das Ausserordentliche in deinem Leben, und besonders die seltsame Art wie du es zu endigen vorhattest, aufzuschliessen schien. Indessen gestehe ich offenherzig, dass ich kein Bedenken trug, die Erzählung des Ungenannten mit verschiedenen Anekdoten, die ich zu verschiedenen zeiten und Gelegenheiten aufgelesen hatte, vollständiger zu machen. Auch kann ich nicht läugnen, dass das Orakel des Bakis34, welches ich ihn dem Spruch der Sibylle stehendes Fusses entgegen setzen liess, eine Verschönerung von meiner eigenen Erfindung war.
Peregrin.
Man kann, denke ich, immer darauf rechnen, dass Schriftsteller, denen es mehr um Beifall als um strenge Wahrheit zu tun ist, sich eben kein Gewissen daraus machen werden, der Composition zu Liebe manchen Eingriff in die Rechte der letzteren zu tun. Ein Bisschen Unwahrheit und Ungerechtigkeit mehr oder weniger, wenn es darauf ankommt einen witzigen Einfall anzubringen oder eine Periode zu ründen, ist eine sehr unbedeutende Kleinigkeit in ihren Augen. Wer das Unglück hat, der Gegenstand einer Philippika35 zu sein, muss freilich unter diesem hergebrachten Vorrecht witziger Schriftsteller leiden: dafür aber befinden sich auch die Glücklichen, denen Lobreden zu teil werden, desto besser dabei, und gewinnen oft, eben so unverdienterweise, doppelt und dreifach wieder, was jene verloren haben. Ich kann also, da du mein Bild von Teagenes vergolden, von dem Unbekannten hingegen mit Kot übertünchen liessest, immer eines gegen das andere aufgehen lassen: aber es bleibt mir noch eine andere kleine Beschwerde übrig, gegen welche es vielleicht schwerer sein dürfte, deine Unparteilichkeit hinlänglich zu rechtfertigen.
Lucian.
Vermutlich, dass ich so leicht über die Rede wegging, die du selbst wenige Tage vor der Ceremonie an die Versammlung zu Olympia hieltest?
Peregrin.
Und worin ich mich, wie du dich erinnern wirst, über alle zweideutigen Stellen meiner Lebensgeschichte umständlich genug vernehmen liess. Wie kam es, dass der grosse Freund der Wahrheit – der so gewissenhaft war, von allem was der Unbekannte zu meinem Nachteil vorgebracht hatte, kein Wort auf die Erde fallen zu lassen – von allem was ich selbst zu meiner Rechtfertigung sagte, und was als die letzte Erklärung eines Sterbenden doch immer einiger Aufmerksamkeit wert war, nicht ein einziges armes Wörtchen vom Boden aufzuheben würdigte? Denn dass die angeführte Entschuldigung – "du wärest, der Menge und des Gedränges wegen, zu weit entfernt gewesen, um etwas davon zu verstehen" – nicht eine blosse Ausrede gewesen sei, werden sich unbefangene Leser schwerlich überreden lassen.
Lucian.
Aufrichtig zu reden, lieber Peregrin, ich zweifle sehr, ob du damals, wenn du von mir hättest reden oder schreiben sollen, gerechter gegen mich gewesen wärest als ich gegen dich. Wir waren beide zu ganz das was wir waren, ich zu kalt, du zu warm, du zu sehr Entusiast, ich ein zu überzeugter Anhänger Epikurs, um einander in dem vorteilhaftesten Lichte zu sehen. Ein inniges Gefühl von Verachtung war mit dem Begriff eines Schwärmers (unter welchem ich mir unmöglich etwas andres als entweder einen Narren oder einen Spitzbuben denken konnte) zu genau in mir verbunden, um nicht, selbst auf eine instinctmässige Weise, bei solchen Gelegenheiten auf mich zu wirken. Ich hatte weder achtung noch Neugier genug für das, was du dem volk vortrugst, um mich, mit Gefahr halb erdrückt zu werden, durch die Menge von Menschen, welch Kopf an Kopf um die Redekanzel herum standen, näher hin zu drängen – oder mich früh genug eines Platzes neben ihr zu versichern. Es war also die reine Wahrheit, da ich sagte ich hätte wenig oder nichts von deiner Rede verstanden, und erst, als viele, die es in dem erstickenden Gedränge nicht mehr aushalten konnten, sich mit Händen und Füssen wieder herausarbeiteten, fand ich gelegenheit, nahe genug zu kommen um den Schluss derselben zu hören. Um so mehr wirst du mich demnach verbinden, guter Peregrin, wenn du mir durch die versprochnen Berichtigungen deiner geschichte zu einer unverfälschten Kenntniss deines Charakters verhelfen willst. Wenn dir's gefällt, so setzen wir uns dazu unter diesen Platanus, der jenem Sokratischen am Ufer des Ilyssus so ähnlich sieht.
Peregrin.
Sehr gern. Höre also, was ich dir von meiner Jugend, von meinen ersten Wanderungen, meiner Gemeinschaft mit den Christianern, meinem Uebergang zu den Cynikern, meinem Aufentalt in Alexandrien, Rom und Aten, und endlich von den Bewegursachen, warum ich meinem irdischen Leben ein so ausserordentliches Ende machte, mit aller Aufrichtigkeit, die eine natürliche Folge unsers gegenwärtigen Zustandes ist, erzählen werde. Es kommt, wie du weisst, bei den Menschen nicht weniger als bei den Pflanzen, sehr viel wo nicht alles darauf an, in welchem Boden und unter welchen Einflüssen die zartesten Fasern ihrer aufkeimenden natur entwickelt und genährt worden sind. Du wirst mir also erlauben, lieber Lucian, meine geschichte, wie jener Dichter die Zerstörung des Trojanischen Reichs, vom Ei anzufangen.
Erster Abschnitt.
Peregrin.
Parium, wo ich geboren wurde, war eine Römische Pflanzstadt in der Provinz Mysien auf der östlichen Küste des Hellesponts, die durch ihre Lage an einem kleinen Busen der Propontis, der ihr zum Hafen diente, und durch die Betriebsamkeit ihrer Einwohner zu einer der blühendsten Städte dieser Gegenden geworden war. Mein Vater war ein Kaufmann, den seine Geschäfte zu häufigen Reisen veranlassten; und da er weder Zeit noch Lust hatte, sich meiner Erziehung selbst anzunehmen, willigte er desto lieber ein, mich, sobald ich die weiblichen Zimmer verliess, der Aufsicht und