er sie an einen der reichsten und angesehensten Männer in Parium verheiratete, ohne weder auf die Untugenden seiner Gemütsart und Sitten, noch auf den grossen Abstand seiner Jahre von den ihrigen die geringste Rücksicht zu nehmen. Von dieser Zeit an verlor sich meine Base Kallippe unvermerkt aus meinem Gesichtskreise; ich bekam sie nicht mehr zu sehen, und bekümmerte mich, in der Meinung dass sie mit ihrem Loose zufrieden sei, nicht weiter um sie, bis nach meines Grossvaters tod die Angelegenheiten seiner Verlassenschaft mich nötigten, einige Monate in der Stadt zuzubringen.

Hier hörte ich, dass mein Vater seine Absicht, Kallippen glücklich zu machen, nicht leicht ärger hätte verfehlen können. Jedermann sprach von ihr als einer Frau, welche die schönsten Jahre ihres Lebens unter dem Druck eines unempfindlichen, finstern, kargen und eifersüchtigen Tyrannen zu schmachten verurteilt sei; jedermann bedauerte sie, und alle Stimmen waren gegen den Mann, der einer solchen Frau übel zu begegnen fähig sei