Sieg erhielt, und Supplicant mit seinem unstattaften Begehren zur Ruhe verwiesen wurde.
Dieser Handel brachte mich dahin, meine tägliche Ausgabe vor der Hand von vier Obolen auf zwei zu beschränken; bis es bald genug so weit mit mir kam, dass ich mich, um meinen Unterhalt von niemand als eine Wohltat zu erbetteln, entschliessen musste, täglich in den Hafen herabzusteigen, und durch einige Stunden harter Arbeit so viel zu verdienen, dass ich dem Hunger wehren konnte. Ich hatte diese Lebensart bereits eine geraume Zeit, zu grossem Vorteil meiner Gesundheit, getrieben, als ein ganz unvermuteter Zufall mich mit einem Cyprischen Kaufmanne zusammenbrachte, welchem ich vor mehr als zehen Jahren, in einer Verlegenheit, worein er, an einem Orte wo ihn niemand kannte, geraten war, auf die blosse Bürgschaft seiner Physiognomie, oder vielmehr ohne jemals auf Wiedererstattung zu rechnen, fünftausend Drachmen geliehen hatte. Wiewohl diess keine erhebliche Summe war, so war doch der Dienst, den ich dem Cyprier dadurch leistete, damals von der äussersten Wichtigkeit für ihn; und da ich darauf bestand, ihm meinen Namen zu verbergen, so bestand er nicht weniger hartnäckig darauf, dass ich ihm versprechen musste, wenn er jemals so glücklich wäre mich wiederzufinden, so wollte ich mich nicht weigern das Doppelte von ihm anzunehmen. Wie wenig liess ich mir damals einfallen, dass ich diesen Mann in meinem Leben wiedersehen würde! Und nun liefen wir einander, nach elf oder zwölf Jahren, unverhofft am Ufer von Alexandrien in die hände, und glücklicherweise musste es sich fügen, dass die Physiognomie des Cypriers die Wahrheit gesagt hatte. Seine hände, mich wiederzufinden war so gross, als ob er alle sechs Zauberringe deines Timolaus11 auf einmal gefunden hätte; aber sein Erstaunen war es nicht weniger, mich in Umständen zu sehen, worin mancher andere sich erlaubt hätte, einen ehemaligen Wohltäter nicht wieder zu erkennen. Der Cyprier verkannte mich nicht. Er sagte mir, er wäre ein sehr reicher Mann; aber die Hälfte seines Vermögens würde nicht hinreichend sein, ihn seiner Verbindlichkeit gegen mich zu entbinden: – kurz, er nötigte mich auf die edelste Art, nun auch an meiner Seite die Bedingung, unter welcher er meine Wohltat angenommen, zu erfüllen, und die Summe, die ihn gerettet hatte, doppelt von ihm zurückzunehmen. Ueberdiess sagte er mir auch seinen Namen und den Ort seines gewöhnlichen Aufentalts, und drang mir das Versprechen ab, wenn ich mich jemals wieder in Not befände, ihm vor allen andern Freunden, die ich haben könnte, den Vorzug zu gönnen. Ich sagte es ihm zu, machte aber nie Gebrauch davon. Mit zehntausend Drachmen war ich nun, für einen cynischen Philosophen, ein Crösus. Ich überrechnete, wie weit ich damit reichen würde , wenn ich meine tägliche Ausgabe auf vier bis fünf Obolen festsetzte; und da ich nicht gesonnen war länger als bis zum sechzigsten Jahre zu leben, so fand sich, dass ich ohne irgend einen ausserordentlichen Zufall meinen wackern Cyprier nicht weiter nötig haben würde.
Der weise Agatobulus, dessen Ruf mich nach Alexandrien zog, erfüllte zwar die Vorstellung nicht ganz, die ich mir auf das Wort meines Freundes Dionysius von ihm gemacht hatte: und daran waren beide allerdings gleich unschuldig; denn welcher Sterbliche hätte einer Einbildungskraft wie die meinige ein Genüge tun können? Indessen war er doch unter den Lehrern der damaligen Alexandrinischen Schule der einzige, der mir einige anhänglichkeit an seine person einflösste. Agatobulus ist mit gleich wenigem Rechte bald unter die Epikuräer, bald unter die Cyniker gezählt worden; denn er war im grund keiner Secte zugetan. Er schien das Ideal des Weisen, welches er sich selbst zum Kanon vorsetzte, aus dem, was ihm an mehrern Einzelnen das Schönste dünkte, wie Zeuxis seine Helena, zusammengesetzt zu haben; und, wenn er ja mit einem von den Alten verglichen werden müsste, so hätte man ihn einen Aristipp in Gestalt eines Stoikers nennen können. So wie man ehemals von Sokrates sagte, dass er die Philosophie vom Himmel herabgerufen, und sie mit den Menschen umzugehen und an den mannichfaltigen Verhältnissen ihres häuslichen und bürgerlichen Lebens Anteil zu nehmen gelehrt habe: so konnte man von Agatobulus sagen, er habe die Lebensweisheit des Diogenes in die gute Gesellschaft eingeführt, und, indem er die Strenge ihrer Maximen auf eine ihm eigene Art mit Urbanität und Grazie zu mildern wusste, Wahrheiten und Tugenden, welche sich gewöhnlich in den Cirkeln der Glücksgünstlinge weder hören noch sehen lassen können ohne überlästig oder lächerlich zu sein, selbst dieser am meisten verfeinerten, und eben darum verderbtesten klasse von Menschen ehrwürdig oder wenigstens erträglich gemacht. Da er ohne Leidenschaften war, und sich von Jugend an der strengsten Ausübung der stoischen und cynischen Grundsätze ohne Mühe unterworfen hatte, so war es ihm ein Leichtes geworden, seine Sitten unter den Weltleuten rein zu erhalten. Er stand von der üppigsten Tafel eines Römischen Ritters so nüchtern auf als von einem Sokratischen Mahle, und die reizendste Gaditanische Tänzerin liess seine Sinne so ruhig als eine sechzigjährige Vestalin. Kurz, Agatobulus lebte die Weisheit die er lehrte, weil sie ihm eben so leicht auszuüben war als das Atemhohlen und Verdauen einem gesunden Menschen; und eben diese Leichtigkeit, die von der prunkvolle Gravität und steifen Pedanterie seiner meisten Professionsverwandten so stark abstach, war die Ursache, warum die vornehmsten Römer und Griechen zu Alexandrien sich in die Wette beeiferten, ihn zum Tischgesellschafter zu haben. Wie die Eitelkeit der Menschen aus allem, sogar aus dem, was ihr