1791_Thmmel_094_97.txt

über Ihr voriges unbilliges Misstrauen ein wenig zu beschämen. Ich will mich nicht hinter meinem Glauben verstecken wie Sie. Die Schiedsrichter, die Sie Sich wählen werden, sollen auch die meinigen sein. Mögen Sie mir auch alles aus den Händen spielen, worauf mir Papst Alexander ein Recht gab; war ich doch selbst auf dem Wege Verzicht darauf zu tun, wenn Sie mich hätten gehen lassen, liebes furchtsames Klärchen. Doch das ist vorbei! Ich erzeige desshalb Ihren Bedenklichkeiten noch dieselbe Ehre als vorher. Sie sind wahrlich von der grössten Wichtigkeit, und es wird mir immer eine Freude machen, dass ein so junges liebenswürdiges Mädchen aus eigenem Instinkt darauf gefallen ist. – Das sage ich Ihnen offenherzig; ob ich gleich mit einiger Wehmut voraus sehe, dass, so lange solche in ihrer Kraft bestehen, wir nimmermehr bis an die lieblichen Indulgenzen des Papstes gelangen können. Doch das ist jetzt mehr Ihre Sache als die meinige, da ich Ihnen ganz überlasse, Sich den heiligen Kniegürtel eigen zu machen, auf welche Art Sie und Ihre Ratgeber für gut finden. – Kann man sich wohl billiger erklären?" – "Nein, gewiss nicht," antwortete Klärchen: "Ich bin auch recht gerührt von Ihrer Güte; aber sein Sie versichert, dass ich auf meiner Seite alles tun werde, was ich mit gutem Gewissen tun kann. Denn ich bin weit entfernt, Sie um eine Kostbarkeit betrügen zu wollen, deren Wert niemand mehr schätzen kann als ich." – "Aber möchten wir nicht," unterbrach ich sie, indem ich ihr meinen Arm reichte, "noch einmal, unterweges, die Schwierigkeiten überzählen, über die Sie eigentlich Auskunft nötig haben? In einer grossen Bibliotek ist das beinahe notwendig; denn sonst kann man sich darin verlieren, um nicht wieder heraus zu kommen. So viel ich mich erinnere, sind Sie erstlich wegen des schönen, mir unvergesslichen Anblicks unruhig, den Sie mir bei der Auswechselung der Bänder doch zu vergönnen genötigt waren, wenn ich Ihnen den heiligen Kniegürtel, auf seine gehörige Stelle, umbinden sollte; – nicht wahr, meine Beste?" – "Ja mein Herr," antwortete sie, "freilich, liegt mir das recht schwer auf dem Herzen." – "Und Sie haben sehr Recht," versetzte ich, "dass Sie Sich darüber in zeiten zu verständigen suchen; denn wie wollen wir übermorgen sonst fertig werden? Und nun," fuhr ich fort, "was war denn Ihre zweite und dritte Frage, die mir nicht eben so gut mehr erinnerlich sind?" – "Aber mir desto mehr," antwortete sie. "Sehen Sie das eine ist die Angst, die ich habe, ob ich mich nicht mit Ihnen in der nahen gelegenheit zu sündigen befinde: denn davor, kann ich Ihnen sagen, hat mich mein Katechismus vor allen andern gewarnt, und es ist mir also nicht zu verdenken, dass ich darüber genaue Erkundigung einziehe." – "Nicht mehr als billig," versetzte ich: "es soll mir selbst lieb sein, wenn ich es erfahre." – "Und endlich," fuhr sie fort, "martert mich die grausame Ungewissheit, ob ich mich, so ohne Vorwissen der Meinigen, mit einem Fremden in einen Handel einlassen darf, den ich nicht verstehe? Sie sehen selbst, mein lieber Herr, dass, so gern ich auch wollte, ich doch unmöglich mit ruhigem Herzen einschlagen kann, so lange ich nicht über diese drei Hauptpunkte mit mir selbst einig und eines Bessern belehrt bin." – "Das ist sehr begreiflich," antwortete ich: "Aber, wie gesagt, desswegen hätten Sie nicht gebraucht, erst in eine Bibliotek zu gehenIch würde eben so gut im stand gewesen sein, Ihnen hierüber Auskunft zu geben, wenn Sie, kleine Misstrauische, mir nicht Ihre Ohren verstopft hätten."

Unter diesen lehrreichen Gesprächen waren wir unvermerkt bis vor die Tür meiner Klause gekommen, die jetzt das gute Kind voller Frohsinn öffnete, und mit mir eintrat. Wir kamen glücklich dem Rousseau und Amor vorbei, liessen mein Bette linker Hand liegen, und traten nun beide sehr neugierig vor unsern Gerichtsstand. Zum Glücke waren von den Hauptquellen, ausser den Originalen, auch gute Übersetzungen da, die es Klärchen leicht machten, in der Geschwindigkeit eine Kommitee aus ihnen zu errichten, gegen die auch nicht die geringste Einwendung Statt fand. Sie setzte sie aus dreien der erfahrensten Männer zusammen, denen man schon Verstand, Gelehrsamkeit und kollegialische Eintracht zutrauen musste, sobald man sie in ihrer altväterischen Tracht ansteigen sah. Ich liess ihr mit Vorbedacht die Ehre der Wahl allein. Denn so angenehm es auch ist, wie ich wohl weiss, wenn ein Klient auf die Besetzung des Tribunals, das ihn richten soll, einigen Einfluss hat; so musste es doch auf der andern Seite, an der mir jetzt ehrenhalber noch mehr gelegen war, kein geringes Vorurteil von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen und der Güte meiner Sache bei dem lieben Mädchen erwecken, wenn sie mich selbst da ruhig sah, wo jeder zu zittern Ursache hat, er mag seines Rechtes auch noch so gewiss sein. Ohne die entfernteste Teilnahme also an der Ernennung dieser Herren, begnügte ich mich bloss mit der subalternen Rolle, nach dem Range, den ihnen Klärchen anwies, ihnen die Stühle zu rücken und sie von ihrem Schulstaube zu reinigen. Der erste, dem ich diesen Dienst zu erzeigen hatte