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gekommen sind, ohne dass weder die zärtliche achtung ihres Gemahls, welche sie bis an ihren Tod besass, noch die ausgezeichneten Ehrenbezeugungen, die der Senat ihrem Andenken erwies, einige Unvorsichtigkeiten vergüten konnten, wodurch sie in ihren jüngern Jahren die Verleumdung gegen sich gereizt hatte. Ich kann mich nicht von dem Vorwurfe frei sprechen, zu einer Zeit, da ihr Charakter einem Mentigen Licht erscheinen musste, selbst nicht wenig dazu geholfen zu haben, dass das Römische Publicum (dessen herrschende Sitten dem Glauben an die Tugend der Frauen vom ersten Rang ohnehin wenig günstig waren) um so geneigter ward, die nachteiligsten Anekdoten, die auf Unkosten der schönen Faustina herumgetragen wurden, glaublich zu finden. Allein, seitdem der Scheiterhaufen zu Alpine den Zunder der Leidenschaften in mir verzehrt hat, sehe ich auch diese liebenswürdige Römerin und ihr Betragen gegen mich in einem andern Lichte, und finde michschon nach dem, was mir selbst mit ihr begegnet istsehr geneigt zu glauben, dass ihr wenigstens durch die Gerüchte, welche sie mit den Poppeen und Messalinen in Eine Linie stellten, grosses Unrecht geschehen sei. Doch, du magst selbst von der Sache urteilen.

Ungeachtet der ungeheuern Grösse der Stadt Rom, und der Schnelligkeit, womit eine unendliche Menge aus allen Weltgegenden zusammengeflogener Menschen, deren jeder seinen eigenen Zweck verfolgte, sich wie Meereswogen durch und über einander herwälzten, war doch der Cyniker, welchen Cejonius aus Aegypten (dem vaterland so vieler Wunderdinge) mitgebracht hatte, eine Erscheinung, die in gewissen Cirkeln eine Art von flüchtiger Aufmerksamkeit erregte. Beinahe ein jeder, der ihn gesehen hatte, wusste irgend etwas Lächerliches oder Seltsames, irgend eine kleine, wahre oder falsche Anekdote von ihm zu erzählen, wodurch diese Neuigkeit aus Afrika dem müssigen Teile des Publicums interessant wurde. Jedermann wollte den Cyniker mit dem Pytagoraskopfe kennen lernen, um sagen zu können dass er ihn auch gesehen habe; und es fehlte wenig, dass man nicht den Kaiser selbst anging, zu befehlen, dass er an dem ersten besten Feste, unter andern eltsamen Tieren, die aus allen Enden der Welt nach Rom zusammengeschleppt wurden, dem volk im Circus vorgezeigt werden sollte.

Es konnte also nicht fehlen, dass endlich auch die Prinzessin, deren stärkste und vielleicht einzige leidenschaft war, immer mit einer neuen Puppe zu spielen, neugierig ward, sich mit meiner Wenigkeit in Bekanntschaft zu setzen. Aber so leicht diess an sich selbst zu sein schien, so hatte die Sache doch ihre Schwierigkeiten; denn man beschrieb ihr das philosophische Wundertier als ungewöhnlich scheu und störrig. Besonders, sagten ihre Kammerfrauen, äussere es eine Antipatie gegen das weibliche Geschlecht, welche, wie man wahrgenommen habe, mit der Schönheit und Jugend der Damen in gleichem verhältnis stehe, und also für die Neugier der Prinzessin gar leicht unangenehme Folgen haben könne. Man erzählte ihr verschiedene Beispiele dieser seltsamen Misogynie16, welche wirklich nicht ohne Grund waren: aber bei Faustinen war diess gerade ein Beweggrund mehr, sich von einer so unglaublichen wirkung der Schönheit durch den Augenschein zu überzeugen. Sie wohnte während der schönsten Monate des Jahres gewöhnlich in den Sallustischen Gärten, deren anmutige Lustwäldchen ich in der heissen Tageszeit öfters zu besuchen pflegte. Ihre Neugier blieb also nicht lange unbefriedigt. Man sagte mir dass sie mich zu sprechen wünschte, und, da ich mich dessen unter keinem schicklichen Vorwande weigern konnte, so liess ich mich, wiewohl ungern, in einen kleinen Gartensaal führen, wo ich sie mit zwei oder drei von ihren vertrautern Gesellschafterinnen bei einer tändelnden Art von Arbeit antraf. Ihre Schönheit, wiewohl sie das untadeligste Modell zu einer Göttin der Liebe abgeben konnte und mit einem einladenden Ausdruck von gefälligkeit und Guteit verbunden war, machte, vielleicht eben dieses Ausdrucks wegen, beim ersten Anblick nur einen schwachen Eindruck auf mich. Aber desto mehr schienen die Damen in ihrer Erwartung getäuscht zu sein, da sie, anstatt eines rauhen, übel gekämmten und ungeschliffnen Cynikers, einen Menschen vor sich sahen, der in guter Gesellschaft gelebt zu haben schien, nach Griechischem Costume anständig gekleidet war, und seinem äusserlichen Ansehen und Betragen nach keine gelegenheit zu den feinen Spöttereien gab, womit sich eine von ihnen zur Belustigung der Prinzessin bewaffnet hatte, und die bei meinem Eintritt schon auf ihren Lippen schwebten. Kurz, ich sah dass der Pytagoraskopf auf den Schultern eines Mannes, den die Venus Mamilia vor dreissig Jahren zu ihrem Adonis gewählt hatte, seine wirkung tat. Aber die Unterredung gewann nichts dadurch an Lebhaftigkeit: und da der Philosoph die gute Meinung, die man auf Empfehlung seines Aeusserlichen von ihm gefasst zu haben schien, durch die Einsylbigkeit seiner Antworten auf alle fragen, die man an ihn richtete, wenig aufmunterte; so wurde er zu seinem grossen Troste ziemlich bald wieder verabschiedet, ohne dass man auch nur den leisesten Wunsch äusserte, die angefangene Bekanntschaft fortzusetzen.

Lucian.

Ich liebe die Abenteuer, die einen so trocknen An

fang haben: und ich müsste mich sehr irren, wenn diese anscheinende Kälte nicht einen geheimen Anschlag gegen deine Weisheit verbarg, der bereits in dem leichten Gehirnchen der schönen Faustina brütete.

Peregrin.

Ich wenigstens war damals weit entfernt, so etwas zu argwohnen. Wir sahen uns indessen nach dieser ersten Zusammenkunft zufälliger Weise noch öfters in den Sallustischen Gärten. Der sanfte Reiz, der alles, was die schöne Faustina sagte und vornahm, wie verstohlner Weise begleitete, ihre immer währende Heiterkeit und Fröhlichkeit, der gänzliche Mangel an allen Ansprüchen, welche sie als die einzige Tochter des