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verborgen sein, dass es nur noch alle die schwachen Fädenvon alten Meinungen, Vorurteilen und Instituten, womit diese Hyder umschlungen ist, – dass es nur noch diese im Einzelnen schwachen, aber zusammengenommen unzerbrechlichen Fäden sind, welche sie verhindern, ihre ganze Stärke zur Vernichtung aller noch übrigen Reste der menschlichen Freiheit anwenden zu können? Und ihr glaubt der Menschheit einen Dienst zu erweisen, wenn ihr mit eurem Lämpchen herumgeht, und einen dieser Faden nach dem andern absenget?

Doch, es ist Zeit dass ich auch mein Lämpchen auslösche. Wie oft sagte ich schon zu mir selbst: diess soll das letztemal sein, dass du deine Zeit verderben willst Mohren zu bleichen! Die Menschen sind nun einmal nicht gemacht weise zu sein. Immer werden sie tun wie ihre Väter von jeher getan haben, – ihre Endzwecke durch ihre Mittel zerstören, weder in Hass noch Liebe Mass halten, und, wie dumme Fische, sich mit goldfarbenen Fliegen locken lassen, den Angel ihres Wohltäters, des Fischers, hinab zu schlingen. Moralische Epidemien lassen sich so wenig durch Vernunftgründe als leibliche Krankheiten durch Zauberworte heilen.

Aber alles was ist und geschieht, gehört zu einem Plane, von dem wir nichts verstehen. Grosse und Kleine, Weise und Unweise, spinnen und weben wir alle an dem unendlichen Gewebe des Schicksals, ohne zu wissen was wir machen, und befördern unbekannte Endzwecke, indem wir oft gerade das Gegenteil zu tun glauben oder scheinen. Und so bleibe es denn dabei, was Pope sagt:

– – – In erring reason's spite,

One trut is clear: Whatever is, is right.32

Anmerkungen zum zweiten teil.

Sechster Abschnitt.

1 302,500 Taler. 2 Welches Vernunft, Sprache und Wort bedeutet, gehörte auch zu den Personificationen der Gnostiker, und wurde von Johannes auf Jesus bezogen. Um des Kerintos Behauptung sogleich ganz bestimmt zu widersprechen, soll er diese Erklärung gleich an die Spitze seines Evangeliums gesetzt haben. 3 Abgrund. 4 Ebion oder Hebion, welcher ein Nachfolger des Kerintos war, stimmte diesem nicht in allem bei, vornehmlich nicht in der Behauptung, dass die Welt von Engeln erschaffen sei. Er stimmte ihm aber in der Meinung über Jesus bei, und zeigte grossen Eifer für den Mosaismus. – Valentinus, der in Aegypten die Platonische Philosophie studirt hatte, ein gelehrter und beredter Mann, gehört zu den Begründern des gnostischen Christianismus. Seine Lehre lässt sich auf drei Hauptpunkte zurückbringen: 1) von der Schöpfung der geistigen und materiellen Welt, 2) von der natur Jesu, und 3) von der dreifachen natur des Menund die Tiefe, sagte er, wohnte in der Fülle (Lichtraum) mit seiner Gemahlin, der Denkkraft, die man auch Charis (Gnade?) und Schweigen nenne. Von ihnen stammen 15 männliche und 15 weibliche Aeonen, von einander nach und nach erzeugt. Von Gott selbst sind erzeugt die Aeonen Verstand (auch Monogenes, der Eingeborne) und Wahrheit, diese erzeugten den Logos und das Leben, diese den Menschen und die Gemeine. Von Logos und Leben stammten die zehn Aeonen der zweiten klasse: Tiefe und (μιξις) Mischung, Alterlos und Einigung, Selbstgeborner und Lust, Bewegungslos und Zusammenfluss (συγκρασις, wie diese von der obigen μιξις unterschieden worden, weiss ich nicht), Eingeborner und Seligkeit. Von dem Menschen und der Gemeine stammten die 12 Aeonen der dritten klasse: Tröster und Glaube, Väterlich und Hoffnung, Mütterlich und Liebe, Stets-Verstand und Klugheit, Kirchlich und Selig, Freiwille (Θελητος) und Weisheit. Ausser diesen gab es noch vier männliche Aeonen: Horus (Gränze), Christus, der heilige Geist und Jesus, an dessen Zeugung alle Aeonen Anteil genommen haben, und der darum auch die Namen aller führt, und Logos. Als Jesus auf die Welt kam, wurde seine geistige Substanz mit einer animalischen Substanz so künstlich umgeben, dass sie einen sichtbaren, fühlbaren und des Leidens fähigen Körper bildete. In der Angabe seiner Menschwerdung wichen aber die Valentinianer selbst von einander ab. (S. Storr a.a.O.S. 132 fgg) In einem Anfall von leidenschaft gebar einst die Weisheit einen ungestalteten Aeon weiblichen Geschlechts, Achamot oder Eutymesis, und dieser fiel in die Finsterniss der Materie. Furcht, Angst und Trauer wechselten bei ihm unaufhörlich ab mit lachen, welches erregt wurde durch die Erinnerung an die Schönheit des verlorenen Lichtes. Ihre heftige Begierde nach diesem brachte hervor die Seele der Welt, des Weltschöpfers (Demiurgos) und andere Seelen; aus ihren Tränen entstand das wasser, aus ihrem lachen die durchsichtige, aus ihrer Trauer die dichte Materie. nachher brachte sie noch drei Substanzen hervor, eine materielle, eine geistige und eine Seelenartige. Aus Gestaltung der letzten entsprang der Demiurg, welcher mit Hülse Jesu und seiner Mutter aus der seelenartigen Substanz sieben Himmel baute, deren sechs von Engeln bewohnt werden, und der siebente sein eigener Sitz ist. Die materielle Substanz bestand aus den drei Gemütsbewegungen der Achamot. Aus der Furcht entstanden die Tiere, aus der Trauer die bösen Geister, aus der Angst die mit Feuer gemischten Elemente. Endlich bildete der Demiurg den Menschen aus der materiellen und seelenartigen Substanz, zu welchen aber Achamot auch unvermerkt etwas von der geistigen mischte. Darum besteht der Mensch aus drei Teilen, der materiellen und sterblichen, der seelenartigen, der Seligkeit oder Unseligkeit fähigen, und der geistigen unsterblichen. – Alles diess, wie fremdartig