vor meinem tod beschäftigten diese Cirkelbriefe24 meine ganze Seele; sie erhielt unvermerkt dadurch die Wärme und Begeisterung meiner Jugend wieder. Noch nie, däuchte mich, war ein Menschensohn vor mir in einer Lage und Stimmung gewesen, die ihm einen so grossen Vorteil über seine Brüder gab; die ihn in einem so hohen Grade berechtigte, ihnen jede heilsame Wahrheit mit einem (wie ich in meiner guterzigen Narrheit mir einbildete) so unwiderstehlichen Nachdruck ins Gesicht zu sagen; und die hingegen auch sie, auf ihrer Seite so geneigt machen müsste, seinem strafenden Tadel und den Vorschlägen, die er ihnen zu Verbesserung ihrer Polizei und ihrer Sitten tat, Gehör zu geben. Ich richtete es mit hülfe meiner Cyniker und ihres Anhangs so ein, dass alle diese Briefe zugleich mit der Nachricht von meinem tod bei ihren Behörden eintreffen mussten; und – was vielleicht unter allen Sterblichen nur mir begegnen konnte – während der ganzen Zeit dass ich mich mit diesen meinen moralischen und politischen Vermächtnissen beschäftigte, kam es mir auch nicht ein einzigesmal in den Sinn, dass sie sowohl ihres feierlichen Tons als ihres Inhalts wegen, als Träume eines Wahnsinnigen mit Nasenrümpfen und Achselzucken aufgenommen werden, und alles nicht um ein Haar besser gehen würde, als es ohne mich und meinen letzten Willen in der Welt gegangen wäre.
Da es mir mit dieser ganzen beichte meines abenteuerlichen Lebens bloss darum zu tun war, dich, durch umständliche Erzählung dessen, was du nicht wusstest, in den Stand zu setzen, von dem, was du wusstest oder zu wissen glaubtest, richtiger und billiger zu urteilen; so kann ich es nun ganz getrost dir selbst überlassen, mich, wo es vonnöten ist, gegen den Verfasser der Nachrichten von Peregrins Lebensende in deinen Schutz zu nehmen. Alles Missverständniss hört nun auf, und Peregrinus Proteus steht nun, als ein Schwärmer, wenn du willst, aber wenigstens als ein ehrlicher Schwärmer vor dir da. Du kannst dir nun ohne Mühe selbst erklären, was an der Erzählung des Arztes Alexander (der in dem heftigen Fieber, welches mich acht oder neun Tage vor meinem tod überfiel, zu mir gerufen wurde) wahr oder unwahr gewesen sein könne; und wirst leicht begreifen, wie der Arzt Alexander die Ursache, die ich ihm angab, warum ich lieber freiwillig in den Flammen zu Harpine als an einem hitzigen Fieber sterben wollte, eben sowohl falsch ausgedeutet, als der Sophist Lucian die Ursache dieses Fiebers durch sein – "vermutlich weil er sich den Magen überladen hatte" – übel erraten haben könne. Auch kann ich mich wegen der Todesfurcht, aus welcher mein besagter Gegner sich die Verzögerung meiner öffentlichen Verbrennung begreiflich machte, nun, da kein Nebel mehr zwischen uns ist, getrost auf das Augenzeugniss meines Freundes Lucian berufen, der mich den Holzstoss mit ziemlich fester Hand anzünden sah.
Lucian.
Dieses reinere Element, das wir nun bewohnen, macht es uns glücklicherweise eben so unmöglich uns selbst als andere mit Parteilichkeit anzusehen. – Es muss ein süsser Augenblick gewesen sein, Peregrin, einmal in dieses neue Leben versetzt fühltest!
Peregrin.
O gewiss! und doch für mich, der sich dessen versah, nicht so überraschend als für dich, den der kaltblütige Epikur überzeugt hatte, dass mit dem letzten Atem alles aufhöre.
Lucian.
In der Tat, das Vergnügen dieser Ueberraschung war so gross, dass ich seine Philosophie – auch ohne Rücksicht auf so viele andere grosse Vorteile, welche sie über das irdische Leben verbreitet – um dieses einzigen willen für kein geringes Verdienst halte, das der gute Mann sich um die Menschheit gemacht hat. Doch hiervon ein andermal! Antworten und Gegenfragen auf die Zweifel und
Anfragen eines vorgeblichen Weltbürgers.
1783.
Wenn es noch zweifelhaft wäre, ob es auch unächte Weltbürger gebe, die sich dieses edlen Namens anmassen, ohne durch die Gleichförmigkeit ihrer Grundmaximen und Gesinnungen mit denen der wahren Kosmopoliten dazu berechtigt zu sein, so hätte uns der ungenannte Verfasser der Neugierden eines Weltbürgers (einer vor kurzem auf andertalb Bogen im Druck erschienenen Flugschrift) der Mühe überhoben, die Welt über das Dasein solcher falscher Brüder ausser allem Zweifel zu setzen.
Dieser vorgebliche Weltbürger hat zwar seine Zweifel und Anfragen ausdrücklich nur den Staatsgrüblern zur Prüfung und Beantwortung gewidmet: da aber einige der erstem (und gerade diejenigen, die ihm die meisten Wehen zu machen scheinen) so beschaffen sind, dass sie ohne alle staatsgrüblerische Spitzfindigkeit mit blosser hülfe des schlichten Menschenverstandes gehoben werden können; so finde ich mich um so mehr bewogen, ihm diesen kleinen Dienst zu leisten, indem diese Zweifel gerade solche Gegenstände betreffen, worüber sich die wahren Kosmopoliten durch eine gegen die seinige sehr stark abstechende Vorstellungsart unterscheiden.
Nichts ist wohl natürlicher, als dass in einer Zeit, wo jedermann grübelt, manche Satze, welche in Jahrhunderten, wo nur Mönche grübelten, für unzweifelhafte Wahrheiten galten, zu Aufgaben gemacht und genötigt werden die Titel zu zeigen, auf welche sich ihre so lange unangefochtene Gewissheit gründe. Der gemeine Verstand, der alle Menschen instinctmässig lehrt was ihnen gut oder böse sei, ist zwar für sich selbst träge, und lässt sich nur gar zu leicht zufrieden stellen, auch wohl unter gewissen Umständen auf ganze Jahrhunderte einschläfern. Ist er aber einmal aufgeschreckt und verschüchtert, so wird sein Misstrauen eben so gross als seine vorige Sicherheit; er verliert allen Respect, glaubt seinen besten Freunden nichts mehr, wittert überall Betrug und Gefährde, durchleuchtet daher mit seinem Lämpchen jeden finstern Winkel, fürchtet sich aber eben so sehr vor gar zu