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Pflege meines mütterlichen Grossvaters Proteus zu überlassen, der sich gewöhnlich auf seinem nahe bei der Stadt gelegenen Landgut aufhielt.

Nach dem tod meiner Mutter, die ich am Eintritt in meine Jünglingsjahre verlor, wurde ich von ihrem Vater, mit Bewilligung des meinigen, an Kindesstatt angenommen, und erhielt dadurch den Beinamen Proteus36; wiewohl ich mich in der Folge auf meinen Wanderungen, je nachdem es mir schicklicher war, bald des einen bald des andern Namens bediente. Du siehest, lieber Lucian, dass ich wenigstens ziemlich einer mir nicht sehr rühmlichen Vergleichung meiner Wenigkeit mit Homers Aegyptischem Meergotte geholfen hat.

Lucian.

Desto besser, lieber Peregrinus Proteus, desto besser! Um so mehr habe ich Hoffnung, zu hören, dass du zu einigen andern noch weniger schmeichelhaften Beinamen, womit der Ruf deine Jugend angeschmutzt hat, eben so unschuldig gekommen bist.

Peregrin.

Du wirstund kannst in der Lage, worin wir uns befindennichts als die reine Wahrheit von mir hören.

Lucian.

Das versteht sich. Also nur weiter, wenn ich bitten darf.

Peregrin.

Die natur hatte mich zu einer glücklichen Gestalt und Gesichtsbildung mit einer sehr zarten Empfänglichkeit für sinnliche Eindrücke, und mit einer äusserst beweglichen, warmen und wirksamen Einbildungskraft beschenkt. Bei einer solchen Anlage konnte es wohl nicht anders sein, als dass Homer, mit dessen Rhapsodien meine literarische Erziehung, der Gewohnheit nach, angefangen wurde, unbeschreiblich auf meine Imagination wirkte; vornehmlich alles Wunderbare, die Götterscenen auf dem Olymp und auf der Erde, und die Feerei der Odyssee. Mein Pädagog, der nichts als Wörter, Redensarten und Dialekte, grammatische und rhetorische Figuren, Mytologie, alte geschichte und Geographieund auch diess alles nur mit den Augen eines stumpfsinnigen Pedanten in dem Dichter sah, trug nichts dazu bei, die Art, wie dieser auf mich wirkte, zu begünstigen oder zu berichtigen, zu verstärken oder zu schwächen. Da er in meinem Gedächtniss alles fand, was seine stolzesten Erwartungen befriedigte, so pries er bei allen Gelegenheiten nur meine Gelehrigkeit an, und tat sich nicht wenig darauf zu gut, dass ich eine Menge grosser Stellen aus allen Gesängen, das ganze Verzeichniss der Schiffe, die Nekyomantie, den Tod der Freier und dergleichen, trotz einem Rhapsodisten von Profession herdeclamiren konnte, und nicht nur alle Trojaner, die von Diomedens oder Achillens Hand gefallen waren, mit Namen zu nennen, sondern sogar die Wunden, die jeder empfangen, so genau anzugeben wusste, als ob ich Feldarzt im Griechischen Lager gewesen wäre. Um alles Uebrige, und wie oder wodurch Homer zu viel oder zu wenig, zu meinem Vorteil oder Nachteil, auf mich wirken möchte, blieb er um so unbekümmerter, da er von einem Schaden, den ich dadurch leiden könnte, eben so wenig als von der Behandlung, die in dem einen und andern Falle nötig war, die leiseste Ahndung hatte.

Mein Grossvater trug allzu viel zu der ersten Bildung meiner Seele bei, als dass ich mich überheben könnte, dich etwas genauer mit ihm bekannt zu machen. Er war einer von den eben so unschädlichen als unnützlichen Sterblichen, die, weil sie selbst wenig von der Welt fordern, sich berechtigt halten, noch etwas weniger für sie zu tun als sie von ihr erwarten. Im Genuss eines mässigen aber seinen Aufwand noch immer übersteigenden Erbgutes hatte er binnen mehr als siebzig Jahren, die er verlebte, oder, eigentlicher zu reden, verträumte, nie einen Finger gerührt es zu vergrössern, noch einen Augenblick dazu verwandt, eine Vergleichung zwischen ihm selbst und seinen reichern Nachbarn zum geringsten Nachteil seiner Leibes- und Gemütsruhe anzustellen. Er liebte zwar das Vergnügen, aber nur insofern es seiner Trägheit nicht zu viel kostete: und weil man, ausser den Stunden der Mahlzeit und des Bades, doch nicht immer auf seinem Ruhebettchen oder an einer rieselnden Quelle schlummern, oder dem Lauf der Wolken und dem Tanz der Mücken in der Abendsonne zusehen kann; so hatte er sich zum Zeitvertreib eine Art von Philosophie und Literatur ausgewählt, die seiner Gemächlichkeit die zuträglichste war, und die Stelle dessen, was bei andern Menschen Beschäftigung des Geistes ist, bei ihm vertrat.

Der Zufall, der im menschlichen Leben so viel entscheidet, hatte ihn in seinen jüngern Jahren etlichemal mit dem berühmten Apollonius von Tyana37 zusammengebracht, und die Eindrücke, die dieser ausserordentliche Mann auf sein Gemüt machte, waren stark genug gewesen, um sich bis ins hohe Alter beinahe in immer gleichem Grade der Lebhaftigkeit zu erhalten. Der einzige Mann, von dem ich ihn jemals mit einer Art von Begeisterung sprechen hörte, war Apollonius. Apollonius war ihm das höchste Ideal menschlicher oder vielmehr übermenschlicher Vollkommenheit; denn es war aus dem Tone, worin er von ihm sprach, leicht zu merken, dass er ihn für irgend einen Mensch gewordnen Gott oder Genius hielt; und in der Tat hatte es dieser neue Pytagoras bei allen seinen Handlungen und Reden darauf angelegt, eine solche Meinung von sich zu erwecken und zu unterhalten.

Indessen fand doch mein Grossvater keinen Beruf in sich, die Zahl der sieben Jünger zu vermehren, welche Apollonius vor seiner Reise nach Indien immer um sich zu haben pflegte. Alles was der vermeinte Gottmensch auf ihn wirkte, war, dass die Neugier für ausserordentliche Dinge, die ein so wesentlicher Charakterzug aller trägen Menschen ist, eine bestimmtere Richtung bei ihm erhielt, und zu einer erklärten Liebhaberei für das wurde, was man in unsrer Zeit Pytagorische Philosophie nannte. Proteus, dessen Sache nicht