und mächtigste Triebfeder meiner ganzen Tätigkeit war – in eben dem Masse gewachsen, wie der natürliche Trieb zum Leben die seinige verlor. Das Klümpchen organisirter Erde, womit ich mich noch schleppen musste, wurde mir immer überlästiger; diese Organe selbst waren in meiner Vorstellung nur Hindernisse einer vollkommenern Art zu sehen, zu hören, mit dem Weltall, und vornehmlich mit den geistigen Wesen und Kräften desselben, in engere Beziehungen zu kommen, kurz, zu einer unendlich schönern und unbeschränktern Tätigkeit zu gelangen. Ich fühlte mich endlich von einer unbeschreiblichen sehnsucht nach diesem höhern Leben, an dessen Wirklichkeit ich nie gezweifelt hatte, gepresst: und da die Hoffnung, den Menschen durch meinen längern Aufentalt unter ihnen nützlich zu sein, immer schwächer und schwächer wurde; da sie mir endlich als eine lächerliche Chimäre erschien, die nur in dem Gehirn eines mit der Welt gänzlich unbekannten schwärmerischen Jünglings erzeugt, und, nach allem was mit mir vorgegangen war, nur von einem unheilbaren Toren länger gehegt werden könne: so blieb nun nichts übrig, was mich hätte zurückhalten können, und ich beschloss zu sterben.
Aber in eben demselben Augenblicke stellte sich mir auch der Gedanke dar: da mein Leben der Welt zu nichts nütze gewesen sei, wenigstens meinen Tod wohltätig für sie zu machen. In diesem Zeitalter der weichlichsten Entnervung müsste, dachte ich, das unmittelbare öffentliche Schauspiel eines freiwilligen heroischen Todes, so eines Todes wie Hercules auf dem Oeta und Kalanus23 im Angesichte Alexanders und seines ganzen Kriegsheeres starb, einen tiefern und heilsamem Eindruck auf die Gemüter machen, als der beredteste Moralist durch die schönsten Declamationen im Lyceum oder in der Stoa in zwanzig Jahren bewirken könnte. Du weisst schon, lieber Lucian, wie leicht meine Einbildungskraft durch Vorstellungen dieser Art in Flammen zu setzen war; und doch müsste es dir lächerlich vorkommen, wenn ich ohne die geringste Uebertreibung von dem seltsamen Reiz sprechen wollte, den der Gedanke – mich zu Olympia vor den Augen so vieler Myriaden von Griechen und Ausländern aus allen Gegenden der Welt in einer schönen Sommernacht zu verbrennen – bei seiner ersten Entstehung für mich hatte.
Von welcher Seite ich diesen Tod betrachtete, zeigte er sich mir in einer blendenden Gestalt. In Rücksicht auf die Menschen der gegenwärtigen und künftigen zeiten war er eine glorreiche Selbstaufopferung, welche mich durch ein unvergessliches Beispiel der Standhaftigkeit, der Geringschätzung dessen was den Sterblichen über alles ist, und des inneren Bewusstseins einer über dieses armselige Erdeleben hinaus reichenden Bestimmung, auf ewig zum Wohltäter der Menschen, die so wenig um mich verdient hatten, machen würde. In Rücksicht auf mich selbst war es die kürzeste, edelste, der ursprünglichen natur des Dämons in mir, der mein wahres Ich ausmachte, angemessenste Art, nach einer schon zu lange dauernden Verbannung auf dieses verhasste Land der Täuschungen, der Leidenschaften und der Bedürfnisse in mein ursprüngliches Element zurückzukehren. Ueberdiess muss ich gestehen, dass ich mich auch nicht wenig durch die Vorstellung geschmeichelt fand, den Christianern zu zeigen, dass sie nicht die einzigen seien, die durch ihren Glauben mit dem Mute begeistert würden, dem Anblick eines peinvollen Todes Trotz zu bieten.
Lucian.
Aber, wenn alle diese Vorstellungen so mächtig auf dich wirkten, wie kam es, dass du dich bei der nächsten Wiederkehr der Spiele zu Olympia an der blossen Ankündigung deines Vorsatzes begnügtest, und die Ausführung noch vier ganzer Jahre, die dir in einer solchen Gemütsstimmung vier Jahrhunderte scheinen mussten, verschieben konntest?
Peregrin.
Aufrichtig zu reden, Lucian, – da ich mit allen meinen seltsamen Eigenschaften am Ende doch so gut ein Mensch war wie andere, so möchte ich nicht dafür stehen, dass der Instinkt, der alle Lebendigen mit einer geheimen und nur desto mächtigern Gewalt an die einzige Art von Dasein, welche sie aus unmittelbarer Erfahrung kennen, fesselt, nicht auch bei mir seine wirkung getan haben könnte. Indessen ist alles was ich hiervon mit Gewissheit sagen kann, dass ich mir dieser Bewegursache nicht bewusst war. Ich hatte vielmehr lange mit mir selbst zu kämpfen, bis ich zum Entschluss kam, mein ungeduldiges Verlangen nach dem tod, als die letzte leidenschaft, die ich der Weisheit noch aufzuopfern hätte, zu überwältigen, und das Heroische und Exemplarische desselben eben dadurch, dass ich ihm vier Jahre lang schrittweise entgegen ging, desto auffallender und vollkommener zu machen. Diess, lieber Lucian, war wenigstens der einzige Beweggrund, den ich mir selbst gestand, dem ich alles mögliche Gewicht zu geben suchte, und der endlich um so mehr die Oberhand behielt, weil ich dadurch Zeit gewann, teils die wenigen Freunde, die mit Wärme an mir hingen, auf unsere Trennung vorzubereiten, teils einen sonderbaren Einfall auszuführen, welchen mir die Begierde, ganz Griechenland durch meinen Tod in eine heilsame Erschütterung zu setzen, eingegeben hatte.
Lucian.
Du sprichst vermutlich von den sogenannten Cirkelbriefen, die du, wie die Rede ging, als eine Art Vermächtnisse an alle Städte von einigem Ansehen in Achaja und in dem Griechischen Asien erlassen haben solltest?
Peregrin.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich mich die Vorstellung der Wirkungen machte, welche der letzte Wille eines auf eine so ausserordentliche Art sterbenden Weisen auf diejenigen tun müsste, denen er – zu einer Zeit, da ihm für sich selbst an ihrem Wohl oder Weh, so wie an ihrer guten oder schlimmen Meinung von ihm, nichts mehr gelegen war – auf eine so uneigennützige und rührende Art zu erkennen gab, wie sehr ihm ihr Bestes am Herzen liege. Eine geraume Zeit