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davon sagen kann, ist: dass die Eifersucht einiger der angesehensten und tätigsten Vorsteher der Brüdergemeinen von seinen immer sichtbarer werdenden ehrgeizigen Absichten und von der Verfälschung der Lehre ihres Meisters und seiner ersten Jünger, die ihm Schuld gegeben wurde, gelegenheit nahmen, ihn und seine Anhänger, bald nach meiner Trennung von ihnen, in so schlimme Händel zu verwickeln, dass ihm, nachdem er alle andern Hülfsquellen seines so erfindsamen und ränkevollen Kopfes erschöpft hatte, zuletzt kein andrer Ausweg übrig blieb, als auf immer zu verschwinden, und die Vollendung seines zu rasch betriebenen Plans der Zeit zu überlassen, welche im Lauf von etlichen Jahrhunderten zu stand brachte, was kein Werk für das Leben eines einzigen Mannes war. Seine Schwester war bei dieser Katastrophe vorsichtig genug gewesen, in zeiten für ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Sie wurde mit eben der Leichtigkeit wieder Dioklea, womit sie sich ehemals in eine Teodosia verkleidet hatte; und als sie nach einer absichtlichen Verborgenheit von etlichen Jahren in Rom wieder zum Vorschein kam , fand sie durch Vorschub ihrer zahlreichen Freunde gar bald einen Weg, der ältern Faustina als die tauglichste person zur Erziehung ihrer einzigen Tochter empfohlen zu werden. In dieser Stelle erwarb sie sich durch ihre Klugheit das Vertrauen der Mutter, und durch die gefällige Anmut ihres Betragens und die Mannichfaltigkeit ihrer Talente die Zuneigung der Tochter in einem so hohen Grade, dass sie nach der Vermählung der letzteren mit dem Cäsar Marcus ihr in das Haus ihres Gemahls folgte, und bis ans Ende ihres Lebens die vertrauteste ihrer weiblichen Günstlinge blieb.

Lucian.

Diess ist zu meiner Beruhigung hinreichend; denn ich muss gestehen, dass es mir nicht gleichgültig gewesen wäre, über das Schicksal dieser vielgestaltigen und in jeder Gestalt so anziehenden Dame in Ungewissheit gelassen zu werden. Ein Kerintus mag verschwinden, wenn er seine Rolle nicht länger spielen kann: aber für eine Dioklea findet sich unter jedem Glückswechsel noch immer eine anständige Rolle. Wie hätte die schöne Faustina in bessere hände geraten, oder wo hätte sie eine wachsamere Aufseherin, eine erfahrnere Ratgeberin, eine gefälligere Freundin, und eine geschicktere Ausrichterin ihrer Aufträge finden können als Diokleen? Das Schicksal sorgte für beide da es sie zusammen brachte: lass' nun hören, Peregrin, was es für dich tat, da es dich von beiden vermutlich auf immer trennte.

Peregrin.

Es würde ihm schwer gewesen sein, etwas für

einen Eigensinnigen zu tun, der eine so besondere Gabe hatte, alles, was Götter und Menschen zu seinem Besten tun wollten, zu vereiteln, oder gegen ihre Absicht zu seinem Nachteil zu kehren. In der Tat war ich in meinem ganzen Leben nie weniger aufgelegt gewesen als damals, meine Ruhe von irgend einem Wesen ausser mir abhangen zu lassen, geschweige eine bessere Behandlung, als ich bisher von den Menschen erfahren hatte, durch gefälligkeit um sie verdienen zu wollen; und die Betrachtungen, die auf meiner einsamen Wanderschaft aus Italien meine einzige Gesellschaft ausmachten, waren nicht sehr geschickt, mich in eine andere Stimmung zu setzen.

Ich rief alle Verhältnisse und Verbindungen, worin ich in meinem bisherigen Leben gestanden, in mein Gedächtniss zurück; ich verglich in jeder dieser Lagen meine Erwartungen mit dem Erfolge; und das Resultat war: dass ich mich stärker als jemals überzeugt fühlte, ich würde, so oft ich unter den Menschen um mich her meines gleichen gefunden zu haben wähnte, mich eben so übel betrogen sehen, als ich es bisher immer gewesen war.

Was blieb mir also übrig, als mich mehr als jemals in mich selbst hineinzuziehen und von andern schlechterdings nichts weiter zu erwarten noch zu fordern? Aberum ihnen doch wenigstens dafür, dass sie mir den freien Gebrauch der Luft und des Wassers liessen, meine Dankbarkeit zu zeigen, setzte ich mir von neuem vor, ihnen bei jeder gelegenheit öffentlich und besonders, wo nicht zu ihrer Besserung, wenigstens zu ihrer Beschämung und Demütigung, die Wahrheit zu sagen. Es ist immer etwas getan, dachte ich, wenn wir sie, trotz ihrer selbstgefälligen Eitelkeit und ihrer allgemeinen stillschweigenden Abrede einander durch Höflichkeit und Schmeichelei zu hintergehen, nötigen können, sich in dem ungefälligen Spiegel den wir ihnen vorhalten, wär' es auch nur auf Augenblicke, so zu sehen wie sie wirklich sind. Mit diesem Vorsatze kam ich nach Griechenland zurück; und aus diesem Gesichtspunkte, Freund Lucian, wirst du dir leicht erklären können, wie es zuging, dass diejenigen, die sich durch meine Freimütigkeit beleidigt fanden, den Mann, – der keiner ihrer Torheiten schonte, und sogar die Tugenden und Verdienste, worüber sie von aller Welt beklatscht wurden, durch ein Probefeuer gehen liess, worin sie in Rauch und Dunst zerflossen, – in den Ruf eines menschenfeindlichen, bissigen und halb tollen cynischen Hundes brachten. In diesem Stücke war alles, was du deinen Ungenannten sagen lässest, blosser Widerhall der öffentlichen stimme. Aber, wenn es nötig wäre hierüber ins Besondere zu gehen

Lucian.

Ueberhebe dich dieser Mühe, die nach allem, was ich nun von dir weiss, ganz überflüssig wäre. Ich begreife nicht nur, wie du, zum Beispiel, die glänzenden Verdienste, welche sich der Sophist Herodes Attikus, der eitelste aller Menschen die ich kenne, kraft seiner unermesslichen Reichtümer um die Eitelkeit und Ueppigkeit der Griechen machte, ohne Ungerechtigkeit in einem ganz andern Lichte sehen konntest, oder vielmehr sehen musstest, als der grosse Haufe: ich gestehe sogar, dass ich selbst nicht zu entschuldigen bin, diesem hoffärtigen Glücksgünstling einige Höflichkeiten, die