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ich sie gern dafür hätte küssen mögen. – "Aber ich sollte beinahe nicht daran zweifeln." – "Nun gut," sagte ich, indem ich den beschwerlichen Escobar neben mich legte: "so will ich mich nächstens mit ihr darüber besprechen;" und fuhr nun fort mich mit dem ehrlichen Pater Bauny, den ich noch in der andern Hand hatte, weiter zu unterhalten. – Ich tat sehr wohl daran, und Escobar kann es mir wahrlich nicht übel nehmen; denn ich hatte noch gar nicht lange in der Somme de pechés seines Kollegen gestört, so fand ich unvermutet eine der grössten Bedenklichkeiten meiner kleinen Unschuldigen so deutlich entwickelt, und so gründlich beantwortet, dass es das unerfahrenste Kind verstehen konnte. – "O, treten Sie einen Augenblick näher, liebe Kleine," rief ich ihr zu. "Fragten Sie mich nicht vorhin auf mein Gewissen, ob es rechtob es erlaubt sei, ohne Vorbewusst Ihrer guten Tante und Ihres Seelsorgers, über das schönste Eigentum, das Sie besitzen, über Ihre person, nach Belieben zu schalten und zu walten? Ich läugne nicht, mein gutes Klärchen, und Sie müssen mir es angesehen haben, dass mich Ihre Frage nicht wenig stutzig machte. Wie lieb ist es mir, dass Sie mich gar nicht dazu kommen liessen darauf zu antworten! denn gründlicher hätte ich es unmöglich tun können, als der rechtschaffene Pater B a u n y , dessen Ausspruch auch in dieser Sache alles entält, was darüber zu sagen ist. hören Sie nur: Lorsqu'une fille qui est en la puissance de son père et de sa mère se laisse ... Werden Sie doch nicht gleich über alles rot, närrisches Kind! Das folgende Wort ist freilich nicht eben manierlich; aber Sie haben Sich gewiss noch ein ärgeres gedacht: se laisse corrompre, ni elle, ni celui, à qui elle se prostitue ... Ich gebe zwar gern zu, liebes Klärchen, dass ein Dichter wie Bernard zum Beispiel, dieselbe Sache ungleich reizender vorzustellen gewusst hätteInzwischen kommt es darauf nicht an, und ein Arzt der Seele, wie des Körpers, ist schuldig bestimmt zu reden, sobald er in solchen Dingen um Rat gefragt wird ... Aber wo bin ich denn stehen geblieben?" – "Bei prostitue," sagte Klärchen. – Ich fuhr also fort: "ne font aucun tort au père ni à la mere" – "Viel weniger also denen, die ihre Stelle vertreten. – Sie verstehen doch das, liebes Kind?" – "O, ja," antwortete sie, "es ist ja deutlich genug." – "et ne violent point," las ich weiter, "la justice à leur égard parcequ'ellesehr richtigest en possession de sa virginitéund da dieser Grund, nach der natur der Sache, mehr als Einmal nicht anwendbar ist, so ist das darauf folgendeaussi bien que de son corps nichts weniger als überflüssig, dont elle peut, faire ce que bon lui semble, à l'exclusionwas dächten Sie, Klärchen? de la mort, ou ... lieber Pater Bauny! wie in aller Welt kommen Sie darauf? – du retranchement de ses membres. – Da bewahre uns Gott vor!" sagte ich ganz erschrocken: "Da müsste es doch wohl sehr arg hergehen, wenn das einem von uns beifallen sollte." "Lesen Sie mir doch diese wichtige Stelle noch einmal vor," sagte Klärchen, indem sie mit dem Finger auf das Buch tippte: "aber nur den reinen Text ohne Anmerkungen." – "So oft Sie wollen, meine Beste," antwortete ich, "und so rein als er da steht," fasste zugleich beim Lesen ihre Hand, als ob ich ihr die Empfindung mitteilen wollte, die, wie ein elektrisches Feuer, aus dieser lehrreichen Schriftstelle auf mich überströmte, fühlte auch wirklich bei dem Worte virginité ein gemeinschaftliches Zucken, das einer Kommotion nicht unähnlich war.

Klärchen nahm mir das Buch aus der Hand, sobald wir zum zweitenmale über die Auflösung dieses wichtigen Zweifelpunktes glücklich hinaus waren, setzte sich mit dem ehrwürdigen Pater in eine Ecke, und schien sich noch einige Seiten weiter mit ihm zu unterhalten, die hoffentlich die Sache nicht verdorben haben. In der Zwischenzeit ruhte ich ein wenig von meiner Vorlesung aus, sass stillschweigend und nachdenkend gerade ihr gegenüber, und wusste mich gar nicht recht in die anscheinende Heiterkeit und Seelenruhe dieses sonderbaren Mädchens zu finden, das mir je länger je unerklärbarer ward. Hätte man nicht von der liebenswürdigen Unwissenheit, die sie mit in die Bibliotek brachte, nach allen Regeln der Metaphysik erwarten sollen, dass der Zufluss der vielen neuen Begriffe, den sie schon in den wenigen Zeilen erhielt, die ich vorlas, sie für alles weitere Nachschlagen bange machen, ihr die Adern auftreiben, und den Kopf sprengen würden? War es nicht höchst wahrscheinlich, dass eine so bewährte Heiligkeit als die ihrige, über die zwar sehr zweckmässigen, aber doch ganz ungewählten Ausdrücke des vorigen rauhen Jahrhunderts sich entsetzendass ihr verschämtes Blut sich empören, und das liebe Kind endlich in die Verlegenheit kommen würde, weder mir, noch ihren Schiedsrichtern frei unter die Augen zu sehen? Konnte ich nicht mit einigem grund fürchten, oder hoffen, wie Du willst, dass sie sich weit eher unter einem Strome von Tränen von ihrem