mit der Geschichtskunde und den Verhältnissen der menschlichen Dinge sein, um die Vorteile zu verkennen, welche die Religion, das Priestertum, ja sogar ehemals das jetzt so verhasste Mönchswesen, dem menschlichen Geschlechte gebracht haben. Lässt es die Beschaffenheit unsrer natur nicht zu, dass wir diese Vorteile ganz rein geniessen; ist es unmöglich, selbst die beste Volksreligion immer von aller Mischung mit Schwärmerei und Aberglauben frei zu erhalten; sind die Priester eben darum, weil sie Menschen find wie wir, Leidenschaften, Entwürfen und Handlungsweisen unterworfen, wodurch sie von ihrer wahren Bestimmung abgeführt und der bürgerlichen Gesellschaft nur gar zu oft schädlich geworden sind: von welchem Institut, welchem Stand unter den Menschen lässt sich nicht das Nämliche sagen? Aber wann hat die Vernunft jemals gelehrt, den Gebrechen einer nützlichen und (zur Zeit wenigstens) unentbehrlichen Sache durch Zernichtung derselben abzuhelfen? Was sollen also fragen wie diese? – "Würde nicht auch Gras und Korn wachsen, wenn wir an Wistnu oder Vizlipuzli glaubten? Wäre nicht das kürzeste Mittel, allem Ungemach des Aberglaubens und der Pfafferei abzuhelfen, wenn man dem volk die Furcht vor dem Religionsgespenste benähme? Wozu die pfaffen beiderlei Geschlechts, welche Feinde des staates sind, und Feinde des staates ziehen? Verträgt sich Glauben mit Verstand?" u.s.w. Solche fragen tut weder ein Sokrates, der belehren, noch ein Unwissender, der belehrt werden will! Es sind (um ihnen den gelindesten Namen zu geben) Cruditäten eines Menschen, der – im Heisshunger nach einer schmackhaftern Nahrung als ihm von seinen Pädagogen gereicht worden sein mag – auf einmal und allzu hastig mehr Französische Modephilosophie zu sich genommen hat, als er verdauen konnte.
Ueberhaupt hört man es diesem Weltbürger an seinem Ton an, dass er zu einem volk gehört, dem seit kurzer Zeit (zum Behuf bekannter grosser Absichten) eine Freiheit laut zu denken eingeräumt wurde, die keine natürliche Frucht der staates- und Religionsverfassung desselben ist, und also auch eben so schnell wieder zurückgenommen werden kann, als sie gegeben wurde. Der gegenwärtige Zeitpunkt ist eine Art von Saturnusfest29, wo jedem erlaubt ist zu sagen und drucken zu lassen was ihm einfallt. Da nun diese fröhlichen Tage vielleicht nicht lange währen möchten; da ein jeder wenigstens weiss, dass man ihm den Mund wieder zusiegeln könnte sobald Zeit und Umstände es anraten würden: so eilen die Leute über Hals über Kopf, einem schon lange her gesammelten Groll gegen alte Missbräuche Luft zu machen; und bei dieser wetteifernden Eilfertigkeit ist es denn sehr natürlich, dass mitunter auch viel unförmliches Zeug aufs Papier gegossen, und jede blähende Gährung verworrener Ideen für Drang und innerlichen Beruf, auch etwas zu Beförderung der guten Sache beizutragen, angesehen wird.
Wir sind so weit entfernt, irgend einem volk, dem es der Himmel gönnt, den Genuss dieser glücklichen Saturnalien zu missgönnen, dass wir uns vielmehr über alles Gute freuen, was, als eine natürliche Folge der Freiheit des Untersuchungsgeistes und der durch sie bewirkten Aufklärung, sich über dasselbe verbreiten wird. Felices sua si bona norint! Aber eben darum wünschen wir, dass die Freiheit laut zu denken mit Bescheidenheit gebraucht werden möchte. Man darf und soll zwar über alle menschlichen Dinge philosophiren; auch über alle göttlichen, insofern sie durch die Vorstellungsart, Bedürfnisse und Leidenschaften der Menschen einen Zusatz von Unlauterkeit erhalten, oder sonst auf eine menschliche Art und Weise zu besonderen Absichten modificirt worden sind. Wer philosophiren soll, muss es mit Freiheit tun dürfen, – oder es wäre gerade als wenn man einen Beobachter in Pflicht nehmen wollte, am Himmel und auf Erden weder mit blossen noch mit bewaffneten Augen etwas zu sehen, worüber Petri Canisii christliche Lehre30 (die unserm Weltbürger so anstössig ist) ins Gedränge kommen könnte. Aber, ehe man etwas Altes verwirft, muss man es lange, genau und ohne alle Vorurteile und Leidenschaften von allen Seiten erforscht haben. Denn, so lange bis das Gegenteil erwiesen wird, ist die Präsumtion für das Alte; und ehe man etwas Neues anfängt, muss man sich auf alle nur mögliche Art gewiss gemacht haben, dass das Neue, wenn es plötzlich und mit Gewalt an die Stelle des Alten tritt, nicht andere Uebel nach sich ziehen werde, die vielleicht ungleich schlimmer sind als diejenigen, denen man abhelfen will: denn, bis das Gegenteil aufs schärfste erwiesen worden, ist die Präsumtion immer gegen die Neuerung. Die weisesten Männer aller zeiten haben mit Respect und Zurückhaltung von Meinungen und Gebräuchen gesprochen, die entweder consensu omnium gentium oder religione majorum ehrwürdig geworden sind; und selbst Missbräuche, die mit dem was einem volk heilig ist und heilig sein soll zusammenhangen, erfordern eine behutsame Hand, um ohne grösseren Schaden geheilet zu werden.
Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland, wurden, vom vierten Jahrhundert an, nach und nach mit wundertätigen Heiligen, mit Klöstern und mit Mönchen angefüllt, die in diesen Klöstern sich mit den Opfern, welche die fromme Einfalt jenen nichts mehr bedürfenden Heiligen darbrachte, mästeten. Diese fromme Einfalt unserer alten Vorfahren in den Jahrhunderten, die man die dunkeln und barbarischen nennt, ging freilich oft jehr weit. "Aber, mit allem dem (sagen wir mit den Worten eines verständigen und billigen Beurteilers31 der menschlichen Angelegenheiten) war diese sancta simplicitas nicht immer schädlich, und selbst für die kultur und Bevölkerung Europens nicht ohne Nutzen. Sie hat zu vielen nützlichen bürgerlichen und politischen Stiftungen gelegenheit gegeben. Sie hat, indem sie die Mönche bereicherte, zugleich das