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meinigen entgegen. Ich versprach ihr also eine getreue und umständliche Erzählung der begebenheiten meiner Jugend, die ihr (wie ich unbesonnen genug war hinzuzusetzen) beweisen würden, was ich schon damals fähig gewesen wäre, wenn ich das Glück gehabt hätte, eine Diotima mit Faustinens Gestalt und Reizen anzutreffen. Sie schien dieses Compliment gerade so aufzunehmen, wie ich es wünschen konnte. Einer der nächsten Tage wurde dazu bestimmt, den Anfang meiner Erzählung zu machen; und man entliess mich mit Zeichen von Zufriedenheit, die auch ein weniger Platonischer Liebhaber ohne grosse Unbescheidenheit für Aufmunterungen hätte nehmen können.

Du siehest ohne mein Erinnern, lieber Lucian, dass ich mich durch diese unvorsichtige gefälligkeit gegen die Neugier der schönen Faustina in ein schlimmes Abenteuer hatte verwickeln lassen. Unter den Augen einer so liebenswürdigen Zuhörerin meine Einbildung durch die lebhafteste Versetzung in die Zauberscenen meiner Jugend in Flammen setzen, hiess die Kerze, wie man zu sagen pflegt, an beiden Enden anzünden. Faustina, unter deren so lieblich lächelnden Gesichtszügen ich keine Schalkheit ahndete, trug alles, was sie, ohne sich gar zu bloss zu geben, beitragen konnte, dazu bei, das Platonische Feuer, das im Busen ihres schwärmerischen Philosophen loderte, immer stärker anzufachen. Die Erzählung, durch häufige Digressionen und Erörterungen unterbrochen, ward alle Minuten zum Dialog, und dieser zuletzt so interessant, dass er Ergiessungen des Herzens (denn die Platonische Liebe hat ja auch die ihrigen) nötig machte, welche durch die Gegenwart der kleinen Sklavinnen, deren die Prinzessin bei unsern Zusammenkünften immer drei oder vier um sich herum schwärmen hatte, nicht wenig gehindert wurden.

Natürlicherweise war Faustina durch meine Bekenntnisse in ihren Zweifeln an der Möglichkeit der Platonischen Liebe vielmehr bestärkt als davon geheilt worden. Sie machte mir kein geheimnis daraus; und gleich wohl schien sie sich der meinigen mit einem so kindlich unschuldigen Zutrauen zu überlassen, dass sie die Voraussetzung eines sympatetischen Gefühls, in dessen Reinigkeit ihr Bewusstsein sie kein Misstrauen setzen liess, beinahe unvermeidlich machte.

Lucian.

Ich wundere mich nicht, Freund Peregrin, warum du immer, sogar bis in den Jahren, wo man gewöhnlich an die Gunst der Schönen keine Ansprüche mehr zu machen hat, von den reizendsten dieses Geschlechts, das von unsrer guten Meinung von ihm so viele Vorteile zu ziehen weiss, so ausserordentlich begünstiget wurdest. Dennbei der kindlichen Unschuld der immer lächelnden Faustina! – nie ist ein Sterblicher mit einer glücklichern Anlage, immer das Beste von ihnen zu denken, geboren worden als du.

Peregrin.

Betört von dem süssen Wahne, der mir dieses Compliment von dir zugezogen hat, ward ich nun immer weniger gewahr, was für ein gefährlicher Gegenstand eine Seele, deren Schönheiten mit den Reizen ihres materiellen und animalischen Teils so zart verwebt oder vielmehr so unmerklich in einander verschmelzt waren, für einen Platonischen Liebhaber sei, der dem Unglück, beide Arten von Reizen alle Augenblicke mit einander zu verwechseln, so sehr ausgesetzt war wie ich; und unstreitig war es in einem solchen Augenblick, wo mich die Weisheit so sehr verliess, dass ich der Prinzessin von dem Zwange sprach, den die einzige Tagesstunde, welche sie mir (unter dem Vorwande des Unterrichts in der Philosophie) widmete, und die kleinen Nymphen, die immer dabei gegenwärtig waren, dem freien Umtausch der Empfindungen unsrer Seelen auferlegten. Sie schien diess eben so gut als ich zu fühlen, aber verlegen zu sein, wie es anders eingerichtet werden könnte. Sollte, sagte ich endlich, die keusche Luna, deren gute Dienste so oft von den gewöhnlichen Liebhabern angerufen werden, sich nicht erbitten lassen, einem Eingeweihten in den Mysterien der höhern Liebe günstig zu sein? – Warum nicht? erwiderte Faustina lächelnd. Wenigstens gebe ich dir, setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu, meine Einwilligung, wenn du es auf dich nehmen willst, auch mich in diesen erhabenen Mysterien einzuweihen.

Die schlaue Dame hatte mich, wie du siehest, unvermerkt auf einen Weg gebracht, worauf sie ihr mir damals noch unbekanntes Ziel schwerlich verfehlen konnte. Sie erlaubte mir, unter der Leitung der jungfräulichen Göttinderen Liebe zu Endymion ganz gewiss, trotz den Lästerungen der Mytologen, ebenfalls von der Platonischen Art gewesen seidie Sallustischen Gärten auch zu einer ungewöhnlichen Zeit zu besuchen, und liess mich hoffen, dass ich sie zu einer gewissen Stunde, in dem Myrtenwäldchen, das einen kleinen offnen Tempel der Grazien umgab, nicht umsonst erwarten würde.

So viel ich mich erinnere, begünstigte sie mich mit drei oder vier solchen nächtlichen Zusammenkünften. Sie, welche (wie sich's am Ende auswies) nichts dabei wagte, blieb immer sich selbst gleich, immer so heiter und sanft, so herablassend gefällig und teilnehmend als ich sie stets gefunden hatte: aber für meine Apatie19 war diese probe zu stark. Es gab Augenblicke, wo der Drang alles dessen, was ich für sie empfand, meine Brust zu zersprengen drohte; und mehr als Einmal war ich, unter dem fürchterlichen Kampf zwischen dem Ueberschwang des Gefühls, das mich zu ihren Füssen werfen wollte, und der Ehrfurcht und Scham, die mich mit gleich grosser Gewalt zurückzogen, in Gefahr ohnmächtig vor ihr hinzusinken. Aber jedesmal war diess auch der Augenblick wo sie mich, unter dem Vorwande dass mir die Nachtluft nicht länger zuträglich scheine, mit dem Ausdruck der zärtlichsten Besorgniss für meine Gesundheit auf der Stelle nach haus schickte.

Der Mond hörte endlich auf, diese nächtlichen Unterredungen zu begünstigen. Ich konnte mich nicht entalten,