er mir erwiesen hatte, auf deine Unkosten bezahlt zu haben.
Peregrin.
dafür, lieber Lucian, hast du selbst mich schon mehr als hinlänglich gerochen, da du, in einem andern deiner Aufsätze, eben diese Freimütigkeit gegen den nämlichen Herodes22, welche mir zum Verbrechen gemacht wurde, an Demonax – der im grund so gut ein Cyniker heissen konnte als ich – mit Lobsprüchen belegtest.
Lucian.
Ich muss gestehen, diese kleine Züchtigung ist nicht
gung anführen könnte, dass Demonax der liebenswürdigste und gutlaunigste aller Cyniker war, und seinen Tadel, ja sogar seine Spöttereien mit einem so feinen Attischen Salze zu würzen und in einer so angenehmen Manier vorzubringen wusste, dass die Getroffenen selbst nur selten ungehalten auf ihn werden konnten.
Peregrin.
Er glich hierin unserm gemeinschaftlichen Meister Agatobulus, welchem ich aus bereits angeführten Ursachen weder gleichen wollte, noch konnte. Bei mir ging, vermöge der individuellen Form meines Wesens, alles über die Aristotelische Linie der Mässigung hinaus. Wen ich nicht mit Schwärmerei lieben, mit Entzückung loben konnte, den musste ich mit Abscheu fliehen, mit Bitterkeit tadeln. Wie hätte sich die Welt mit einem solchen, Menschen, oder er sich mit ihr, vertragen können? Niemand fühlte diess stärker als ich selbst, und daher bracht' ich auch den grössten teil meines übrigen Lebens in der einsamsten Abgeschiedenheit zu. Selbst das stille Aten war für mich noch nicht still genug. Ich wählte eine kleine abgelegene Bauerhütte nicht weit von der Stadt zu meinem gewöhnlichen Aufentalt; und ausser einigen jungen Leuten, die mein Ruf, – und einem oder zweien, welche die täuschende Hoffnung, durch den Unterricht zog, war der Cyniker Teagenes von Paträ der einzige Mensch, dessen Besuche ich annahm, aber in der Tat mehr duldete als wünschte.
Ich wundre mich nicht, Freund Lucian, dass dieser Teagenes in deinem Berichte von meinen letzten Tagen so übel weggekommen ist. Er hatte (ausser seiner Schwärmerei für mich) in seiner ganzen person zu viel Anstössiges für einen Mann wie du, als dass du billiger gegen ihn hättest sein können als gegen mich selbst. Indessen war er im Grund ein Mensch von gutem Willen, und ich glaube noch in diesem Augenblicke, dass sein Eifer für mich aufrichtig war. Allein eine grobe Organisation, eine pöbelhafte Erziehung, eine gewisse angeborne Ungeschmeidigkeit, und ein natürlicher aber vom Glücke nicht begünstigter Hang zu einem müssigen und unabhängigen Leben, kurz, eben dieselben Umstände, die ihn in den cynischen Orden geworfen hatten, setzten seiner Ausbildung so enge grenzen, dass er es, mit aller seiner Schwärmerei für den Tebanischen Hercules und – meine Wenigkeit, doch nie weiter brachte, als unter den vulgaren Cynikern dieser Zeit eine ziemlich ansehnliche person vorzustellen. Gleichwohl, so wie er war, gewann ihm seine Gutmütigkeit, sein Feuer und seine leidenschaftliche Zuneigung zu mir einigen Anteil an einem Herzen, dessen dringendstes Bedürfniss war etwas zu lieben: und wenn er mich gleich durch die unzähligen Dissonanzen, welche seine Art zu empfinden, zu denken und zu leben mit der meinigen machte, oft genug zurückstiess; so blieb es mir doch unmöglich, den einzigen Menschen von mir zu entfernen, von welchem ich gewiss zu sein glaubte, dass er von Herzen und ohne eigennützige Rücksichten an mir hange. Und so folgte denn auch ganz natürlich, dass er bei meiner berüchtigten Todesscene die erste und geschäftigste Nebenrolle auf sich nahm.
Diese letzte Epoche meines Lebens – welches (wie du gesehen hast) ausserordentlich genug gewesen war, um sich auf eine ungewöhnliche Art zu endigen – ist nun das einzige, lieber Lucian, worüber ich dir noch einige Erläuterungen schuldig bin.
Ein freiwilliger Ausgang aus dem Leben, ungeachtet er von den Platonen und Epikteten aus sehr scheinbaren Gründen gemissbilligt wurde, war von jeher unter Griechen und Römern von einer gewissen klasse etwas so wenig Seltenes gewesen, und im Gegenteil durch grosse Beispiele so sehr gerechtfertigt und, so zu sagen, geheiligt worden, dass sich schwerlich jemand darüber verwundert oder bekümmert haben würde, wenn ich meinem Leben in der Stille, wie so manche andre Philosophen, durch Hunger, oder Opium, oder einen laufenden Knoten ein Ende hätte machen wollen. Aber ein in Griechenland so ungewöhnlicher, so feierlicher und vier Jahre zuvor öffentlich angekündigter freiwilliger Tod musste allgemeine Aufmerksamkeit erregen, und es war leicht voraus zu sehen, dass er von dem einen für die grösste Heldentat, von einem andern für Wahnsinn, und von einem dritten für blosse Charlatanerie erklärt, von allen aber, oder doch wenigstens von den meisten, nur ihren eigenen Augen geglaubt werden würde.
Den Gedanken, mein Leben, sobald ich fühlte dass es Zeit wäre, freiwillig zu beschliessen, hatte ich schon lange, und in der Tat schon damals gefasst, als ich mich zu Alexandrien entschloss, das Bild eines philosophischen Hercules in meiner Art zu leben darzustellen. Seit meiner Verbannung aus Italien war dieser Gedanke mit jedem Jahre lebendiger geworden. Das Leben unter den Erdebewohnern, das seit meinen letzten Erfahrungen zu Rom allen Reiz für mich verloren hatte, wurde mir nun von Tag zu Tage gleichgültiger, und endlich gar verhasst. Meine ganze Art zu sein und die äusserst strenge Entaltsamkeit, welcher ich von jener Zeit an getreu blieb, hatte alle natürlichen Bande, die den einzelnen Menschen ans Leben fesseln, nach und nach bei mir zu dünnen Zwirnsfaden abgeschlissen. Dagegen war die Stärke jenes sonderbaren Gefühls meiner dämonischen natur – welches dich nun nicht mehr an mir befremden darf, da es die erste