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eigenen Art zu empfinden beseeltest, und eine Sympatie und Seelenverwandtschaft zwischen ihr und dir freigebig voraussetztest, für welche in ihrem ganzen Benehmen, so viel ich sehen kann, für einen Mann mit gewöhnlichen Augen kein entscheidender Grund zu finden war. Im Gegenteil, man musste so verblendet und bezaubert sein als du es warst, um nicht zu merken, wie sie bei allen deinen Bestrebungen, ihr deine Platonische Schwärmerei einzuimpfen, immer kalt und ruhig blieb, und wie wenig Vertrauen sie darauf setzte, dass die probe, zu welcher du sie selbst aufzufordern die Vermessenheit hattest, zu deinem Ruhm ausfallen würde. – Aber, was den Process gänzlich zu ihrem Vorteil entscheidet, und für die Güte ihres Herzens desto lauter spricht, je mehr Anlage zu Leichtsinn und Mutwillen in ihrer natürlichen Sinnesart war, ist der Umstand, dass sie dich sogar noch in dem Briefchen, das dir der Granatapfel in die hände spielte, vor der Gefahr warnte, wiewohl der Verlust ihrer Wette darauf stand, falls du dich eines Bessern besonnen hättest.

Peregrin.

Jetzt, lieber Lucian, bin ich aus allen diesen Betrachtungen so geneigt als du selbst, Faustinen zu entschuldigen, und was mich damals beinahe wahnsinnig machte, hat ihr und mir, seitdem wir uns hier wiederfanden, mehr als Einmal Stoff zum lachen gegeben. Aber vor meiner Verlüftung zu Harpine war so viel Unbefangenheit bei mir unmöglich. Auch nachdem sich der erste Sturm in meinem Gemüte gelegt hatte, blieb es immer ein unverzeihliches Verbrechen in meinen Augen, dass sie bei dem gränzenlosen Vertrauen, das ich in die Unschuld ihrer Seele setzte, fähig gewesen war, mit einem Herzen wie das meinige ein solches Spiel zu treiben, und einen Mann, der selbst in seinen Verirrungen (wie meine Eigenliebe mir schmeichelte) noch achtung verdiente, dem Spotte fremder Zeugen, und (was mich am empfindlichsten kränkte) dem Hohngelächter einer Frau, deren Eitelkeit ich beleidiget hatte, so leichtsinnig und übermütig preiszugeben. Diess konnte ich ihr so wenig verzeihen, dass ich mich vielmehr überflüssig berechtiget hielt, sie bei jeder gelegenheit als die gefährlichste Sirene zu schildern, und selbst die Liebenswürdigkeit, die ihr jedermann zugestehen musste, für eine blosse Larve zu erklären, unter welcher eine falsche, gefühllose und grausame Seele laure. Wenn ich denn einmal in diesen Ton geraten war, so wurde weder ihres Vation endigte sich gewöhnlich in eine bittere Satyre über die Römer und Römerinnen, über die ungeheure Verdorbenheit ihres Herzens und ihrer Sitten, über den hassenswürdigen Despotismus ihrer Regierung, und über die seltsame Schwäche des guten frommen Kaisers, der sich die milde Gelindigkeit seiner phlegmatischen Sinnesart für fürstliche Tugenden aufschmeicheln lasse, und, weil er allen Menschen Gutes wünsche, wirklich so unschuldig sei, sich einzubilden, dass die Welt unter seinem Scepter halcyonische Tage lebe, und dass allen Leuten so wohl sei als ihm selbst.

Lucian.

Und wie benahm sich die schöne Faustina bei diesem Rückfall ihres Platonikers in den Charakter eines ächten cynischen Bellers?

Peregrin.

In der Tat war sie, trotz dem leichtsinnig fröhlichen Mutwillen, der sie zuweilen zu unschicklichen Schritten verleitete, die guterzigste Seele von der Welt. Wie leicht hätte sie, wenn sie das gewesen wäre, wofür ich sie in meiner ungerechten Erbitterung ausgab, sich über den Gedanken weggesetzt, was aus einem armen Griechischen Landstreicher, den der Zufall zu seinem Unglück in ihren Weg geworfen hatte, werden könne! Wie unermesslich war der Abstand von der einzigen Tochter des Kaisers und künftigen Augusta21 zu Peregrinus Proteus von Parium! – Aber Faustina hatte das Herz ihres Vaters geerbt. Kaum war die erste Freude über den wunderschönen Hermaphroditen von Parischem Marmor, den sie durch ihre Wette gewonnen hatte, ein wenig verdünstet, so fiel ihr ein, dass sie dem ehrlichen Schlag, dessen Torheit ihre Galerie mit einem so schönen Stücke bereicherte, eine Art von Vergütung für seine fehl geschlagenen Hoffnungen (wie lächerlich diese auch an sich selbst gewesen sein möchten) schuldig sei; und so wie ihr diess einfiel, so bildete sich auch schon ein Plänchen in ihrem kopf, den guten Menschen so glücklich zu machen, als er es billigerweise nur immer wünschen könne. Die vorbesagte Myrto, welche nach Mamiliens Tod in die Dienste der Kaiserin gekommen und von dieser ihrer Tochter überlassen worden war, genoss des besonderen Vertrauens ihrer jungen Gebieterin, und war die erste unter ihren Freigelass'nen. Von ihr hatte Faustina noch eher als von mir selbst alles, was sie von meiner geschichte wusste, und bei dieser gelegenheit auch den Nebenumstand erfahren, dass der Liebesfunken, den ich ehemals unwissend in ihrem schönen Busen entzündet hatte, der Zeit und meiner Undankbarkeit zu Trotz, noch immer unter der Asche fortglimme. Myrto war zwar indessen bis zum fünfundvierzigsten Jahre fortgerückt: aber die Grazien hatten sie mit der Gabe, immer jünger zu scheinen als sie war, beschenkt, und die gute Faustina glaubte, eine Verbindung zwischen uns würde um so schicklicher sein, da die Ausstattung, welche sie ihrer Favoritin zugedacht hatte, mich in den Stand setzen würde, ein sehr gemächliches Leben zu führen; ein Umstand, der, ihrer Meinung nach, der schönen Myrto bei einem Philosophen, dessen Küche auf vier oder fünf Obolen des tages fundirt war, keinen Schaden tun könnte.

Die Favoritin hatte mich schon einige Tage vergebens aufsuchen lassen und selbst aufgesucht, um mir von diesen guten Gesinnungen ihrer Gebieterin und von ihren eigenen Nachricht zu geben, als sie mich endlich in den ehemaligen Mäcenatischen Gärten antraf, und mich