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Land mit bereichert, die Industrie aufgemuntert, das Volk zur Tugend, und seine Unterdrücker zur Neue über ihre Verbrechen erweckt."

Diess ist historische Wahrheit; und was hier von der Devotion unsrer Vorfahren überhaupt gesagt wird, getraue ich mir gewissermassen von jedem religiösen Gebrauch, so sehr er auch in Missbrauch ausgeartet sein mag, selbst das Wallfahrten nach Rot Gottes nicht ausgenommen, zu behaupten. Nach einem Umlauf von so vielen Jahrhunderten haben sich freilich die Umstände verändert. Einer der ersten Vorwürfe, die man jetzt dem Mönchswesen macht, ist, dass es der Bevölkerung und Industrie nachteilig sei. Vor tausend Jahren war's gerade umgekehrt. So ist's mit allen menschlichen Instituten. Was unter gewissen Umständen der Welt Vorteile brachte, wird ihr, bei geänderten Verhältnissen, lästig und schädlich. Die Mönche, die in einigen Zeitpunkten beinahe die einzigen Bewahrer des heiligen Feuers waren, sind zu andern zeiten hier und da in Fakirn und Marabuts ausgeartet, die sich die Leichtgläubigkeit des Volkes ungebührlich zu Nutze machten, und, um ihr betrügerisches Gaukelspiel ungestraft forttreiben zu können, sich allem, was Vernunft und Aufklärung hiess, mit Fäusten und Fersen entgegensetzten. Aber auch in diesem Stücke haben sich die zeiten ziemlich geändert; und, wenn man die Mönche unsrer Zeit die Verdienste ihrer Vorfahren nicht geniessen lassen will, ist es billig, sie die Missetaten derselben entgelten zu lassen? Wozu also die beleidigenden und ungezogenen Ausdrücke, worin man über den ganzen Stand herfährt? Womit will man eine solche Verfahrungsart rechtfertigen? Und was für Wirkungen glaubt man dass sie auf die Gemüter des Volkes tun werden?

Man spricht und schreibt so viel von Toleranz, und verspricht sich so grosse Vorteile von der politischen Duldung diffentirender Religionen. Ist es Ernst damit? Wünschen diese Weltbürger, die in Römischkatolischen Staaten (wo das Mönchswesen mit allen seinen Attributen und Accidentien nun einmal so tiefe Wurzeln geschlagen hat, und mit der religiösen und bürgerlichen Verfassung so enge verwebt ist) so heftig und ohne alle Unterscheidung gegen alles, was in diesem Punkt Religion und Institut der Vorfahren ist, wüten, wünschen diese Herren im ganzen Ernst ihre dissentirenden Mitbürger in den Genuss eines gleichen Anteils an allen bürgerlichen Rechten eingesetzt zu sehen? Wünschen sie im Ernst, dass der grausame, die menschliche natur entehrende und dem staat so nachteilige Religionshass aufhöre, die Namen Ketzer und Ketzerei, womit das katolische Volk in gewissen Ländern noch so grässliche Nebenbegriffe und schauderliche Gefühle verbindet, verbannt werden, und alle, die sich zu der mildesten und menschlichsten aller Religionen bekennen, einander als Kinder Eines Vaters und Glieder Eines Staates lieben und behandeln sollen? – Wünschen sie diess aufrichtig: so ist wahrlich die Erbitterung, die sie durch unbescheidene Uebertreibung gewisser protestantischer Grundsätze in den Gemütern der Römischen Geistlichkeit, und des gewiss noch immer an ihr hangenden grossen Haufens, unterhalten und immer schärfer und giftiger machen, ein sehr ungeschicktes Mittel jene Absicht zu befördern.

Endlich (um das Wichtigste zuletzt zu sagen), wenn unserm Weltbürger, und allen die ihm gleichen, die Vertilgung alles dessen, was der Glückseligkeit der Völker im Wege steht, und die Bewirkung alles dessen, was sie befördern würde, wirklich so sehr am Herzen liegt, und wenn sie so überzeugt sind, dass ohne Aufklärung keine Glückseligkeit, und ohne Freiheit der Vernunft und des Gewissens keine Aufklärung möglich ist: wie können sie so kurzsichtig sein, nicht vorauszusehen, dass der Uebermut, womit sie sich der ersten Augenblicke von Freiheit bedienen, der geradeste Weg ist, sich derselben wieder verlustig zu machen? Diejenigen, welche Gewalt über uns haben, und deren Gedanken selten unsre Gedanken sind, können, aus Absichten die vielleicht die besten von der Welt sein mögen, eine Zeit lang zu dem Missbrauche dieser Freiheit ein Auge zutun. Aber wenn die schädlichen Folgen des Missbrauchs endlich allzu auffallend werden; wenn Freiheit zu philosophiren in Freigeisterei ausartet; wenn sie die Grundfeste der Moralität untergräbt, und die stärksten Bande der Gesellschaft auflöset; wenn es endlich sichtbar wird, dass dieser Libertinismus, der das Palladium aller bürgerlichen Gesellschaft als ein Gespenst, und den Stand, dem die Bewahrung desselben anvertraut ist, als den verächtlichsten aller Stände behandelt, – wenn es, sage ich, sichtbar wird, dass dieser Libertinismus, auf einem ziemlich geraden Wege und unter ähnlichem Vorwande, auf den Umsturz aller andern Institute, Gerechtsame und Vorzüge, die ebenfalls keinen festern Grund als Meinung, Glauben, Altertum, fromme Einsalt, Trägheit und Geduld der Völker haben, losgeht: dann könnten unsre Erdengötter wohl, um ihrer eignen Sicherheit willen, eben so plötzlichden entgegengesetzten Weg einschlagen, und Massregeln nehmen, die aller Aufklärung, Toleranz, Freiheit und Weltbürgerschaft auf einmal ein betrübtes Ende machen dürften.

O Geist des guterzigen, wohlmeinenden, aber einseitigen Helvetius! Wenn du, wie ich glaube, noch Anteil an den Schicksalen der Menschen nimmst, die du einst von ihren Vorurteilen befreien wolltest, und wenn du, wie ich nicht zweifle, jetzt tiefer in die natur und den Zusammenhang der menschlichen Dinge siehst, mit welchem Auge wirst du die Unternehmungen deiner unbesonnenen Schüler ansehen? Wer wusste besser als du, dass es ganz ein anderer Despotismus ist, als der hierarchische und mönchische, von welchem die Menschheit in unfern zeiten am meisten zu befürchten hat? Wer hat dieses Ungeheuer, mit allen seinen furchtbaren Eigenschaften und verderblichen Wirkungen, wahrer, stärker geschildert als du? Aber wie konnte dir, oder wie kann irgend einem deiner Jünger