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viel Anteil meine Eitelkeiteine Schwachheit, von welcher ich mich darum nicht frei sprechen möchte, weil ich mir ihres Einflusses auf meine Entschliessung nicht bewusst waran meiner gefälligkeit gegen das unabweisliche Anhalten meines jungen Römers hatte. Der Zauberspiegel in meinem kopf, worin ich alles sah, und so oft falsch sah was die gemeinsten Menschen mit blosser hülfe ihrer Leibesaugen richtig sehen, stellte mir freilich, ungeachtet der wenig geschmeichelten Abschilderungen, die mir mein edler Freund von der Königin des Erdkreises machte, alles ganz anders vor, als ich es in der Folge aus Erfahrung kennen lernte. Ich könnte jetzt noch über mich selbst lachen, wenn ich mich erinnere, mit was für Hoffnungen ich meinen jungen Führer nach Italien begleitete, und wie ich albern genug war, mir einzubilden, dass Peregrinus Proteus von Parium nicht ein Jahr zu Rom gelebt haben werde, ohne eine mächtige Umgestaltung in den Sitten und der Denkart der ausgearteten Quiriten hervorgebracht zu haben. Aber ein Kopf wie der meinige konnte auch nur durch unangenehme Gefühle überführt werden, dass er sich selbst immer zu viel zutraue, und von andern immer mehr erwarte als sie leisten wollten oder konnten. Das erste, worin ich mich hässlich betrogen fand, war der Charakter des jungen Römers, dem ich mich anvertraut hatte. Die frühzeitige kultur, welche seinesgleichen zu erhalten pflegen, gab ihm, sobald er wollte, einen Anschein von Reife, von dem ich mich um so leichter hintergehen liess, weil in der anhänglichkeit, die er mir zeigte, wirklich etwas Persönliches war. Ich schmeichelte mir, einen jungen Mann von so glücklichen Anlagen nach und nach völlig gewinnen zu können, und, da er sowohl durch sein grosses Vermögen als durch die Verwandtschaft seines Hauses mit dem kaiserlichen zu den ersten Stellen im Reiche berufen war, ihn zum Werkzeuge der grossen Reformation zu machen, von welcher ich mir in meiner Einsamkeit zu Alexandrien einen schönen Plan geträumt hatte, dessen Realisirung lediglich von der einzigen kleinen Bedingung abhing, den regierenden teil der Welt in Weise und den gehorchenden in Patrioten zu verwandeln.

Lucian.

Ein artiges kleines Project!

Peregrin.

Unglücklicherweise hatte mein edler Römer, der mich zu Alexandrien mit so vielem Vergnügen über staates- und Sittenverbesserung und über alles, was in dieses Fach (worüber sich so schöne Dinge sagen lassen) einschlug, declamiren hörte, keinen Begriff davon, dass solche Discurse einen andern Gebrauch und Zweck haben könnten, als in müssigen Stunden zu einer leidlichen Unterhaltung zu dienen. Ueberdiess lebte er zu Rom in einem solchen Wirbel von Zerstreuungen, dass ich ihn, ausser dem Tafelzimmer, sehr selten und immer nur auf Augenblicke zu sprechen bekam. Kurz, es zeigte sich in wenig Wochen, dass er, indem er einen Griechischen Philosophen in seinem haus unterhielt, sich eigentlich nur einer damals herrschenden Mode fügen wollte, und dass seine Wahl bloss darum auf mich gefallen war, weil er auf seinen Reisen keinen andern gefunden hatte, der ihm besser anstand, und mit dem er sich zu Rom mehr Ehre machen zu können glaubte. Denn der Contrast, den mein Aeusserliches mit meinem cynischen Aufzug machte, konnte für eine Art von Seltenheit gelten; und der junge Herr schien sich nicht wenig darauf einzubilden, einen Hausphilosophen zu besitzen, von welchem jedermann gestehen musste, dass er einer Büste des Pytagoras, die in seiner Bibliotek parodirte, so ähnlich sehe, als ob sie von ihm abgeformt wäre. Ich habe dir, lieber Lucian, schon zu viel gebeichtet, das meiner Klugheit nicht zur Ehre gereicht, um dir zu verschweigen, dass es eine ziemliche Zeit währte, bis ich über mein verhältnis mit dem edlen Cejonius im Klaren war: aber von dem Augenblick an, da ich es war, hörte auch, meiner alten Gewohnheit nach, alle Gemeinschaft zwischen uns auf. Ich verliess sein Haus auf der Stelle, und, nicht zufrieden, ihm selbst, mit aller Bitterkeit der gedemütigten Eigenliebe, sehr derbe Wahrheiten ins Gesicht gesagt zu haben, glaubte ich der Philosophie noch die Genugtuung schuldig zu sein, öffentlich gegen ihn und die edle Römische Jugend, die ich in seinem haus kennen gelernt hatte, in einem sehr heftigen Tone loszuziehen. Ein Betragen, wodurch ich meinen gewesenen hohen Freund zu bittern Klagen über meine Undankbarkeit berechtigte, und den ersten Grund zu mancherlei Unannehmlichkeiten legte, die ich während meines Aufentalts in Rom zu erdulden hatte. Ohne Zweifel würden die Folgen der Unklugheit, die ich bei dieser gelegenheit zu Tage legte, noch verdriesslicher für mich gewesen sein, wenn Cejonius und sein Anhang sich nicht vor dem erklärten Tronfolger, dem Cäsar Marcus Aurelius, gescheuet hätten, unter dessen unmittelbarem Schutze gewissermassen alle Philosophen des stoischen und cynischen Ordens standen, und unter dessen Hausgenossen ich einige warme Freunde hatte.

Neunter Abschnitt.

Peregrin.

Ich übergehe, um deine Geduld zu schonen, lieber Lucian, verschiedene begebenheiten, die mir in den drei bis vier Jahren, welche ich in Italien, teils zu Rom, teils bei meinen Bekannten auf dem land lebte, zugestossen sind. Aber eine einzige wird dir selbst vielleicht eine Ausnahme zu verdienen scheinen, wenn ich dir sage, dass es nichts Geringeres war, als ein kleines Abenteuer mit der einzigen Tochter des Kaisers, Faustina, welche damals schon einige Jahre mit seinem angenommenen Sohne Marcus Aurelius vermählt war, aber noch in der vollen Blüte der Jugend und Schönheit stand.

Es wird dir nicht unbekannt sein, in was für einen schlimmen Ruf die Sitten dieser Dame bei der Nachwelt