) grösser erscheinen würden als sie sind. Was die natürliche Folge von diesem allen sein müsste, brauche ich dir nicht zu sagen: aber ob es dann so leicht, oder nicht wohl gar unmöglich sein dürfte, die Verbindungen, welche du in der ersten Schwärmerei des Herzens mit diesen guten Leuten eingegangen wärest, wieder aufzuheben, ist eine Frage, deren Beantwortung du nicht auf den Erfolg ankommen lassen darfst. Wenn also mein Rat etwas über dich vermöchte, so folgtest du meinem Beispiel, und brächest, nachdem du dich doch einmal durch einen Sprung aus dem Fenster von dem Propheten Kerintus losgemacht hast, alle fernere Gemeinschaft mit den Christianern ab. Das was du suchest, lieber Peregrin, ist weder hier noch dort, weder bei dieser noch bei jener Partei oder Secte: es ist in dir selbst oder es ist nirgends."
Verzeihe, Freund Lucian, wenn ich vielleicht in Anführung dieser Rede meines klugen und wohlmeinenden Wirtes zu weitläufig gewesen bin, wiewohl ich nur das Wesentlichste, dessen ich mich erinnere, ausgezogen habe. Aber ich hielt es für nötig, weil diese Vorstellungen, und die Gewalt, die sein Geist unvermerkt über den meinigen erhielt, in den acht Tagen, welche ich bei ihm zubrachte, eine Veränderung in mir bewirkten, die in der geschichte meines Lebens Epoche macht. Denn es gelang ihm nicht nur, mir das neue Project, worauf sich meine Phantasie geworfen hatte, gänzlich auszureden; sondern er war es auch, der die Entschliessung in mir veranlasste, sobald ich meine häuslichen Angelegenheiten zu Parium ins Reine gebracht haben würde, zu dem weisen Agatobulus nach Aegypten zu reisen, und in vertrauterem Umgang mit diesem mann (welchen er mir als einen sehr vortrefflichen Menschen und als das Muster eines ächten Cynikers beschrieb) mich in der einzigen Lebensweise vollkommen zu machen, wobei ich, vermöge der Selbstkenntniss wozu mir die Erfahrung verholfen hatte, glücklich zu sein hoffen konnte.
"Wärest du, sagte mir Dionysius kurz zuvor ehe wir von einander schieden, wärest du ein weniger ungewöhnlicher Mensch, Peregrin, so würde ich dir vorgeschlagen haben, ob du nicht bei mir zu Lindus bleiben, und an dem kleinen Handel, womit ich mich (um nicht ganz müssig zu gehen) beschäftige, Anteil nehmen wollest. Aber du bist nun einmal nicht dazu gemacht, auf irgend einem gebahnten Wege durchs Leben zu ziehen, und es wäre vergeblich, zu erwarten dass du hierin jemals deine natur ändern werdest. Ich sehe zwei Grundzüge in deinem Charakter, die dich unvermeidlich bestimmen, so lange du lebst, und vielleicht (setzte er lachend hinzu) in deinem tod selbst, ausserordentlich zu sein. Du strebest nach einem Lebensgenuss, den nur innere Vollkommenheit geben kann; und wiewohl du, durch den Zauber einer unaufhörlich geschäftigen Einbildungskraft, dein bisheriges Leben in lauter Verblendung und Täuschung zugebracht hast, so kenne ich doch wenige, und vielleicht niemand, der die Wahrheit so leidenschaftlich liebt wie du, und für den es ein grösseres Bedürfniss wäre, sich in ihrem Besitz zu glauben. Für einen solchen Menschen ist meines Erachtens nur Ein Mittel sich zu retten. Er muss sich von allen Banden der bürgerlichen Gesellschaft sowohl als von allen besonderen Verbindungen gänzlich loswickeln, und, um allentalben, immer und im höchst möglichen Grade unabhängig zu sein, sich schlechterdings auf die unentbehrlichsten Bedürfnisse des Körpers einschränken, und gegen allen äusserlichen Reiz von Vergnügen und Schmerz, so wie gegen die Urteile der Menschen, ihren Beifall oder Tadel, ihre Verehrung oder Verachtung, gleichgültig zu werden suchen. Auf diesem Wege wird er unfehlbar mit allem, was lebt und ist, in das reinste verhältnis kommen, und, frei von Wahn und leidenschaft, in ungestörtem Selbstgenuss und unumschränktem Wohlwollen, sich selbst in allem und alles in sich selbst fühlend, der göttlichen natur so gleichförmig werden, als die menschliche dessen fähig ist. Es steht mir wohl nicht zu, dich zu einer Lebensweise aufzumuntern, zu welcher ich selbst weder Lust noch Fähigkeit habe: aber, wenn dich die Schwierigkeiten des Weges, worauf es deines gleichen vielleicht zu dieser Vollkommenheit bringen können, nicht abschrecken, so bin ich versichert, dass es das Vernünftigste ist, was du in deiner Lage und mit einer Sinnesart, wie die deinige, unternehmen kannst."
Wie du siehest, Lucian, war es weder mehr noch weniger als das Ideal, das du in deinem Cyniker aufgestellt hast, was, nach der Meinung meines Freundes Dionysius, die wahre Bestimmung des ehemaligen Günstlings der Mamilien und Diokleen sein sollte. Seltsam genug! aber vielleicht noch seltsamer, dass dem Günstling der Mamilien und Diokleen nichts einfacher und einleuchtender schien als dieser Gedanke. Er schmiegte sich so schön an meine eigensten und innigsten Lieblingsideen an, passte so gut zu meinen Umständen, und die Ausführung war so ganz in meiner Gewalt! – Ueberdiess schien mir dieser reine, hohe Cynismus von dem ursprünglichen Institut der Christianer so wenig in irgend einem wesentlichen Punkte verschieden zu sein, dass er, auch in dieser Rücksicht, die einzige Partei war, die ich, ohne meinem Gefühl zu widerstreben, ergreifen konnte. Denn wiewohl mich Dionysius, in einer besonderen Unterredung über die person des Stifters jenes Instituts, von seiner Meinung zu überreden suchte, dass er (abgezogen, was vernünftigerweise nur als poetische Auschmückung seiner geschichte zu betrachten sei) mit allen andern eminenten Weisen, deren beinahe jedes namhafte Volk in der Welt sich wenigstens Eines rühmen könne, in eben dieselbige Linie zu stellen sei: