Kaisers zu machen hatte, mit einer Guterzigkeit und schönen Einfalt verbunden, die an einer Römerin von ihrem stand und aus diesem Zeitalter noch unendlichemal überraschender war als der Pytagoraskopf an einem Cyniker, – das alles überschlich mein Herz unvermerkt. Die schöne Faustina ward mit jeder Unterredung schöner in meinen Augen: und da sie mir eben so empfänglich als geneigt schien, ihrem Geist eine Art von Ausbildung geben zu lassen, wodurch sie (wie sie sagte) der Ehre, die Gemahlin eines MarcAurels zu sein, würdiger zu werden hoffte; so liess sich dein alter Schwärmer – das wahre tribus Anticyris insanabile caput17 des Horaz – ohne Bedenken überreden, dieses gefährliche Amt bei einer jungen Fürstin zu übernehmen, deren wahrer Charakter, ungeachtet aller Aufschlüsse, die er durch die Kallippen, Mamilien und Diokleen über das grosse Rätsel des weiblichen Herzens erhalten zu haben glaubte, etwas ganz Neues für ihn war.
Bei allem dem war das, was ich für die liebenswürdige Faustina fühlte, so rein und unschuldig, hatte so wenig Leidenschaftliches, und glich, mit Einem Worte, so sehr der Liebe eines zärtlichen Vaters für eine gutartige Tochter, dass ich unmöglich in die mindeste Unruhe darüber geraten konnte. Aber eben diese Ruhe meines Herzens war es, was Faustinen – welche wirklich (wie du sagtest) einen kleinen schelmischen Anschlag gegen meine Weisheit in der Arbeit hatte, und in der Ausführung ihrer launischen Einfälle ziemlich ungeduldig war – den bösen Gedanken eingab, dass sie schlechterdings die unterste von den drei Seelen18, welche Plato den menschlichen Körper bewohnen lässt, auf ihre Seite ziehen müsse, wenn sie den Triumph über die Apatie ihres Philosophen erhalten wollte, worauf sie nun einmal ihren Sinn gestellt hatte, und worüber es (wie ich in der Folge erfuhr) zwischen ihr und einer vertrauten Freundin eine grosse Wette galt.
Sie veranstaltete es also mit dem Zufall so geschickt, dass ich sie einsmals an einem sehr heissen Tage, in der einsamsten Grotte ihrer Gärten auf einer mit Rosen dicht bestreuten Moosbank, ziemlich leicht bekleidet schlummern fand. Es war der schönste Anblick, der meinen Augen jemals gewährt worden war; wenigstens däuchte es mir so, da die Zeit die Bilder ehemaliger Visionen dieser Art zu matt gemacht hatte, um von dem lebendigen Eindruck der gegenwärtigen nicht ausgelöscht zu werden. Ich verweilte zwar nicht lange: aber meine Apatie war erschüttert; die Erinnerungen an diesen Augenblick schwächten die Gewalt, welche meine Vernunft durch eine vieljährige Uebung in der strengsten Entaltsamkeit über meine Einbildung erhalten hatte; und, wiewohl ich weder jung noch töricht genug war, einer unziemlichen leidenschaft für die Gemahlin eines Marc-Aurels Raum zu geben, so blieb es doch nicht mehr in meiner Macht, sie bei unsern fortgesetzten Zusammenkünften mit so unbefangenen Augen wie ehemals anzusehen.
Diese Veränderung konnte der Prinzessin nicht lange verborgen bleiben. Sie liess zwar nichts davon gewahr werden, dass sie ihren Lehrer bei jeder Zusammenkunft wärmer, belebter und unterhaltender fand; aber sie hielt sich von nun an gewiss, ihre Wette gewonnen zu haben, und beschleunigte die Ausführung ihres Plans. Einsmals fand ich sie mit einem buch auf dem Schooss, in dessen Lesung sie so vertieft schien, dass ich ihr schon ganz nahe war, ehe sie meine Gegenwart bemerkte. Du hättest zu keiner gelegnern Zeit kommen können, sagte sie, um mir zur Gewissheit zu helfen, ob ich die Teorie einer sehr sublimen Dame, die mich schon seit einer halben Stunde unterhält, recht begriffen habe oder nicht. – Das Buch, worin sie las, war Platons Symposion, und also Diotima die Dame, von welcher die Rede war. Diese schöne und geistige Art von Liebe, welche man, mit undankbarer Verschweigung ihrer wahren Erfinderin, die Platonische zu nennen pflegt, ward nun der Gegenstand einer Unterredung, welche mich, der schönen Faustina und einer Gruppe der Grazien von Praxiteles gegenüber, unvermerkt in die Gemütsstimmung meiner ersten Jugend versetzte.
Ich war vielleicht der einzige Mensch in der Welt, der einer Frau, wie diese die ich vor mir hatte, in solchem Ernst und mit so vielem Feuer von der Möglichkeit einer unkörperlichen Liebe zu der liebeswürdigsten aller Frauen, das ist, (wie ich ihr deutlich genug zu verstehen gab), zu ihr selbst, sprechen konnte. Faustina schien eben so vergnügt als verwundert darüber zu sein, zum erstenmal in ihrem Leben einen Mann von einer so feinen und mit ihren Begriffen so übereinstimmenden denkart zu finden: aber sie konnte nicht umhin, dem Schüler der Diotima, mit einer Miene, worin Naivetät und Schalkheit sich zugleich mit einer ihr eigenen Grazie ausdrückten, einige Zweifel über die Möglichkeit, eine so geistige Art von Liebe auf beiden Teilen in die Länge auszuhalten, zu zeigen.
Das Unmöglichste für mich war, in diesem Augenblicke an Kallippen und Mamilien zu denken, die mich über diesen Punkt billig etwas behutsamer hätten machen sollen; und es konnte also nicht fehlen, dass ich in einige Verwirrung geriet, da sie mir mit einem Blicke, der in den Grund meiner Seele zu dringen schien, sagte: wer mit solcher Gewissheit, wie ich, von dieser Sache sprechen könne, müsse Erfahrungen gemacht haben, die ihn dazu berechtigten; und ich würde es sehr verzeihlich finden, wenn sie mir ihre Neugier über diesen teil meiner Lebensgeschichte nicht verbergen könnte.
In der Tat kam sie, nachdem wir einmal so tief in diese Materie gekommen waren, und meine Verwirrung ihr gar leicht meine Aufrichtigkeit hätte verdächtig machen können, mit ihrem Wunsche dem