so war doch etwas in seinem individuellen Charakter, das er mir vor allen übrigen voraus zu haben schien, und das mir durch die anhänglichkeit, die ich selbst für ihn empfand, – ich, der ihn weder gesehen noch gehört hatte, die unbeschreibliche Liebe begreiflich machte, womit diejenigen, die mit ihm gelebt hatten, bis an ihren Tod an ihm hingen. Du siehest also, Freund Lucian, dass der Cynismus, zu welchem ich von diesem Augenblick an so leicht überging als man einen Rock mit einem andern vertauscht, im grund eine ziemlich christianische Miene hatte; und ich möchte nicht dafür stehen, dass es nicht abermals ein unversehener Streich meiner Einbildungskraft war, die Sokraten, Diogenen und Epikteten mit einem so schönen Ideal zu gruppiren, und durch das Licht, das von ihm auf sie zurückfiel, sie desto würdiger zu machen, von dieser Zeit an meine Helden zu sein.
Lucian.
Du bedarfst bei mir keiner Entschuldigung deiner Apostasie, Peregrin; aber ich begreife, dass du damals einiger Entschuldigung bei dir selbst nötig haben konntest.
Peregrin.
Weniger als du glaubst. Denn in der Tat ward ich durch diesen Uebergang zu einem Cynismus, worin ich aller Wahrscheinlichkeit nach das einzige Exemplar in der Welt war, keiner meiner vorigen Gesinnungen ungetreu; und, die gnostische Geisterlehre des Kerintus ausgenommen, blieb in meinem inneren Mikrokosmos alles wie es war. Aber auch jene Träumereien waren schon lange zuvor, ohne eine Spur in meinem kopf zurück zu lassen, in dem nämlichen Augenblicke verschwunden, da ich erfuhr, dass mein Prophet derselbe Mann sei, der vor einigen Jahren mit einer Bande Isispriester in der Welt herumgezogen war. Alles, was sich also (wenn ich anders eine stimme über mich selbst habe) von der Sache mit Wahrheit sagen lässt, ist diess: dass mein Christianismus das reinigende Mittel war, durch welches ich gehen musste, um des hohen Cynismus fähig zu werden, zu welchem ich mich von dieser Epoche an eben so warm und aufrichtig, wie vormals zu meinen magischen, erotischen und teosophischen Schwärmereien,
Dionysius, der zu Mitylene Geschäfte hatte, begleitete mich bis dahin. Wir schieden als Freunde, die sich wiederzusehen hofften; und diese Hoffnung wurde in der Folge mehr als Einmal erfüllt.
Wie ich nach Parium zurückkam, fand ich überall eine sehr kalte Aufnahme. Ich erklärte mir die Sache anfangs als etwas ganz Natürliches, aus der Verachtung, welche die Einwohner einer Handelsstadt gegen einen Mitbürger fühlen mussten, der ein grosses Vermögen, in einer Zeit, worin der geringste von ihnen es duplirt und tripliert haben würde, so heilloserweise durchgebracht hatte. Aber es fand sich bald, dass mein Credit in Parium noch viel schlimmer war als ich mir einbildete. Meine Verwandten, deren Erbitterung gegen mich durch den Ausgang ihrer zu Antiochien angebrachten Klage auf den höchsten Grad gestiegen war, hatten unter der Hand, durch allerlei heimliche Kunstgriffe, unter das Volk gebracht: man habe Anzeigen, dass es mit dem plötzlichen tod meines Vaters nicht richtig zugegangen sei. Bald darauf hiess es: man sei der Sache näher auf die Spur gekommen; man sprach von einem Sklaven, den ich vor meiner Entfernung von Parium frei gelassen, und der bald darauf verschwunden war. Endlich flüsterte man einander in die Ohren: es wäre leider nur zu gewiss, dass Peregrin selbst der Täter sei. Unvermerkt wurde davon als von einer ausgemachten Sache gesprochen, wovon die Familie die Beweise in den Händen hätte; und man nannte schon einen Tag, da die Klage gegen mich öffentlich angebracht werden sollte. Jetzt wollte jedermann so klug gewesen sein, etwas von der Sache geahndet zu haben; jedermann hatte, als mein Vater tot war und begraben wurde, und bei Eröffnung des Testaments, und bei zwanzig andern Gelegenheiten irgend einen verdächtigen Umstand wahrgenommen; und nun klärte sich's auf, warum ich ohne irgend eine begreifliche Ursache mich selbst aus Parium verbannt hatte, und als ein von den Furien hin und her getriebener Vatermörder in der Welt herumgeirret war.
Als mir diese Gerüchte endlich zu Ohren kamen, erriet ich, ohne ein Oedipus zu sein, sehr leicht, aus welcher Quelle sie geflossen, und was meine Intestaterben damit zu gewinnen hofften. Sie wussten sehr wohl, dass sie nicht beweisen konnten was nicht geschehen war: aber sie kannten die Wirksamkeit dreister Verleumdung bei einem ohnehin schon gegen mich eingenommenen volk, und sie glaubten auch mich zu kennen. Kurz, sie zweifelten nicht, ich würde aus Verdruss und Unwillen über eine so wenig verschuldete Aufnahme bald wieder davon gehen, und sie dadurch berechtigen, zu sagen: die Furcht vor der Anklage und vor der Strafe, welcher ich nicht anders hätte entgehen können, habe mich zur Flucht getrieben. Sie würden dann (wie sehr wahrscheinlich zu vermuten war) dem Abwesenden wirklich den Process gemacht, und, da sie in Parium einen grossen Anhang hatten, meine ewige Landesverweisung und die Einziehung meines noch übrigen Vermögens ohne Mühe ausgewirkt haben.
Ich hatte diesen geheimen Anschlag kaum erraten, als mir plötzlich ein Mittel, ihn auf einmal zu wasser zu machen, einfiel, welches, so einfach es auch in meinen Augen war, schwerlich einem andern Parianer an meinem platz in den Sinn gekommen wäre. Ich erschien bei der ersten öffentlichen Volksversammlung im ganzen Costume eines Cynikers, bestieg den Redestuhl, und hielt eine Anrede an meine Mitbürger, worin ich ihnen mit Wenigem von meiner zweimaligen langen Abwesenheit Rechenschaft gab, und, nach einer öffentlichen Profession meiner Grundsätze