war, in den Geist der Philosophie eines Pytagoras einzudringen, machte sich einen so weiten und willkürlichen Begriff von derselben, dass alles Aechte und Unächte Platz darin hatte, was dem Aegyptischen Hermes, dem Baktrianischen Zoroaster, dem Indischen Buddas, dem Hyperborischen Abaris, dem Tracischen Orpheus, und allen andern Wundermännern des Altertums von der Sage zugeschrieben oder von verschmitzten Betrügern untergeschoben wurde. Er sammelte sich nach und nach einen ansehnlichen Schatz von grossen und kleinen Büchern, teosophischen, astrologischen, traum- und zeichendeuterischen, magischen, mit Einem Worte, übernatürlichen Inhalts – auf Pergament, Aegyptischem und Serischem Papier, Palmblättern und Baumrinden geschrieben, – über Götter und Geister, – über die verschiednen Arten ihrer Erscheinungen und Einwirkungen, über ihre geheimen Namen und Signaturen, über die Mysterien, wodurch man sich die guten Geister gewogen und die bösen untertänig machen könne – über die Kunst Talismane und Zauberringe zu verfertigen, über den Stein der Weisen, die Sprache der Vögel – kurz über alle Schimären, womit Griechische und barbarische Beutelschneider38, sogenannte Chaldäer, herumziehende Bettelpriester der Isis oder der grossen Göttermutter, und andere Schlauköpfe von diesem Schlage, die gern betrogene Leichtgläubigkeit müssiger Toren zu unterhalten und zinsbar zu machen wussten. Je seltsamer, dunkler und rätselhafter diese Schriften klangen, desto höher stieg ihr Wert bei ihm; und waren sie vollends in lauter Hieroglyphen geschrieben, so glaubte er ein paar Blätter, zumal wenn sie etwas mufficht rochen und ein Ansehn von moderndem Altertum hatten, um hundert und mehr Drachmen noch sehr wohlfeil bezahlt zu haben.
Bei allem dem war es natürlich, dass die Indolenz des guten Proteus sich auch nach einer leichtern und verdaulichern Nahrung sehnte; und daher machten alle Arten von Wundergeschichten, Götter- und Heldenlegenden, Geistermährchen, Milesische Fabeln und dergleichen, keinen kleinen teil seiner Bibliotek und seine gewöhnliche Erholung aus, wenn er sich an dem vergeblichen Versuch, in jenen geheimnissvollen Schriften klar zu sehen, ermüdet hatte. Glücklicherweise für ihn waren die Eindrücke, die diese Lesereien auf seine Einbildungskraft machten, flüchtig genug, dass er sie der Reihe nach zwanzigmal durchlesen konnte, und jedesmal wieder ungefähr eben so viel Reiz darin fand, als eine Seele wie die seinige nötig hatte, um in diesen Mittelstand von Traum und Wachen versetzt zu werden, worin er seine einsamen Stunden am liebsten hinzubringen pflegte. Dieses Mittel, sich selbst auf eine angenehme Art um seine Zeit zu betrügen, reichte um so eher zu, da in der Tat, ungeachtet er fast alle Gemeinschaft mit den Parianern abgebrochen hatte, wenige Tage oder Wochen im Jahre vergingen, wo er sich ganz allein gesehen hätte. Denn seine bald genug bekannt gewordene Neigung zu den geheimen Wissenschaften und Künsten zog ihm eine Menge Besuche von Fremden zu, die das Ihrige zu Befriedigung derselben beitragen wollten. Herumziehende Chaldäer und Magier, reisende Pytagoräer, und Leute, die mit der Art von Handschriften, auf die er so erpicht war, handelten, gingen bei ihm immer ab und zu; selten fehlte es ihm an dem einen oder andern Tischgenossen dieser Art, und es würde einem, der ihre Tischreden aufgeschrieben hätte, ein Leichtes gewesen sein, in kurzer Zeit ganze Karren voll solcher Conversationen zusammen zu bringen, wie du eine in deinem Lügenfreunde verewiget hast. In den letzten Jahren seines Lebens liess er sich von einem Hermetischen Adepten überreden, eine geheime Werkstätte in seinem haus anzulegen, worin Tag und Nacht an dem grossen Werke, das man in spätern zeiten den Stein der Weisen nannte, gearbeitet wurde. Zu gutem Glücke starb er noch zeitig genug, um den Plan des Adepten zu vereiteln, der sich wahrscheinlich mit guter Art zum Erben des alten Mannes zu machen hoffte.
Du siehest leicht, lieber Lucian, was die Erziehung in dem haus eines solchen Grossvaters bei einem jungen Menschen mit einer Anlage wie die meinige natürlicherweise für Folgen haben musste. Dazu kam noch, dass ich der Liebling des alten Proteus war, und dass er sich eine eigne Freude daraus machte, mich so gut er konnte und wusste in den Geheimnissen seiner Philosophie zu iniziieren. Sein Museum stand mir immer offen; ich musste ihm oft, wenn er auf seinem Ruhebette lag, vorlesen, und er fand grosses Behagen daran, aus meiner Neugier für diese Dinge, und aus der Leichtigkeit womit ich mich in alles zu finden wusste, zu auguriren, dass dereinst (wie er sich ausdrückte) ein grosser Mann aus mir werden würde. Das einzige, was er nicht an mir bemerkte, war der Unterschied, der bei aller dieser anscheinenden Sympatie zwischen seiner und meiner Sinnesart vorwaltete. Ihm war das Wunderbare nichts als eine Puppe, womit seine immer kindisch bleibende Seele spielte; bei mir wurde es der Gegenstand der ganzen Energie meines Wesens. Was bei ihm Träumerei und Mährchen war, füllte mein Gemüt mit schwellenden Ahndungen und helldunkeln Gefühlen grosser Realitäten, deren schwärmerische Verfolgung meine Gedanken Tag und Nacht beschäftigte. Er belustigte sich an philosophischen Bildern, Rätseln und Hieroglyphen, wie ein Kind an bunten Blumen oder Schmetterlingen Freude hat; ich bestrebte mich in ihren tiefsten Sinn einzudringen: kurz, er liebte das Ausserordentliche, weil es den ewigen Schlummer seiner natürlichen Trägheit durch angenehme Träume unterbrach, und ich brannte schon als ein Mittelding von Knabe und Jüngling vor Begierde, diese ausserordentlichen Dinge selbst zu erfahren und zu verrichten.
Lucian.
Oder, mit andern Worten, der Unterschied zwischen euch war der: dein Grossvater las die geschichte der Abenteurer zum Zeitvertreib, und du machtest alle mögliche Anstalten selbst