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Beleuchtung stufenweise ab, bis sie zuletzt in dem Cabinette, wo ich Faustinen zu finden glaubte, in die sanfteste Dämmerung zerfloss. Sie lag auf einem prächtigen Ruhebette, in eben dem leichten, aber äusserst zierlichen Anzug und in eben der schönen Lage, worin ich sie in der unglücklichen Grotte gesehen hatte.

Lucian.

Armer Proteus, das war zu viel!

Peregrin.

Ein halb durchsichtiger Schleier verhüllte einen teil ihres Gesichts und des schönsten Busens, den Amors Hand je geformt hatte. Mit immer stärker klopfendem Herzen hatte ich mich langsam herbeigeschlichen; aber dieser erste Anblick überwältigte mich gänzlich. Ich warf mich zu ihren Füssen, und – o Faustina! göttliche Faustina! – war alles, was ich in meiner Entzückung hervorbringen konnte, indem ich eine ihrer mir dargebotnen schönen hände mit glühenden Küssen bedeckte.

In dem nämlichen Augenblick hörte ich ein lautes Gelächter, das Cabinet wurde plötzlich so hell als der Tag, und die wahre Faustina rauschte hinter einem Vorhang hervor, und sagte zu einer andern Dame, die ihr folgte: "ich habe die Wette gewonnen, Flaviana! – und du, guter Proteus, vergib mir diese kleine Hinterlist! Ich überlasse es deiner eignen Philosophie, die Moral aus diesem Platonischen Abenteuer zu ziehen, die für dich die zuträglichste sein mag." – Und hiermit eilte sie mit ihrer lachenden Freundin davon, und liess mich in einer Beschämung, einer Bestürzung, einer Vernichtung, die meinen ärgsten Feind zum Mitleiden hätte bewegen müssen.

Lucian (lachend).

Armer Proteus! – Verzeih mir, dass ich mitlachen muss! – Aber kanntest du diese Flaviana, die so lustig darüber war, dass sie ihre Wette auf deine Unkosten

Peregrin.

Sie war eine der ersten jungen Damen zu Rom, und hatte, weil sie grosse Ansprüche an Witz machte und für eine Beschützerin der Griechischen Musen gehalten sein wollte, eine Menge Maschinen angelegt, um sich meiner zu bemächtigen, als ich das Haus des Cejonius verlassen hatte. Aber da sie ihrer Sitten wegen in einem sehr zweideutigen Lichte stand, und ich mir, um alle ähnliche Anmassungen abzuschrecken, wirklich vorgenommen hatte, mich in den Ruf eines entschiedenen Weiberhassers zu setzen: so waren alle ihre Versuche verunglückt; und diess hatte vermutlich zu der Wette Anlass gegeben, von welcher ich auf eine so grausam überraschende Art das Opfer wurde.

Lucian.

Und wer war die Dame auf dem Ruhebette?

Peregrin.

Ich verweilte nur so lange, dass ich mich zu meinem neuen Erstaunen überzeugen konnte, dass es Myrto war, eben dieselbe Sklavin Myrto, welche in der Villa Mamilia eine von den Grazien der Göttin vorstellte, sein liess, die schöne Dioklea bei mir anzuschwärzen. Der Eindruck, den ich dazumal auf ihr zartes Herz zu machen das Unglück hatte, schien seit einer so langen Reihe von Jahren noch nicht ganz erloschen zu sein. Sie wandte, unter dem Vorwand dass sie mir Sachen von grosser Wichtigkeit zu entdecken hätte, alles Mögliche an, mich zurückzuhalten: aber mein Stolz war zu tief verwundet, als dass ich die Luft dieses für mich plötzlich verpesteten Hauses nur einen Augenblick länger hätte ertragen können. Ich riss mich von ihr los, floh in meine Zelle zurück, und blieb etliche Tage eingeschlossen, um mich von dem harten Stoss, den ein so schamvoller Ausgang des schönsten Abenteuers meines ganzen Lebens meiner Philosophie gegeben hatte, wieder zu erholen, und, alles wohl überlegt, den festen Entschluss zu fassen, dass es das letzte dieser Art in meinem Leben sein sollte.

Lucian.

Soll ich offenherzig mit dir sprechen, Freund Proteus? – Dass dein Herz in der ersten Bewegung Galle und Gift gegen die schöne Faustina kochte, kann ich dir leicht verzeihen: wem würde es an deinem platz nicht eben so ergangen sein? Aber wenn du in den einsamen Stunden der Besinnung nicht wieder so gut zu dir selber kamst, um sie von aller Schuld an deichen; wenn dein Gedächtniss so treulos war, dich nicht zu erinnern, dass sie, – selbst den Mittagsschlaf in der Grotte nicht ausgenommen, welchen ich, ohne einen gerichtlichen Beweis des Gegenteils, den du schwerlich führen könntest, für einen blossen Zufall haltedass sie, sage ich, weder verführerische Künste, dich in ihre Schlingen zu ziehen angewandt, noch dir die geringste Ursache gegeben, sie für eine schwärmerische Seele deines gleichen zu halten, kurz, dass du selbst es warst, der alle Auslagen bei dieser gelegenheit auf eigene Rechnung übernahm: wenn du das alles vergessen konntest, so hattest du wahrlich sehr Unrecht. Das einzige, was Faustina, deiner eigenen Erzählung nach, zu verantworten haben konnte, war, dass sie es geschehen liess, dass du sie nach deiner sonderbaren Art liebtest. Allein, die Neugier, was wohl am Ende daraus werden würde, ist, däucht mich, einer jungen Fürstin, deren Laune zu solchen Kurzweilen gestimmt war, um so leichter zu gut zu halten, da sie vermutlich durch Flavianen zur Wette herausgefordert worden war, und übrigens von einem Entusiasten deiner Art unmöglich eine so lebendige Vorstellung haben konnte, um vorauszusehen, wie wehe sie dir durch die unvermutete Verwandlung aus einem neuen Endymion ineinen neuen Ixion20tun würde. In der Tat, lieber Proteus, war es bloss deine Schuld, dass du sie nicht nur, vermittelst des vorbesagten Zauberspiegels in deinem kopf, zu einer moralischen Venus, zu einem Ideal jeder geistigen Schönheit erhobst, sondern dieses Göttergebilde deiner schwärmenden Phantasie sogar mit deiner