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zur Beschämung dienen sollte, Nahrung zu ziehen weiss, so schienen besonders die Römischen Magnaten, die in dieser Hauptstadt Aegyptens sehr zahlreich waren, ihre Toleranz gegen manche an sich selbst unangenehme Wahrheiten, welche sie bei gelegenheit von dem Philosophen hören mussten, sich selbst zu keinem geringen Verdienst anzurechnen; aber sie glaubten auch dadurch das Aeusserste getan zu haben, was sich von ihres gleichen erwarten lasse, und hielten sich durch diese Duldsamkeit ihrer an lauter Schmeichelei und Beifall gewöhnten Ohren aller Verbindlichkeit überhoben, in ihren Urteilen oder Handlungen auf besagte Wahrheiten die mindeste Rücksicht zu nehmen. Der gute Agatobulus, wenn seine gefälligkeit gegen die Grossen anders so uneigennützig war als sie es in der Tat zu sein schien, verfehlte also seines Zwecks gerade durch das, was er für das einzige Mittel hielt dieser klasse von Menschen beizukommen. Man liess ihm seine Philosophie hingehen, weil der Witz und die Laune, womit er sie würzte, seine Grillenfängerei (wie sie es nannten) unterhaltend machte; aber um aller Wahrheiten willen, die er ihnen täglich und oft mit grosser Freimütigkeit predigte, geschah nicht eine einzige Torheit, Ungerechtigkeit und Schelmerei weniger in Alexandrien.

Die zweideutige Figur, welche Agatobulus unter diesen Umständen machte, bestärkte mich nicht wenig in dem Gedanken, dass die Philosophie, wenn sie unter so verdorbnen Menschen, als unsre Zeitgenossen waren, wenigstens ihre eigne Würde behaupten wolle, anstatt das Geringste von der Strenge und Austerität der Heroen des cynischen Ordens nachzulassen, sie vielmehr, wo möglich, noch weiter treiben, und den blossen Gedanken verschmähen müsse, den Schleier der Grazien oder den Gürtel der Venus zu entlehnen, um sich zu einer gefälligen Gesellschafterin dieser Menschen zu machen, deren strenge Richterin und unerbittliche Zuchtmeisterin zu sein sie berufen sei. Solche Betrachtungen konnten in einem Menschen meiner Art nicht lange müssig liegen. Die Erfahrungen, durch welche ich in der ersten Hälfte meines Lebens gegangen war, hatten mein Gemüt zu einer Art von Misantropie gestimmt, deren in der Tat nur solche Menschen fähig sind, die, indem sie einem jeden mit Liebe, Zutrauen und Wohlwollen entgegen kamen, entweder allentalben abgewiesen und zurückgestossen wurden, oder, so oft sie sich den lokkendsten Einladungen der Sympatie, den verführendsten Anscheinungen von Aufrichtigkeit und Wahrheit überliessen, sich am Ende so grausam getäuscht und betrogen sahen, wie diess in den wichtigsten Verbindungen meines vergangnen Lebens mein Fall gewesen war. Ich glaubte die Menschen zu hassen; aber im grund war es doch nur der Anteil den ich an ihnen nahm, war es doch nur die Liebe zur Menschheit, was mich zum Entschluss brachte, im ganzen Rest meines Lebens einen Weg einzuschlagen, der, anstatt mich für alles was ich von den Menschen gelitten hatte zu rächen, zu nichts führen konnte als mich selbst, ohne Gewinn für mich oder andere, zum Gegenstand ihres Hasses zu machen. Denn wo anders hin hätte mich die Entschliessung führen sollen, mit freiwilliger Uebernahme alles Ungemachs, das daraus erfolgen könnte, den herrschenden Maximen und Sitten meiner Zeit offene Fehde anzukündigen, und alle meine Reden und Handlungen zu einer immer währenden lebendigen Satyre auf die Torheiten und Laster der Menschen um mich her, und vornehmlich auf diejenigen zu machen, denen alle übrigen zu gefallen und zu schmeicheln beflissen waren?

Lucian.

In der Tat ist die heroische Entschliessung, sein Leben in einem unaufhörlichen Kriege mit den Tormit den Narren und Schelmen seines Zeitalters zuzubringen, kein sonderliches Mittel sich beliebt zu machen, und ich könnte dir davon ein Lied aus eigener Erfahrung singen. Indessen kommt es auch hierin, wie in allen Dingen, auf ein wenig mehr oder minder, und vornehmlich auf die Sinnesart und innere Stimmung desjenigen an, der sich dieser gefährlichen Profession widmet. Ich gebe zu, dass es Fälle gibt, wo die wärmste Liebe zur Menschheit in eine Art von Abscheu vor den Menschen, die uns umgeben, umschlagen kann. Aber ich zweifle sehr, ob diess so leicht ohne Beimischung irgend einer sauren leidenschaft von der eigennützigen Art geschehe; und bei genauerer Untersuchung wird sich wohl meistens finden, dass es gekränkte Eigenliebe, nicht Liebe zur Menschheit ist, was diejenigen, die in der Jugend immer mit Uebermass liebten, im Alter zu Misantropen macht. Ich glaube dir nicht Unrecht zu tun, Freund Peregrin, wenn ich annehme, dass es auch dir so ergangen sei, und dass an dem Heldenmute, womit du die Torheiten und Laster deiner Zeitgenossen bekämpftest, ein wenig Bitterkeit und versteckte Rachbegierde Anteil gehabt habe. Doch gestehe ich gern, dass ich mir an einem zu Selbsttäuschungen so ausserordentlich aufgelegten Sterblichen, auch ohnediess, sehr gut erklären kann, wie der blosse Gedanke, allein gegen das ganze Menschengeschlecht zu stehen, und, als ein neuer moralischer Hercules, sich durch Bekämpfung der sittlichen Ungeheuer, von denen du die Welt verwüstet und geängstiget sahest, den Weg zu den Göttern zu eröffnen, wie dieser Gedanke den Mann, dem bereits zwei grosse Versuche, sich über die gewöhnliche Menschheit emporzuschwingen, so übel misslungen waren, zum irrenden Ritter der cynischen Tugend machen konnte.

Peregrin.

Ich habe mich dir nun einmal Preis gegeben, Lucian, und nach allen Bekenntnissen, die ich bereits abgelegt, würde eine Apologie für die, so ich noch zu tun habe, sehr überflüssig sein. Warum sollte ich dir also nicht unverhohlen gestehen, dass die seltsame ideeoder Grille (wenn du sie lieber so nennen willst), die sich meiner Imagination von früher Jugend an bemächtigt hatte und durch meine Verbindung mit