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den Christianern nur anders gestaltet, nicht verdrängt worden war, die Einbildung, oder, wie ich in ganzem Ernste glaubte, das innige Bewusstsein meiner dämonischen natur (welches mich unter keinen Umständen gänzlich verlassen, und dann, wenn ich mich am tiefsten niedergedrückt fühlte, immer am stärksten empor gehoben hatte), um diese Zeit wieder mit neuer Lebhaftigkeit erwachte; dass ich mich kraft derselben lischen Sinne meinem Zeitalter das zu sein, was der Tebanische Hercules dem seinigen gewesen war, und dass diess von nun an die herrschende Vorstellung ward, die mich durch mein übriges Leben führte, und mich zuletzt mit dem Gedanken begeisterte, es auf Herculische Art zu Olympia in den Flammen zu endigen?

Ein so hoher Beruf schien mir eine ganz besondere Vorbereitung zu erheischen. Denn, wiewohl ich bei den Christianern mehrere Jahre lang ein sehr strenges Leben geführt hatte, so warnte mich doch das, was mir mit Schwester Teodosien im gefängnis zu Antiochia begegnet war, zu stark vor der Möglichkeit eines Rückfalls; und ich sah mich, auch ausser diesem, bei der neu erwählten Lebensweise so manchen Anfechtungen anderer Leidenschaften ausgesetzt, dass ich, um dem Dämon in mir eine unbeschränkte Gewalt über den Menschen, an welchen er noch gebunden war, zu verschaffen, es schlechterdings bis zu der vollkommensten Apatie bringen musste, deren ein eingefleischter Genius nur immer fähig ist. Ich musste nicht nur Mangel an allen Bequemlichkeiten und, im Notfalle, selbst an den Bedürfnissen des Lebens, Frost und Hitze, Hunger, Durst und alle Arten körperlicher Schmerzen so leicht ertragen können, als ob es nicht ich, sondern ein andrer wäre, der sie litte; ich musste nicht nur gegen alle Reize der Sinnenlust und gegen alle Arten von Verführung so unempfindlich sein als ein Marmorbild; ich musste es auch gegen die empfindlichste aller Beleidigungen, gegen die Verachtung der Menschen sein. Alles diess erforderte vielfältige und langwierige Uebungen, – Uebungen, welche mir (da es zu meinem Plan gehörte, bei manchen derselben keine Zeugen zu scheuen) von vielen den Namen eines Narren und Wahnsinnigen zuzogen, und zu dem, was dein Ungenannter von Elis (wiewohl mit ziemlicher Ueberladung) davon erzählte, einen sehr natürlichen Anlass gaben.

Ich zweifle sehr ob irgend einer von den heiligen Faunen und Satyrn, von welchen die Tebaide bald nach unsern zeiten bevölkert wurde, seinen Witz zu Erfindung neuer Uebungen dieser Art eifriger angestrengt haben könne als ich. Wirst du es mir wohl glauben, wenn ich dir sage: dass ichum auf allen Fall gewiss zu sein, dass ich auch die probe, worauf die schöne Phryne die Weisheit des Platonischen Xenokrates gestellt haben soll, rühmlich bestehen könntedie Selbstpeinigung so weit trieb, eine der reizendsten Hetären in Alexandrien eine ganze Nacht durch neben mir liegen zu lassen, und dass ich wirklich so viel Gewalt über mich und sie behielt, dass sie sich auch nicht des kleinsten Sieges über meine Entaltsamkeit zu rühmen hatte?

Lucian.

Bravo, Freund Peregrin! Robert von Arbrissel12 ist also nicht nur nicht der erste, der dieses gefährliche Experiment glücklich überstanden hat: er muss dir den Vorzug auch desswegen lassen, weil er es zwischen zwei jungen zuchtvollen Klosterschwestern anstellte; welches ohne Vergleichung leichter war, als neben einer einzigen Priesterin der Venus Pandemos.

Peregrin.

Ich erwähnte dieser Anekdote bloss als einer probe, wie Ernst es mir mit meinen Uebungen war, und wie sauer ich es mir werden liess, meinem Vorbildedem von Epiktet hinterlassenen Ideal eines ächten und vollkommnen Cynikers

Zug für Zug gleichförmig zu werden. Alle diese Sonderbarkeiten zogen mir zwar, wie gesagt, unter einem so verfeinerten und üppigen volk wie die Einwohner von Alexandria waren, einen sehr zweideutigen Ruf zu; aber es fanden sich doch auch mehrere, die den Charakter einer hohen und beinahe mehr als menschlichen Weisheit darin zu sehen glaubten, und von mir als einem neuen Sokrates, Antistenes und Epiktetus sprachen. Auch fehlte es mir (wiewohl Agatobulus selbst sich einige Spöttereien, die von Mund zu Mund in der Stadt herumgingen, gegen mich erlaubt hatte) nicht an Schülern, die von dem Entusiasmus, womit ich ihnen von der Würde, Freiheit und Eudämonie eines nach den strengsten grundsätzen des wahren Cynismus geführten Lebens sprach, um so mehr überwältiget wurden, da sie bei mir eine Uebereinstimmung zwischen Lehre und Ausübung wahrnahmen, welche an der prunklosen Weisheit des von allen Extremen gleich weit entfernten Agatobulus nicht so stark in die Augen fiel.

Ich hatte bereits über zehen Jahre (einige Reisen in Oberägypten und zu den Aetiopischen Gymnosophisten abgerechnet) in dieser Lebensart zu Alexandrien zugebracht, als ich mit einem jungen Römer von Rang und grossem Vermögen, Namens Cejonius, bekannt wurde, der an meiner person und an meinen Reden ausserordentlich viel Geschmack zu finden schien, und, nach langem Widerstand, endlich von mir erhielt, dass ich ihn nach der Hauptstadt der Welt begleitete; welcher es, wie er sagte, seit dem berühmten Demetrius13 (dem Freunde eines Pätus14 und Seneca) an einem mann gefehlt habe, der mitten in diesem unendlichen Strudel von prachtvoller Sklaverei Aufwartungen und Gastmählern, Sykophanten, Schmeichlern, Giftmischern, Erbschleichern und falschen Freunden (wie er die Stadt Rom mit den Worten deines Nigrinus15 schilderte), den Mut hätte, einem jeden die Wahrheit zu sagen, und, unter dem buntesten Gewühl und Gedränge aller Arten von Toren, Gecken und Narren, das Leben eines Weisen zu leben.

Ich kann es ruhig deiner eigenen Schätzung überlassen, lieber Lucian, wie