auf Abenteuer auszuziehen. Allerdings ein sehr wesentlicher Unterschied, und wovon du in deinem ganzen Leben die Folgen stark empfunden hast.
Peregrin.
Ohne mich jemals eine derselben gereuen zu lassen.
Lucian.
Um Verzeihung, dass ich dich unterbrochen habe! es soll ohne Not nicht wieder geschehen. Fahre immer fort, ich bin lauter Ohr.
Peregrin.
In der Bibliotek meines Grossvaters befand sich auch das Buch des Empedokles von der natur, verschiedene Dialogen von Plato und einige kleine Schriften des Heraklitus. Weil es gerade die einzigen waren, die er nicht zu lesen pflegte, so mochten sie, dicht mit Staube bedeckt, hinter einem Vorhang von Spinneweben schon zwanzig oder dreissig Jahre ruhig gelegen haben, als ihm einst, da er um etwas Neues verlegen war, zufälligerweise Platons Gastmahl, als ein Werkchen, das sehr sinnreich und unterhaltend sein sollte, vor die Stirne kam. Ich musste es holen, und ihm, da er nach einer tüchtigen Mahlzeit aus dem Bade kam, an seinem Ruhebette vorlesen. So lange Phädrus, Pausanias, Eryximachus und Aristophanes ihre Meinungen von der Liebe vortrugen, ging es ziemlich gut; der letzte machte ihn sogar, mit seiner komischen Hypotese über die ursprüngliche natur der Menschen und die wahre Ursache der verschiedenen Arten von Liebe, mehr als einmal laut auflachen. Bei der eleganten Hymne, die der schöne Agaton dem Amor singt, fing er mitunter zu gähnen an: aber wie endlich Sokrates das Wort nimmt, und nach einer Disputation in seiner eignen Manier, die mein Alter sehr langweilig fand, der Gesellschaft den Unterricht mitteilt, den er ehemals von der Prophetin Diotima über die Liebe und die Kunst zu lieben empfangen zu haben vorgibt; schlief er unvermerkt so fest ein, dass ich Zeit hatte, diesen teil des Symposions, der sich meiner ganzen Aufmerksamkeit bemächtigte, zweioder dreimal wieder zu lesen, bevor er wieder aufwachte. Ich selbst begab mich nicht eher zur Ruhe, bis ich noch in derselbigen Nacht diese Rede der Diotima heimlich abgeschrieben hatte; und als ich am folgenden Morgen, wie ich das Buch an seinen Ort zurücktrug, seine Mitverbannten in eben demselben Winkel liegen sah, und aus den blossen Titeln und Namen der Verfasser von der Wichtigkeit des gefundenen Schatzes urteilte, nahm ich sie alle mit, und verwandte von stunde' an keinen Augenblick, über den ich Meister war, auf etwas andres, als diese Schriften zu lesen, wieder zu lesen, zu durchdenken, zu vergleichen, und aus den Ideen, die sie in mir entwickelten, wo möglich ein Ganzes in mir selbst zu bilden. Mein bisheriges Leben schien mir dem Zustand eines Menschen zu gleichen, über dem, nachdem er lange bei schwachem Mondschein in einem dicht verwachsenen wald herumtappte, die Morgendämmerung aufzugehen anfängt. Aber nun ward es auf einmal Tag und Sonnenschein in meiner Seele. Sie wurde anfangs dadurch geblendet, stärkte sich aber unvermerkt durch das Lichtbad selbst, worin sie zu schwimmen glaubte, und erstaunte, sich auf einer Höhe zu finden, wo sie, von der reinsten Himmelsluft umflossen, in eine unermessliche Welt voll Schönheit hinaus sah, und in dem Wonnegefühl ihrer eigenen Freiheit, Kraft und Grösse sich wie vergöttert fühlte.
Lucian.
Deine Seele, lieber Peregrin, muss (mit der ehrwürdigen Prophetin Diotima zu reden) von einer ganz erstaunlichen Fruchtbarkeit gewesen sein, da sie nur die Berührung eines Plato, Empedokles und Heraklitus nötig hatte, um auf einmal von einer ganzen Welt voll Licht und Schönheit entbunden zu werden.
Peregrin.
Wenn diess nicht Scherz wäre, Lucian, so würde ich sagen, die Einwirkung dieser Weisen auf mein Innerstes könnte eher mit einem Funken, den der Stahl aus einem Feuerstein schlägt, verglichen werden. Denn was sie in mir entzündeten, war im grund nur eine einzige aber unauslöschliche Flamme, die von diesem Augenblick an die Quelle alles Lichts und Lebens in mir wurde. Oder, um mich noch genauer auszudrükken, mir war, da diese Flamme in mir hervorbrach, als ob eine dunkle dichte Rinde, die mein Wesen bisher umschlossen hätte, plötzlich von mir abfiele; ich erblickte mich nicht mehr in einem Spiegel ausser mir, sondern in mir selbst, erkannte mich selbst zum erstenmal , und bedurfte von diesem Augenblick an keines Pytagoras oder Platons mehr dazu; so wenig, als die Sonne einer fremden Beleuchtung und Erhitzung bedarf, um lauter Licht und Feuer zu sein.
Lucian.
Ich bekenne dir unverhohlen, Freund Peregrin, dass ich meines Orts noch einiges fremden Lichtes nötig hätte, um zu verstehen was du mir hier offenbarest. Allem Ansehn nach muss mein Wesen seine alten Schalen und Rinden noch nicht alle durchbrochen haben.
Peregrin.
Das könnte leicht sein, lieber Lucian. Doch vielleicht kann ich dir durch ein einziges Wort verständlicher werden. Du erinnerst dich vermutlich, da du Platons Symposion gelesen hast, was Diotima von der Liebe als einem Dämon, das ist nach ihrer Erklärung, einem Mittelwesen zwischen der sterblichen und unsterblichen natur, spricht. So einleuchtend mir diese Teorie war, die ich (wie beinahe alle Platonischen Begriffe) immer in mir geahndet zu haben glaubte, so sah ich doch anfangs diesen Dämon der Liebe noch ausser mir; nur dass er mir, durch eine sonderbare Art von Täuschung, immer näher zu kommen, immer anschaulicher zu werden schien. Die Rinde, von der ich dir sagte, wurde immer dünner, und in eben diesem Masse ward es auch immer heller in meinem Inwendigen; kurz, sie wurde endlich so